Franken Der Mob, der aus dem Internet kam

Beim Cybermobbing kann verbale Gewalt auch in eine reale physische Bedrohung umschlagen.

(Foto: dpa)

Erst Spott, dann Streit, dann Hass: Nach der Veröffentlichung von Tanz-Videos auf Youtube versammeln sich 100 Hater vor einem Haus in Mittelfranken. Am Ende muss die Polizei eingreifen.

Von Olaf Przybilla, Emskirchen

Zu einem größeren Einsatz sahen sich am Montag Kräfte der Polizei in Westmittelfranken gezwungen. Sie versammelten sich im Ortsteil Altschauerberg der Gemeinde Emskirchen im Kreis Neustadt/Aisch. Der Grund waren Aufrufe im Internet, das Haus eines Einwohners des Ortes zu stürmen.

Dieser betreibt einen Kanal auf Youtube und hatte dort zunächst Filme veröffentlicht, auf denen zu sehen ist, wie er zu Musik Tanzbewegungen macht. Diese Filme erregten Aufmerksamkeit, manche fanden die Filme offenbar ästhetisch mutig, andere lustig, wieder andere nahmen Anstoß daran. Auf Kritik reagierte der junge Mann mit harscher Gegenkritik, dies schaukelte sich immer drastischer hoch.

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Inzwischen wurde der Mann aus Mittelfranken zum Gegenstand einer sogenannten Hater-Bewegung: zum Opfer also einer Gruppe von Internet-Nutzern, die mit allen Mittel versuchen, dem Mann zu schaden und ihn zu verunglimpfen. Und zwar im Netz, aber auch durch Besuche an seinem Haus. Für Montag hatten sich die Netz-Hasser in der Nähe seines Hauses verabredet. Daraufhin wurde dort ein Versammlungsverbot erlassen.

In einer seiner auf Youtube verbreiteten Beiträge hatte der Emskirchener zuvor Zuschauer seines Kanals aufgefordert, Anrufe bei seiner Schwester zu unterlassen. Er hatte stattdessen seine private Adresse bekanntgegeben, bei der sich Mobber einfinden sollten, offenbar um Konflikte austragen zu können. Die Mobber sahen sich angeblich dadurch angespornt, dies zu tun und verabredeten sich unter einem Hashtag.

Trotz massiver Polizeipräsenz war deren Ton auf Twitter auch am Montag ungebremst hämisch und aggressiv: "Stellt euch vor, ihr müsst als Polizei Mittelfranken die verrottete Schanze mit einem adipösen, ungebildeten Menschen darin, der euch auch noch ständig beleidigt, verteidigen." Andere kamen dem Mann zu Hilfe und hinterfragten die Motive der Hasser: "Gebt doch einfach zu, dass ihr Sadisten seid, die einen Menschen leiden sehen wollen", schrieb ein User.

Nach Angaben von Einsatzleiter Thomas Klein versammelten sich bis zum Nachmittag etwa hundert Personen in und bei Altschauerberg. Man sehe sich gezwungen, Platzverweise auszusprechen, sagte er. Es gehe der Polizei darum, "alle Bewohner von Altschauerberg zu beschützen".

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