Fall Mollath in Regensburg:"Moralisch ist das nicht in Ordnung"

Nur zweieinhalb Stunden dauert der erste Prozesstag im Fall Mollath - weil seine Exfrau die Aussage verweigert. Es ist nicht die einzige Enttäuschung, die der Angeklagte vor dem Landgericht Regensburg erlebt.

Von Thierry Backes und Ingrid Fuchs, Regensburg

"Ich habe keinen festen Wohnsitz": Gustl Mollath spricht klar, deutlich und mit fester Stimme. Sieben Jahre lang war er gegen seinen Willen in der Psychiatrie eingesperrt, vor einem Jahr wurde er entlassen und wohnt seitdem bei verschiedenen Freunden. Seit diesem Montagmorgen steht er wieder vor Gericht. Der 57-Jährige ist pünktlich, um 8:55 Uhr erscheint er im Schwurgerichtssaal im Landgericht Regensburg. Er trägt einen schwarzen Anzug mit roter Krawatte und eine große Sporttasche. In ihr stecken dicke Aktenordner, darin hat Mollath Details seiner Geschichte dokumentiert.

17 Tage lang soll es hier nun um die Frage nach seiner Schuld gehen. Hat Mollath seine Frau geschlagen, gewürgt, getreten? Sie im gemeinsamen Haus festgehalten? Autoreifen zerstochen? Zugleich, auch wenn das so nicht in der Anklage steht, geht es um die Schwarzgeldvorwürfe, die Mollath damals erhoben hat. Und um die Rolle, vielleicht sogar um den Ruf der bayerischen Justiz.

Wie heikel der Fall Mollath ist, zeigt sich bereits bei der Verlesung der Anklage. Im Gerichtssaal ist kaum etwas zu verstehen, Mollath-Anhänger trommeln draußen vor dem Gerichtsgebäude. Für Günter Mühlbauer und seine gut zwei Dutzend Mitstreiter ist dieser Prozess mehr als nur eine Aufarbeitung des Falles Mollath. Es geht ihnen um Gerechtigkeit für Justizopfer.

Mühlbauer hat sich deshalb eine Richterrobe übergezogen und lässt sich von Psychiatrieopfern in Sträflingsuniform ziehen. Die fordern "Freiheit und Gerechtigkeit" - doch die, schreit Mühlbauer ins Mikrofon, gebe es nur für "die Reichen und die Schönen". Dann wendet der falsche Richter sich an die echten, drinnen im Regensburger Gericht, und sagt: "Wenn ihr richtig arbeiten würdet, würden wir nicht hier vorne stehen."

"Die Anwesenheit eines Gutachters ist für mich unerträglich"

Auch im Gerichtssaal läuft es nicht ganz reibungslos ab. Ein Zuhörer steht auf, unterbricht die Richterin Elke Escher und fragt, ob das Getrommel nicht aufhören könne. Mollath erhebt die Stimme, um zu fragen, ob er ein Glas Wasser trinken dürfe. Als es ihm Escher erlaubt, zieht er eine Flasche Wasser und ein eingewickeltes Glas aus einer blauen Stofftasche und kommentiert: "Das ist übrigens Regensburger Leitungswasser."

Mollath und sein Verteidiger Gerhard Strate scheuen sich nicht, unbequem zu sein. Gleich zu Beginn verlangt Strate, den psychiatrischen Gutachter von seiner Aufgabe zu entbinden. "Die Verteidigung beantragt, die Bestellung von Professor Norbert Nedopil als Gutachter zurückzunehmen." Andernfalls könne sich Mollath nicht frei äußern, da jedes Zucken seiner Augenbrauen, jede Regung im Gesicht bewertet werde.

Der Angeklagte legt nach: "Die Anwesenheit eines Gutachters ist für mich unerträglich." Erfolg haben die beiden mit der Forderung nicht. Es sei ein "Dilemma", sagt der Staatsanwalt. Die Strafprozessordnung sehe die Anwesenheit des Gutachters vor. "Das Gericht muss sich mit der Frage der Schuldfähigkeit und der Gefährlichkeit des Angeklagten befassen." Dem folgt auch das Landgericht um Richterin Escher - und weist den Antrag der Verteidigung zurück. Nedopil bleibt.

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