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Katholische Kirche:"Gefängnis, Hölle oder Konzentrationslager"

Regensburger Dom im Nebel

Die Turmspitzen des Regensburger Doms im Nebel

(Foto: dpa)
  • Mindestens 500 Opfer körperlicher und 67 Opfer sexueller Gewalt hat der Rechtsanwalt bei seinen Recherchen zum Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen ausgemacht.
  • In seinem Abschlussbericht berichtet Weber, dass "nahezu alle Verantwortungsträger bei den Domspatzen zumindest ein Halbwissen hatten".
  • Er geht mit dem Bischof Voderholzer und dessen Vorgänger Müller hart ins Gericht.

Mehr als 400 Seiten zählt der Abschlussbericht, den Ulrich Weber an diesem Dienstagmorgen vorlegt. Ein dicker Packen Papier, der die Dimensionen des Skandals bei den Regensburger Domspatzen bereits erkennbar macht. Nach zwei Jahren der Aufklärungsarbeit hat der vom Bistum Regensburg mit der Aufklärung beauftragte Rechtsanwalt insgesamt 500 Opfer körperlicher und 67 Opfer sexueller Gewalt ausgemacht. Der Zeitraum für diese Taten liegt zwischen den Jahren 1945 und den frühen Neunzigern.

Insbesondere die Vorschule der Domspatzen in Etterzhausen und Pielenhofen "beschrieben die Opfer als Gefängnis, Hölle oder Konzentrationslager", sagte Weber bei der Pressekonferenz in Regensburg. Auch am Musikgymnasium sei es regelmäßig zu Übergriffen gekommen. Bis Mitte der Siebzigerjahre seien die Zustände besonders schlimm gewesen, danach sei zwar seltener aber dennoch "durchgängig von Vorfällen schwerer Gewalt" berichtet worden.

Missbrauch in der katholischen Kirche Mindestens 547 Gewaltopfer bei Regensburger Domspatzen
Regensburg

Mindestens 547 Gewaltopfer bei Regensburger Domspatzen

Das geht aus dem Abschlussbericht zum Missbrauchsskandal hervor. Viele Opfer schildern darin die Jahre bei dem weltberühmten Chor als "schlimmste Zeit ihres Lebens".

Das Erziehungssystem bei den Domspatzen sei laut Weber "auf den Erfolg des Chors ausgelegt" gewesen. Um diesen Erfolg zu erreichen, hätten die Verantwortlichen auf einen "Dreiklang aus Gewalt, Angst und Hilflosigkeit" gesetzt, um "den Willen der Schüler zu brechen und ihnen Persönlichkeit und Individualität zu nehmen". Verantwortung für dieses jahrzehntelange System der Gewalt macht Weber nicht nur die Priester und Lehrer, die sich unmittelbar an den Chorknaben vergriffen haben.

Er müsse davon ausgehen, dass "nahezu alle Verantwortungsträger bei den Domspatzen zumindest ein Halbwissen" über die Vorfälle hatten. Explizit nannte Weber auch jene Eltern, die Hinweise auf Gewalt nicht ernst genommen haben oder ernst nehmen wollten.

Ins Gericht ging der Anwalt auch mit den Regensburger Bischöfen Gerhard Ludwig Müller (bis 2012) und Rudolf Voderholzer (seit 2013). Insbesondere Müller trage eine "klare Verantwortung" dafür, dass nach Bekanntwerden erster Misshandlungs- und Missbrauchsfälle im Jahr 2010 die Aufarbeitung nur schleppend voranging. Nachdem sich auch unter Nachfolger Voderholzer "wenig änderte", sei es erst im Jahr 2014 zu einem Paradigmenwechsel im Umgang mit dem Domspatzen-Skandal gekommen.

Die katholische Kirche hat die Versäumnisse bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen eingeräumt. "Wir haben alle Fehler gemacht und haben viel gelernt. Wir sehen heute, dass wir früher manches besser hätten machen können", sagte der Regensburger Generalvikar Michael Fuchs. So sei es nicht richtig gewesen, darauf zu warten, dass sich Betroffene meldeten. Man hätte vielmehr aktiv auf die Menschen zugehen müssen.

Abgeschlossen ist der Skandal nun trotzdem nicht, das machte Johannes Baumeister klar, der für die Methodik des Berichts verantwortlich war. "Aufklärung ist die Basis für die Aufarbeitung", sagte Baumeister. Und diese Aufarbeitung "muss zwingend von intern erfolgen". Man darf das als Aufruf an die Kirche verstehen, sich nun mit der weiteren Beratung, Betreuung und finanziellen Entschädigung der Betroffenen zu befassen.

Insgesamt seien 300 Anträge auf Entschädigungszahlungen gestellt worden, mit 50 Fällen hat sich das Aufarbeitungsgremium bereits befasst. Je nach Schwere der Gewalt oder des Missbrauchs stehen den Opfern zwischen 5000 und 20000 Euro zu. 450000 Euro seien bereits ausbezahlt worden, das Gremium rechnet mit einer Gesamtsumme von bis zu drei Millionen Euro. Bis zum Ende des Jahres soll der Großteil der finanziellen Entschädigungen dann ausbezahlt sein.

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