Kaiserin Elisabeth von Österreich "Ich bin erwacht in einem Kerker"

Elisabeth war eine scheue und hochkomplizierte Frau.

(Foto: dpa)

Sisi wechselte in ihrem Leben 2000 Mal den Ort. Dennoch hat sie sich nirgendwo geborgen gefühlt, wie ein neuer Band zeigt.

Von Hans Kratzer

Die Bedingungen für das Heranwachsen von Diven aller Art haben sich im 19. und 20. Jahrhundert keineswegs verschlechtert. Mehr denn je bemühen sich junge Frauen, so schön und kapriziös zu werden, dass die Welt endlich auf sie aufmerksam wird. Trotzdem: Nur wenige dieser Wesen besitzen die Aura der österreichischen Kaiserin Elisabeth, die nach deren Tod, im Gegensatz zur englischen Prinzessin Diana, noch einmal einen Schub bekommen hat. Mehr als ein Jahrhundert nach ihrer Ermordung thront die rätselhafte Kaiserin immer noch im Olymp der Superfrauen. Ihr Kosename Sisi suggeriert zwar Volksnähe, führt aber in die Irre. Kaiserin Elisabeth von Österreich war vor allem eine scheue, eigensinnige und hochkomplizierte Frau.

In erster Linie bleiben die spinnerten Menschen im Gedächtnis haften, vermutlich weil sie jene Welt verkörpern, die allein mit der Kraft des Verstandes nicht zu durchdringen ist. Sie stehen für die Sehnsucht vieler, aus den Fesseln des Alltags auszubrechen, wie es Sisi exzessiv vorgelebt hat. Wobei eines leicht übersehen wird: Trotz ihres ungebundenen Lebensstils ist diese Frau nicht glücklich geworden, vielmehr kommt in ihr eine Person in ihrer ganzen Verlorenheit und Rastlosigkeit zum Vorschein. Kaiserin Sisi war ihr Leben lang eine Getriebene. Das Bild, das die Schmalzfilme von ihr zeichnen, stimmt vorne und hinten nicht. Lebenslang von einem Ort zum anderen wechselnd, hat sie sich dennoch nirgendwo geborgen gefühlt.

Der Kaiservilla in Bad Ischl stand Kaiserin Sisi mehr als zwiespältig gegenüber.

(Foto: privat)

Es ist haufenweise Literatur über Sisi verfasst worden, das Spektrum reicht vom Groschenroman bis hin zur wissenschaftlichen Analyse. Die Existenz dieser Frau ist weitgehend ausgeleuchtet. Der Münchner Autor Alfons Schweiggert hat deshalb einen neuen Ansatzpunkt gewählt, um Antworten auf das Mysterium Sisi zu finden. Er nahm dazu ihre vielen Lebenswelten ins Visier, die tatsächlich bislang wenig beachtete Zugänge in ihre Seele öffnen (Sisis Wohnwelten, Traumschlösser, Seelenorte und Fluchtburgen der Kaiserin von Österreich, Allitera Verlag).

Ausgangspunkt von Schweiggerts Feldforschung ist die Renitenz der jungen Frau, die ihre Rolle als Kaiserin des Habsburgerreichs ablehnte. Sie war ein 17-jähriges Hascherl, als sie im April 1854 in Wien mit dem Kaiser Franz Joseph verehelicht wurde. "A Provinzlerin, aber bildhübsch halt", so zitierte die Presse die abschätzige Meinung der Wiener Aristokratie über das überforderte Mädchen aus Bayern, das als Kindfrau zur Kaiserin aufstieg. Das rigide Hofprotokoll, die strenge Etikette und die drastische Einengung der Persönlichkeit irritierten sie. "Ich bin erwacht in einem Kerker und Fesseln sind in meiner Hand", schrieb sie in einem Gedicht.

