Hochwasserschutz in Bayern Nach der Katastrophe ist vor der Katastrophe

Bayern hat Milliarden in den Hochwasserschutz investiert, trotzdem versinken ganze Landstriche in den Fluten. Ist die Kraft des Wassers nicht zu bändigen? Oder wurde das Geld in falsche Maßnahmen gesteckt?

Von Anna Fischhaber und Sebastian Gierke

Gewaltige Fluten, verwüstete Landstriche, zerstörte Existenzen: Die Kraft des Wassers hat den Menschen immer wieder das Fürchten gelehrt. Lange war man machtlos, wenn Flüsse und Bäche zu reißenden Fluten wurden.

1999 zum Beispiel. Oder im August 2002. Nach extremen Niederschlägen rollte damals eine verheerende Flutwelle durch halb Europa. In Bayern waren besonders Regensburg und Passau betroffen. Das Wasser verursachte nach Angaben der Bundesregierung in Deutschland Schäden von 13 Milliarden Euro.

Als sich die Fluten dann wieder zurückgezogen hatten, die Schäden beseitigt waren, wurde über die Konsequenzen diskutiert. Lässt sich eine solche Katastrophe für die Zukunft verhindern oder zumindest eindämmen? Kann man etwas tun gegen die Kraft des Wassers?

Man kann, sagt Daniel Skublics, der am Lehrstuhl für Wasserbau und Wasserwirtschaft der Technischen Universität München zum Thema Hochwasserschutz forscht. Allerdings sei die Situation an der Donau im Moment besonders dramatisch. Große Wassermengen strömten sowohl aus Norden als auch aus Süden in den Fluss. "Meist gibt es entweder alpingeprägte Zuflüsse aus dem Süden oder Flachlandzuflüsse durch Lab und Regen aus dem Norden." Durch die flächendeckenden Niederschläge käme das Wasser diesmal jedoch von beiden Seiten.

Deshalb sei auch die Situation in Passau besonders dramatisch. Doch schon jetzt ist klar, dass die in den vergangenen Jahren in Bayern umgesetzten Maßnahmen etwas gebracht haben. Hochwasserschutzmaßnahmen bewähren sich, viele Orte im Freistaat sind heute besser geschützt als sie es vor zehn Jahren waren.

2,3 Milliarden Euro will Bayern bis 2020 in den Hochwasserschutz investieren. Mehr als die Hälfte, etwa 1,6 Milliarden Euro, sind seit 2001 bereits in den Hochwasserschutz geflossen. Etwa 400.000 Menschen wurden seitdem zusätzlich geschützt, erfährt man beim Landesamt für Umwelt. Deiche wurden auf 420 Kilometer saniert und rund 760 Kilometer Gewässerstrecken renaturiert. Ganz vermeiden lasse sich Hochwasser aber nie, erklärt Sprecher Stefan Zoller. Vom allem die Schaffung von natürlichem Rückhalt, also von Flächen, auf denen die Flüsse übertreten können, sei ein langer Prozess. "Wir müssen dazu alle Beteiligten an einen Tisch bringen", sagt Zoller. "Und das braucht Zeit."

Wissenschaftler Skublics weist auf Bad Tölz und München hin. Hier sei man vom Hochwasser kaum betroffen. Auch an der Iller, auf der über den gesamten Flusslauf ein Hochwasserschutzprogramm durchgeführt worden sei, gebe es keinerlei Probleme. "Die Schäden hier sind aufgrund der getroffenen Maßnahmen sehr gering", sagt Skublics. Wasserspeicher wie der Sylvensteinspeicher seien verbessert, Rückhaltepolder eingerichtet worden, die Deiche wurden verstärkt.

Um die richtigen Maßnahmen entbrennen aber immer wieder erbitterte Diskussionen. Einig sind sich Experten darin, dass der natürliche Hochwasserschutz, zum Beispiel durch Flussauen grundsätzlich das beste Mittel ist. "Ohne technischen Hochwasserschutz geht es aber bei der Donau nicht", sagt Daniel Skublics. Aufgrund der hohen Besiedlungs- und Infrastrukturdichte in unmittelbarer Nähe zum Fluss, seien Deiche und Wasserspeicher unbedingt notwendig. Er bringt es auf die Formel: "Wenn wir keine Bebauung hätten, hätten wir auch kein Hochwasserproblem."

"Den letzten beißen die Hunde"

Hier setzen die Grünen mit ihrer Kritik an: Im Zuge der ungebremsten Ausweisung neuer Bau- und Gewerbegebiete sowie Verkehrswege steige auch die Flächenversiegelung zwangsläufig. Jährlich werde in Bayern fast die Fläche des Chiemsees verbraucht. "Diese betonierten und asphaltierten Flächen können dann nicht als Regenrückhaltegebiet dienen. Das Wasser muss unmittelbar in die Flüsse geleitet werden und verschärft die Hochwassersituation", sagt der Landtagsabgeordnete Christian Magerl. "Die Flächenversiegelung muss in Zukunft drastisch reduziert werden."

Auch der Bund Naturschutz kritisiert die Hochwasserschutzpolitik in Bayern scharf - und fordert, die Priorität endlich auf den ökologischen Hochwasserschutz zu legen. "In Bayern muss es endlich einen klaren Vorrang für den ganzheitlichen, flächendeckenden und ökologischen Hochwasserschutz geben", sagt der Bund Naturschutz.

"Beton, Polder und noch eine Erhöhung der Deiche können die Bevölkerung vor einer erneuten Flut nicht wirklich schützen und verlagern die Probleme zu den Unterliegern", kritisierte der Verein bereits 2007. Nun sieht man sich in seinen Forderungen bestätigt: "So ein Hochwasser entsteht ja nicht in Passau, sondern in der Donau und ihrem gesamten Einzugsgebiet", erklärt Richard Mergner, Landesbeauftragter des Bund Naturschutz in Bayern. Doch Gewässer in Bayern seien begradigt, kanalisiert und Flächen verbaut worden. Die Folge: "Der Fluss kann nicht mehr übertreten und den letzten beißen die Hunde", sagt Mergner.

Unter Wasser

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In anderen Bundesländern würde der Hochwasserschutz besser funktionieren: So seien an der Elbe bereits Deiche rückverlegt und Flächen zum Wassersammeln geschaffen worden. An der Donau sei dagegen in den vergangenen Jahren wenig passiert: "Dort wurde viel Zeit verschwendet, weil die Staatsregierung bis vor kurzem noch eine Staustufe bauen wollte und der Hochwasserschutz nicht voran kam", kritisiert Mergner. Nun sei es höchste Zeit zu handeln.

Tatsächlich sind einige Probleme an der Donau menschgemacht. Der jahrzehntelange Streit über den Donauausbau zwischen Straubing und Vilshofen verzögerte die Maßnahmen zum Hochwasserschutz. "In dem Bereich stehen viele Maßnahmen noch aus", sagt Skublics. "Hier ist man vor Hochwasser noch relativ wenig geschützt." Darunter muss jetzt auch Passau leiden. "Die Stadt selbst ist aufgrund ihrer Lage schwer zu schützen", sagt Skublics. Doch der Schutz vor dem Hochwasser, der beginne donauaufwärts.