Günzburg:"Wer einmal in einem Zelt gewohnt hat, kann nicht zurück"

Günzburg: Gerhard GEGE Sprenger - Lebenskünstler

Nur keine Hektik gilt für Gerhard Sprenger, genannt Gege. Dabei ist der 61-Jährige, der Drucker gelernt hat, immer auf Achse und arbeitet auch in Werkstätten anderer Kunstschaffender.

(Foto: Johannes Simon)

Der 61-jährige Künstler "Gege" isst und schläft dort, wo er Arbeit hat. Sicherheit bedeutet für ihn Stillstand.

Von Lisa Schnell, Günzburg

Die Küche von Gerhard Sprenger ist ein Schrank in einem Schuppen. Zwischen Spinnweben und Farbeimern öffnet er die verstaubte Tür: Konserven, Öl, Trödelmarkt-Teller. Sprenger, den alle nur "Gege" nennen, geht weiter. Es riecht nach Leinöl, auf der Werkbank Pinsel von grob bis fein. Für andere ist das eine Werkstatt, für Gege: sein Hausflur. Noch eine Stufe dann ist er da. Sieben Quadratmeter, ein Hochbett, Bücherstapel, ein Holzofen. Keine Dusche, keine Couch, kein Platz. Genug, findet Gege.

Er ist jetzt 61, ein dünner, großer Kerl mit sehnigen Gliedern und Ankertattoo am Unterarm. Unter seiner Fischermütze zauseln graue Haare hervor. Sie ist schwarz wie fast alles, was er trägt. Den Winter über wird er sie wohl kaum abnehmen, so warm wird der Holzofen dann doch nicht.

Die Stube hinter der Werkstatt ist seine Winterhöhle, sein Quartier, ein Zuhause ist sie nicht. Gege isst und schläft dort, wo er gerade Arbeit hat. Bei der Kirchenmalerin Margarete aus Günzburg hinter der Werkstatt, bei einem Freund in Frankfurt oder aber unter der Bühne im Theatersaal, seinem "Lieblingsschlafzimmer". Schlägt er dort die Augen auf, ist er in einem barocken Märchen oder auf einer italienischen Plaza, je nachdem, was die Bühnenkulisse hergibt.

"Wichtig ist, was ich mache, nicht wo ich wohne"

Meistens hat er sie selbst gemalt. So ziemlich alles, was man mit Holz und Farbe anstellen kann, hat Gege ausprobiert: Er restauriert Kirchentüren, malt mit Öl, auf Glas, zeichnet und schreinert. Baut einen Kunstraum, ganz in Rot, um der Farbe nachzuspüren, entwirft eine Plastiktüte mit der Aufschrift: "Plastik statt Jute".

"Wichtig ist, was ich mache, nicht wo ich wohne", sagt er. Im Tun ist er zu Hause, nicht an einem Ort. Sein Glück? Zeit haben. Zeit, in der er lernt, wie man zimmert und schmiedet, in der er Freunde gewinnt, die seine Arbeiterhände schätzen, ihm ein Bett geben und Lohn. Gege ist ein Umsiedler, ein Einsiedler ist er nicht. Sein Bettennetzwerk spannt sich über ganz Deutschland.

Gerade zieht er wieder um. Den Sommer verbrachte er bei einem Freund nicht weit von Günzburg auf dem Land, kümmerte sich um den Garten, die alte Mutter. Er schlief in einer Lagerhalle auf der Wiese vorm Haus. Mit Malerfilz hat er sich ein paar Meter abgetrennt.

Als Gege noch sesshaft war, machte er eine Druckerlehre

Die Küchenzeile steht im Freien. Die Arbeitsplatte ist eine Werkbank mit Schraubkurbel. Messer und Gabeln stecken in Blumentöpfen aus Ton. Der Tisch: eine Glasplatte auf zwei Holzböcken. Jedes Mal wenn Gege hier ist, verändert er was. "Es ist die permanente Improvisation", sagt er und zündet sich eine Zigarette an, obwohl er ja gar nicht raucht. Aber es passt eben so gut zum Weißwein und zum Erzählen.

Davon, wie er noch sesshaft war, eine Druckerlehre machte. Wie er es dann bleiben ließ, als er Parteiwerbung illustrieren sollte, von der er ungefähr so viel hielt wie von dem Computer, den er auf einmal statt Blei und Winkelhaken benutzen sollte. Wie er dann nach Freiburg ging, Stammgast wurde in der legendären Studentenkneipe Litfaß. An der Theke keine "Bierdimpfi", sondern Schauspieler, Regisseure, Diskussion.

Bald arbeitete er selbst am Theater als Bühnenbildner, trat ein in eine Welt, in der alle per Du sind, Schauspielerinnen "wenig Textil" tragen und ab und zu einer von der RAF auftauchte.

Sicherheit ist für Gege ein Zurücklehnen im Ohrensessel

Es waren die späten Siebziger. Nach Verfolgungsjagden mit der Polizei über die Dächer wollte Gege nach Berlin. Das ging schief wegen der Liebe, die ging auch schief. "Alles flüchtig". Zwischendrin wäre er fast nach Neuseeland ausgewandert, weil der Sonnenstrahl durchs Fenster gerade dort auf den Globus fiel.

Stattdessen tourte er in einem Zirkuszelt durch die Republik, machte Theater. "Wer einmal in einem Zelt gewohnt hat, kann nicht zurück", sagt er und zog für immer raus in die Welt. Sicherheit, das ist für ihn ein Zurücklehnen im Ohrensessel, angenehm, aber ohne Bewegung, Stillstand.

"Du schläfst ein, wirst betriebsblind, woanders bist du wach." Aber was ist, wenn er alt ist, Hilfe braucht? "Selbst Hand anlegen", sagt er ohne Angst in der kehligen Stimme und korkt die Weinflasche zu. Es ist kalt geworden. Bald zieht er um in die Werkstatt. Gewürze, ein paar Bücher, mehr nimmt er nicht mit. Und danach? Er weiß es noch nicht.

Für den Tipp danken wir Marina Sawall und Stefan Wilke aus Berlin.

© SZ vom 12.01.2016/mkro
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