Neuer Film über Ludwig II. Bei Ludwig war bairisch verboten

Der Mythos stöckelt: Der alte Ludwig (Sebastian Schipper) und seine Lakaien auf dem Weg zu Schloss Herrenchiemsee.

(Foto: Bavaria Film/Warner Bros.)

Peter Sehr trägt Kopfhörer um den Hals, das weiße Hemd ist an den Armen hochgekrempelt, das volle graue Haare hüpft beim Herumeilen auf und ab, die dicke Brille aber sitzt betonfest. Seine Frau, die in Frankreich aufgewachsene Marie Noëlle, hat ein schwarz-weißes Ringel-Shirt an, es passt so gar nicht zu der Bibliothekarinnenaura dieser Regisseurin mit dem strengen Blick und den nach hinten gebundenen Haaren. Die beiden arbeiten seit 1979 zusammen, sie schufen etwa den vielfach ausgezeichneten "Kaspar Hauser" oder zuletzt "Die Frau des Anarchisten", auch drehten sie schon mit Adrien Brody oder Daniel Craig.

Aber einen Film wie "Ludwig II." haben sie noch nicht gestemmt: acht Jahre Vorbereitung, 72 Drehtage und eine umfangreiche Finanzierungsallianz aus Produktionsfirmen, Sendern und Förderfonds, die Engagements etwa von Selge, Hannah Herzsprung, Justus von Dohnányi, Tom Schilling, Uwe Ochsenknecht, Gedeon Burkhard, Katharina Thalbach und Samuel Finzi möglich machte. Und wen wählen die Regisseure aus den 370 Bewerbern als Hauptdarsteller? Den heute 28 Jahre alten Theaterschauspieler Sabin Tambrea, der sich für die Bewerbung mit seinem iPhone gefilmt hat. Die Exzentrik von Ludwig II. ist dem in Rumänien geborenen und in Nordrhein-Westfalen aufgewachsenen Tambrea bis zum Casting natürlich nicht in voller Dimension bekannt. Aber er hat ja viel unter Claus Peymann am Berliner Ensemble gespielt.

"Griaß Gott", grüßt Peter Sehr Gäste am Set, und der gebürtige Hesse spricht es genau so aus, also zum Wehtun unbayerisch. Will er sich sprachlich anpassen an die Szenerie? Mitnichten, denn: "Bei Ludwig war es sogar verboten, bairisch zu reden", sagt er. Die Königstreuen wären damit also schon mal verprellt. Aber um die geht es Sehr und Noëlle ja gar nicht. Den beiden geht es um das große Ganze des ganz Großen: um Ludwig als visionären Pazifisten, als unschuldigen Idealisten, als "Popstar, der der Welt um 150 Jahre voraus war, als Künstler, der heute Filme machen würde", sagt Sehr. Berge von Büchern und Archivmaterial hätten sie studiert, um nun endlich den echten Ludwig zu zeigen. Diesmal wirklich.

Viscontis Ludwig etwa, sagt Sehr, habe nicht viel mit Ludwig zu tun, sondern mit Visconti. Dessen zerstörerischer Geist wandelt in dieser Nacht auch im Schloss herum, und das gewaltig nervend. Um nämlich ein ähnliches Desaster wie 1972 zu verhindern, hat die Schlösserverwaltung für die Drehzeit einen beflissenen Aufpasser abgestellt. Er, und nur er, erledigt die einfachsten Handgriffe an der Originalausstattung. Wehe, jemand von der Crew will den Vorhang einen Spalt aufziehen. Da muss der diskrete Mann mit den weißen Stoffhandschuhen gerufen werden. Kerzen sind verboten, ebenso Sprays, die normalerweise beim Dreh gegen glänzende Schuhe eingesetzt werden. Alles wegen Visconti! hört man die Crew in Gedanken brüllen. Und da liegt die Nacht noch vor ihr.

Was rechtfertigt den ganzen Aufwand? Was soll der neue Anlauf bringen? "Wir wollten nicht noch einen weiteren Film machen, der brav die einzelnen Stationen im Leben des Königs abklappert. Stattdessen wollen wir die Zuschauer auf eine Reise zu Ludwigs Innenleben mitnehmen", sagt Noëlle, und dann schwärmen ihr Mann und sie leidenschaftlich vom Frieden, der von Ludwigs Bayern aus die Welt anstecken sollte, und sie sprechen über ihre eigenen Großväter, die sich im Zweiten Weltkrieg noch bekämpft hätten. Bald ahnt man, dass hier eine persönliche Idee entwickelt wurde, die weit über einen weihnachtlichen Kostümfilm hinausgeht. Oder anders gesagt: Es ist nicht ganz ausgeschlossen, dass in diesem stürmischen Meer von Ambitionen, Assoziationen und Ambiguitäten gerade ein Blockbuster baden geht.

Kini von Mallorca

mehr...