Gustl Mollath vor Gericht Ein unbequemer Angeklagter

Gustl Mollath am ersten Verhandlungstag im Gerichtssaal des Landgerichts Regensburg

(Foto: REUTERS)

Erst will Gustl Mollath schweigen, dann redet er dazwischen. Er will sich verteidigen und klagt zugleich an. Beim Prozessauftakt in Regensburg gibt sich der Angeklagte unbequem. Dabei ist ihm ein Freispruch eigentlich sicher.

Von Ingrid Fuchs, Regensburg

Ginge es Gustl Mollath nur um einen Freispruch, wäre die Angelegenheit am Landgericht Regensburg wohl relativ unkompliziert. Er könnte sich die kommenden 16 Verhandlungstage entspannt zurücklehnen und das Verfahren als Beobachter verfolgen. Das will er aber offensichtlich nicht. Er wünscht sich eine vollständige Rehabilitierung - und gab sich dafür zum Prozessauftakt unnachgiebig bis widerspenstig. An diesem Dienstagmittag geht die Verhandlung weiter - dann muss das Gericht zunächst über den Beweisantrag der Verteidigung entscheiden.

Mehrmals redete Mollath am Montag dazwischen - stets höfliche Entschuldigungen vorausschickend. Er erläuterte etwa sein abgrundtiefes Misstrauen gegenüber Gutachter Norbert Nedopil und der gesamten Psychiatrie: ausführlich, emotional und mit jenen für ihn so typischen eigentümlichen Formulierungen. Frei sprechen vor Gericht? "Das kann ich nicht, wenn Herr Nedopil als Damoklesschwert über mir schwebt." Dabei hatte der 57-Jährige eigentlich angekündigt, gar nichts mehr sagen zu wollen, so lange der Gutachter den Saal nicht verlässt. Doch Nedopil blieb. Und Mollath redete weiter.

Tut sich der Angeklagte mit seinem Verhalten einen Gefallen?

Schon vor dem Prozessauftakt stand fest, dass Mollath wohl freigesprochen wird. Da es sich um ein Wiederaufnahmeverfahren handelt, dürfen die Rechtsfolgen für den Nürnberger nicht negativer ausfallen als beim ersten Verfahren. Damals wurde er wegen Schuldunfähigkeit freigesprochen. Selbst wenn das Gericht also zu dem Urteil käme, dass er die ihm zur Last gelegten Taten - er soll seine Frau körperlich misshandelt und Reifen zerstochen haben - tatsächlich begangen hat, dürfte er nicht zu einer Haft- oder Geldstrafe verurteilt werden.

Bilder vom Prozess

Mollath vor Gericht

Hinzu kommt, dass es schwierig werden dürfte, Mollaths Schuld nachzuweisen. Die Hauptbelastungszeugin, Mollaths Exfrau Petra M., hat die Aussage verweigert. Dem Vorwurf der Reifenstecherei wurde beim ersten Verfahren schon zu nachlässig nachgegangen. Wie sollen da nach mehr als acht Jahren noch Beweise erbracht werden? Schwer vorstellbar.

Wer klagt hier eigentlich wen an?

Doch nach siebeneinhalb Jahren in der geschlossenen Psychiatrie möchte Mollath offenbar mehr, als wegen nicht nachweisbarer Taten freigesprochen zu werden. Nach dem ersten Prozesstag scheint es so, als wolle er den Gegenbeweis antreten. Er und sein Anwalt Gerhard Strate brachten die Schwarzgeldvorwürfe, die Mollath einst gegen seine Frau erhoben hat und bis heute aufrechterhält, ins Spiel. Dazu stellte Strate den Beweisantrag. Er forderte, auch ehemalige Angestellte jener Banken zur Vernehmung zu laden, für die Petra M. gearbeitet hat. Fast verschwimmt dabei, wer hier eigentlich wen anklagt.

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Vor acht Jahren legte niemand großen Wert auf Aufklärung. Mollath war am 8. August 2006 vor dem Landgericht Nürnberg sein eigener Anwalt, brachte eine 106 Seiten umfassende teils wirre Verteidigungsschrift ein. Der damalige Richter Otto Brixner empfand es nicht als nötig, sich da durchzukämpfen, wie er vergangenes Jahr im Untersuchungsausschuss des Bayerischen Landtags lapidar kundtat.

Mollath macht es seinem jeweiligen Gegenüber sicher nicht immer leicht. Er beharrte damals auf Details, korrigierte Aussagen anderer, drückte sich umständlich aus, wirkte dabei zuweilen kauzig. Und er gab nicht nach, weil er sich im Recht fühlte. Brixner wiederum machte es ihm damals unmöglich, sich zu verteidigen, am Ende verhielt sich der Richter wie ein Ankläger.

Vielleicht hat Mollath diesmal mehr Erfolg, zumindest hat er bessere Chancen mit diesem Verhalten. Die bayerische Justiz räumt dem Fall ungewöhnlich viel Zeit ein - 17 Verhandlungstage sind angesetzt, die bloße Aufklärung der Vorwürfe gegen den 57-Jährigen dürfte kaum so lange dauern. Zudem steht das Landgericht Regensburg unter öffentlicher Beobachtung. Fehler will sich diesmal niemand erlauben. Spürbar wurde dies beim Prozessauftakt auch im Umgang der Vorsitzenden Richterin Elke Escher mit dem Angeklagten.

Escher begegnete Mollath auf Augenhöhe, blieb trotz wiederholter Zwischenbemerkungen bislang gelassen und freundlich. Sie soll nun herausfinden, ob der Angeklagte die ihm angelasteten Taten begangen hat. An diesem Dienstag soll es um die Vorwürfe der Körperverletzung und Freiheitsberaubung gehen, zwei Polizisten sind als Zeugen geladen. Wenn sich Mollath genauso oft zu Wort meldet wie am Montag, wird sich bald zeigen, wie groß die Geduld der Richterin ist.

Doch der Angeklagte will eben nicht nur seine Unschuld beweisen, sondern auch, dass er recht hat. Ob er anderen dabei bequem ist, dürfte ihm herzlich egal sein.

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