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Lebensmittel:Behörden verschweigen zahlreiche Ekelfunde bei Bäckereien

  • Trotz eines entsprechenden Gesetzes erfahren Deutschlands Verbraucher in der Regel nichts von ekelerregenden Zuständen in Lebensmittelbetrieben.
  • Wie eine Stichprobe von acht bayerischen Großbäckereien zeigt, wurde die Öffentlichkeit selbst über eingebackene Schaben, Metallspäne und Kot, aber auch Schimmel und Dreck in den Backstuben nicht informiert.

Nein, die Krustenschnitten wollte der Kunde nicht mehr essen. Er hatte etwas dunkles Unförmiges im Brot entdeckt, eine "eingebackene Deutsche Schabe"; so hielten es bayerische Lebensmittelexperten in ihrem Bericht fest. Das Brot stammte aus der Bäckerei Bachmeier, einer der größten Bäckereien Bayerns. Kontrolleure stießen in dem Betrieb wenig später auf Käfer und eine tote Schabe, sie fanden Mäusekot und Mäuse-Urin. An Mehlsäcken, ist in den Kontrollberichten nachzulesen, fanden sich "deutlich sichtbar" Fraßspuren. Die Öffentlichkeit erfuhr davon damals, 2015: nichts.

Dabei waren sich Politiker über Parteigrenzen hinweg eigentlich längst einig. Wenn in einer Bäckerei, einer Metzgerei oder einem anderen Lebensmittelbetrieb Schaben oder Mäuse gefunden werden, wenn Wurst, Obst oder Brezeln faulen oder gar der Schimmel blüht, sollten die Menschen dies auch wissen. Das war die Lehre aus dem Fall "Müller-Brot". Bei der bayerischen Bäckerei, einer der größten Deutschlands, hatten die Behörden Mäusedreck, Kakerlaken, Käfer und Schimmel gefunden.

Die Produktion jedoch war weitergelaufen, Tausende Brezeln und Semmeln in den Handel gelangt - obwohl die Behörden längst Bescheid wussten. 2012 war das, damals wurde das LFGB geändert, das Lebensmittel-, Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuch. Deutschlands Behörden stehen seither in der Pflicht, die Namen von Ekelbetrieben öffentlich zu machen, wenn wegen Hygieneverstößen ein Bußgeld von mindestens 350 Euro zu erwarten oder eine Firma wiederholt negativ aufgefallen ist. So die Theorie.

Fünf Jahre nach dem Fall "Müller-Brot" und zwei Jahre nach dem Fall "Bachmeier" hat sich aber, so zeigt eine gemeinsame Recherche der Süddeutschen Zeitung und des Bayerischen Rundfunks, wenig geändert. Die Öffentlichkeit erfährt weiterhin nicht, wenn es beim Bäcker fault und schimmelt, wenn Käfer und Mäuse Spuren hinterlassen. Viele Länder wenden den 2012 geänderten LFGB-Paragrafen nicht mehr an, Bayern hat eine Homepage mit einer Liste von Ekelbetrieben schon nach wenigen Monaten wieder vom Netz genommen, und in Hamburg gibt es auf der eigens eingerichteten Internetseite bis heute keinen Eintrag.

Der Grund: Betriebe klagten gegen die Veröffentlichung und bekamen mehrfach von Verwaltungsgerichten recht. Es sei nicht klar, so die Gerichte, ob die Veröffentlichung der Namen der Ekelbetriebe rechtmäßig sei. Diese Frage soll auf Initiative Niedersachsens hin nun das Bundesverfassungsgericht klären.

Wie es gerade in einigen deutschen Großbäckereien zugeht, lassen Unterlagen erahnen, die sich die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch erstritten hat. "Lebensmittelkontrollen werden aus Steuergeldern finanziert, der Steuerzahler erfährt aber nicht, was dabei herauskommt", sagt Foodwatch-Experte Johannes Heeg. "Aus unserer Sicht hat der Verbraucher ein Recht auf die Ergebnisse, damit er dann selbst entscheiden kann, ob er in einem Betrieb weiter einkaufen will oder eben nicht."

Bei allen acht Großbäckereien, zu denen sich Foodwatch die Unterlagen erstritten hat, gab es Beanstandungen. SZ und BR haben die Berichte eingesehen, unabhängig überprüft und bei den Behörden ergänzende Informationen angefordert.

Bei welchen Großbäckern die Kontrolleure fündig wurden

Die Dokumente zeigen beispielsweise, dass in den Backwaren der "Landbäckerei Ihle" - nach eigenen Angaben einer der zehn größten Bäckereien Deutschlands - in den vergangenen Jahren allerhand Fremdkörper gefunden wurden. Etwa ein 20 Zentimeter langer Plastikstreifen, "vermutlich" Klebeband, hieß es dazu im Untersuchungsbericht. Im Juni 2014 fanden die Prüfer Käfer, Mäusekot und Schabenbefall. Bei Nachkontrollen tummelten sich Schaben und Käfer im sogenannten Krapfengärtunnel. Außerdem fanden die Kontrolleure im Verladebereich "schwärzliche Flecken, vermutlich Schimmel".

2015 schließlich hatten zwei Frauen in Backwaren einen Metallspan gefunden. Wieder rückten die Kontrolleure an, und sie fanden: Schaben und Käfer, Schimmel und Dreck. Insgesamt musste Ihle 15 000 Euro Bußgeld zahlen, teilweise wurde ein Betriebsteil stillgelegt, die Kunden aber wurden nicht informiert. Ihle erklärte auf Anfrage der SZ, man habe das Problem im April 2015 erkannt, 4,4 Millionen Euro investiert und das Reinigungspersonal erhöht.

Oder eine andere Großbäckerei: "Der Beck" mit Hauptsitz in Erlangen. Zwischen 2013 und 2016 kam es in dem Betrieb mehrfach zu Beanstandungen. Mal attestierten Kontrolleure gravierende Mängel, nachdem Glassplitter in Brötchen gefunden wurden, ein andermal wurden verschimmelte Nusstaschen analysiert, 2014 fanden sie in Weizenbrötchen die "Kotpille eines Kleinsäugers", vermutlich Mäusekot. Die Öffentlichkeit erfuhr davon wieder nichts. "Der Beck" erklärte, Mängel seien "umgehend" beseitigt worden.

Auch die Bäckerei Bachmeier, in deren Brot 2015 eine Schabe gefunden wurde, teilt mit, man habe den Schädlingsbekämpfer ausgetauscht und das Personal geschult, die Probleme behoben.

Das Bundesernährungsministerium indes sieht kein Problem mit der fehlenden Aufklärung der Öffentlichkeit: Es sei "sichergestellt", dass Verbraucher über Hygienemängel informiert werden "können". Bis März 2013 seien rund 250 Mängel veröffentlicht worden. Seither erfährt die Öffentlichkeit von Schaben in der Regel wieder nichts. Es sei denn, der betroffene Betrieb macht es selbst öffentlich.

Nicht alle Bäckereien sind von dieser Idee angetan. Eine meldete sich kurz nach der Anfrage von SZ und BR per Telefon: Kontrollberichte zur Hygiene könne die Presse nicht bewerten - und der Verbraucher schon gar nicht.

© SZ vom 28.06.2017/mmo
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