Auch in ihrer Rolle als Mutter und Ehefrau war sie heillos überfordert. "Die Ehe ist eine widersinnige Einrichtung", klagte sie. "Als 15-jähriges Kind wird man verkauft und tut den Schwur, den man nicht versteht und dann 30 Jahre oder länger bereut und nicht mehr lösen kann." Sie ergriff die Flucht, zunächst nach Madeira, eine Sucht, die lebenslang anhalten sollte. Sisi reiste meistens spontan ab. Oft wusste nicht einmal ihr Mann, wo sie sich gerade aufhielt. In ihrem 44-jährigen Reiseleben wechselte sie gut 2000 Mal den Ort.

Schloss Miramare bei Triest, Brückenkopf für Sisis Reisen.

(Foto: privat)

Ruhelos jagte sie durch Europa und den Orient. Dabei wohnte sie nicht nur in Schlössern und Burgen, sondern auch in Villen, Landhäusern, Hotels, Jagd- und Berghütten sowie in Schiffskajüten. Wie Schweiggert ausführt, mussten angemietete Luxushotels oft erst nach den Wünschen der Kaiserin umgebaut werden. Sie brachte es sogar fertig, sich ohne langes Fragen in einem Privatquartier einzunisten. Oft blieb sie mit ihrem 60-köpfigen Tross nur wenige Tage, dann befiel sie schon wieder eine Unruhe. Sie war pausenlos in Bewegung und mutete ihren Begleitern Gewaltmärsche bis zur völligen Erschöpfung zu. "Man soll nur so lange als nötig in den Häusern seine Stunden verbringen", gab sie als Motto aus. Viel wohler als in Schlössern fühlte sie sich "unter stinkenden Fellachen auf dem Basar von Kairo oder auf den überfüllten Straßen von Neapel".

"Ihr Leben war, selbst für heutige Verhältnisse, extrem mobil und nomadisch", sagt Schweiggert. Dabei waren ihre Wohnwelten verblüffend unterschiedlich. Die Wiener Hofburg hasste sie von Haus aus, der Kaiservilla in Bad Ischl und Schloss Schönbrunn stand sie mehr als zwiespältig gegenüber. Ihre Fluchtburgen auf Madeira, Mallorca und Korfu, besonders Schloss Miramare bei Triest und Schloss Trauttmannsdorf bei Meran liebte sie. Sie fühlte sich zu einfachsten Unterkünften hingezogen, gab sich aber auch dem pompösen Lebensstil leidenschaftlich hin. Sie investierte immense Summen in den Bau des Achilleions in Korfu, das sie aber kurz nach der Fertigstellung nicht mehr interessierte.

Sisi riskierte oft ihr Leben

Der ideale Aufenthaltsort ließ sich aufgrund ihrer gespaltenen Persönlichkeit letztlich nicht finden, resümiert Schweiggert. Dem stand auch ihr Fatalismus entgegen. Sisi riskierte beim Reiten, in den Bergen wie auf See stets ihr Leben. "Es dürfen mich auch nur Menschen begleiten, die entweder nichts mehr zu verlieren oder mit dem Leben überhaupt abgeschlossen haben." Sie war nach vielen Schicksalsschlägen ganz einfach lebensmüde.

Und doch verleiten manche Episoden in dem mit vielen Abbildungen geschmückten Band auch zum Schmunzeln. Nach der Eröffnung des Hotels Vier Jahreszeiten in München stieg Elisabeth gerne dort ab. Besonders gefiel ihr Dittmanns Wellenbadschaukel, ein frühes Wellness-Utensil. Dort soll die Kaiserin einmal derart temperamentvoll geplanscht haben, dass die Wellen das Bad überfluteten und das Badewasser bis zum unteren Stockwerk durchsickerte. Die Wellenbadschaukel wurde daraufhin bald wieder abgeschafft.

Zweifellos war die Kaiserin eine intelligente Frau mit zahlreichen Talenten, aber sie fand letztlich keine Aufgabe, die sie gefordert und zufriedengestellt hätte. Ihre Ruhelosigkeit und ihr Unglück bildeten, ähnlich wie bei ihrem Cousin Ludwig II., im Verbund mit ihren Bauwerken und Wohnwelten den idealen Grundstoff, um daraus einen Mythos zu schaffen.

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