"Jung sein in Bayern - fit für Europa" Mehr davon!

Bayern, Deutschland, Europa - vor dem Landtag wehen alle drei Fahnen. Jugendliche beschäftigen sich in einem EU-Projekt mit allen Ebenen.

(Foto: Florian Peljak)

Von wegen, Jugendliche interessieren sich nicht für Politik. Im EU-Dialog fordern sie ein Jugendparlament und ein Schulfach Europa

Von Anna Günther

Politiker denken nur an Rentner und die Generation 50 plus. Wer mit Jugendlichen spricht, hört diese Klage oft. Tatsächlich machten die über 60-Jährigen bei der Bundestagswahl die größte Wählergruppe aus, am wenigsten beteiligten sich Leute, die jünger waren als 40. Was junge Leute wollen im Leben, was sie antreibt und auf was sie hoffen, scheint Erwachsenen oft ein Rätsel zu sein. Um zu erfahren, wo junge Frauen und Männer sich sehen und was sie von Politikern fordern, hat die Europäische Union (EU) einen strukturierten Dialog initiiert. Ziel ist, die Jugendlichen aller 28 Mitgliedstaaten zu beteiligen und "deren Leben bis 2019 besser zu machen".

Ob das so schnell geht? Im Alten Rathaus in München waren Schüler und Studenten zuversichtlich. Am Montag kamen Jugendliche aller Schularten zwischen 14 und 24 Jahren zusammen. Seit Monaten erarbeiten sie für das Projekt "Jung sein in Bayern - fit für Europa" Themen, Wünsche und Forderungen. Im Alten Rathaus diskutierten sie ihre Ideen unter anderem mit Kommunalpolitikern und Vertretern der Landtagsfraktionen. Die Hoffnung der Jugendlichen, etwas zu bewirken, ist groß, die Ziele sind größer. "Die Weichen für die Zukunft werden doch jetzt gestellt. Gerade beim Thema Umwelt und Klimawandel müssen wir jetzt handeln, sonst sind wir aufgeschmissen", sagte Vanessa Jaupi, 21. Sie möchte den Politikern "Denkanstöße" geben und fordert wie viele Teilnehmer, dass der Lehrplan überarbeitet werden muss: Mehr Sozialkunde und deutlich früher, mehr Zeit für aktuelle Themen und mehr Europa. Eine Gefahr für die Zukunft der EU sieht Clemens Haase, 16, in rechtspopulistischen Parteien, die offen gegen die EU hetzen. Viele Leute wüssten nicht, wo die Vorteile der EU lägen und wie das System EU funktioniere. "Wir müssen Europa verstehen, sonst wird sich niemand damit identifizieren. Um zu verstehen, brauchen wir mehr Zeit in der Schule", sagte der Gymnasiast aus München-Moosach. Haase bezeichnet mehr und früheren Politikunterricht als "Herzensthema".

Haase ist für europäische Akzente in allen Fächern, Moritz Hofmann, wie Jaupi Beamtenanwärter in der Münchner Stadtverwaltung, fordert ein eigenes Schulfach Europa, in dem Verträge, Geschichte und Gegenwart des Staatenbundes vermittelt werden. Dass das im Lehrplan steht, lässt Hofmann, 20, der in Würzburg Abitur gemacht hat, nicht gelten: "Was steht schon im Lehrplan! Lehrer sagen oft, dass sie den Stoff nicht schaffen oder ignorieren den Wunsch nach aktueller Diskussion gekonnt, weil keine Zeit ist."

Für Schulen ist das bayerische Kultusministerium zuständig, aber die Jugendlichen hatten neben Wünschen nach interaktivem Unterricht, Projektwochen, Schüleraustausch auch an Real- und Mittelschulen sowie Reisen nach Brüssel und Straßburg auch Forderungen an Brüsseler Politiker: Für mehr Nachhaltigkeit müsse die EU Kampagnen schalten, Kontrollen verschärfen und ein eigenes Siegel schaffen. Ein EU-weites freiwilliges soziales Jahr und Vergünstigungen für Ehrenamtliche sollen das Engagement für die Gesellschaft fördern. Sie fordern einen Mindestlohn für jeden EU-Staat, Bafög für Azubis und ein europäisches Jugendparlament mit Einfluss. EU-Mittel sollen in Bayern den öffentlichen Nahverkehr auf dem Land verbessern und die Digitalisierung der Schulen vorantreiben. Ob die Jugendlichen mit der Performance der Politiker zufrieden sind, würden sie über direktes Online-Feedback mitteilen.

Die Honoratioren im Alten Rathaus waren zufrieden. "Tolle Kinder sind das! Ich bin positiv angetan, es ist keine Dummheit gefallen", sagte Werner Weidenfeld, dessen Centrum für angewandte Politikforschung (CaP) wie die Landeszentrale für politische Bildung ein Projektpartner des Europadialogs ist.