Ehrenamtliches Engagement:Bürgerstiftungen: Die Nothelfer des Staates

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Das Prinzip von Bürgerstiftungen: Bürger zahlen ein, die Erträge kommen Initiativen vor Ort zugute. (Illustration: Dennis Schmidt)

  • In Bayern gibt es etwa 30 Bürgerstiftungen. In ihnen organisieren sich Bürger selbst und engagieren sich für das Gemeinwohl.
  • Das Spektrum reicht von Integrationsarbeit über Hilfe für Senioren und Schüler bis hin zu Schwimmkursen.
  • Der Konflikt dabei: Stehlen sich dort, wo Bürger einspringen, Freistaat und Gemeinden heimlich aus der Verantwortung?

Von Johann Osel

Es knattern die Nähmaschinen, ein halbes Dutzend, der Geräuschteppich wird nur unterbrochen von kichernden Frauen. Das, was man hier hört, beschreibt gut den Sinn des Projekts "Nähstube". Ein in die Jahrzehnte gekommenes Haus am Stadtrand von Rosenheim, nicht die beste Gegend. Zwei Mal pro Woche treffen sich Flüchtlingsfrauen mit ehrenamtlichen Damen zum Nähen. Es geht nur auf den ersten Blick um das Handwerk, das schicke bunte Taschen entstehen lässt, die später für den guten Zweck verkauft werden. Die Frauen etwa aus Nigeria oder Pakistan sollen Kontakte knüpfen, nicht in ihren Asylunterkünften versauern.

Frauen haben es dort oft schwerer als Männer. Sie sollen alle Fragen stellen dürfen, deutschen Alltag kennenlernen, dessen Regeln üben - und Selbstbewusstsein aufbauen, sehen, dass sie etwas können. "Da ist Nähen ideal, mit schnell erreichbaren Ergebnissen", sagt Dorothea Handreke vom Verein Handzeichen, der das Projekt erdacht hat. Karl-Heinz Brauner und Helmut Klarner nicken, sie besuchen den Treff gerne, schauen sich an, was "ihr" Geld bewirkt. Der Lehrer und der Steuerberater sind die Vorsitzenden von Rat beziehungsweise Vorstand der Bürgerstiftung Rosenheim. Ohne deren Finanzierung würde es diese soziale Nähstube vermutlich nicht geben.

Die Idee, dass Bürger zusammen stiften, liegt im Trend. Fast 30 Bürgerstiftungen im Freistaat zählt der Bundesverband Deutscher Stiftungen, ihnen hat er sein Gütesiegel verliehen, so auch den Rosenheimern; sogar knapp 40 sind es nach Statistik des Netzwerks "Aktive Bürgerschaft", das von Genossenschaftsbanken getragen wird und dessen Kriterien etwas weniger streng sind. Schon mit kleineren Beträgen, häufig 500 Euro, kann man sich als Bürger einkaufen. Vor zehn Jahren gab es eine Hochphase bei den Gründungen, auch später kamen immer neue Stiftungen hinzu, in Rosenheim 2012. Die Stifter wollen auf Bedürfnisse in der Kommune reagieren, sich einbringen vor der Haustür, das Leben besser machen für die Bürger. Oft für jene, denen es schlecht geht; wobei alle letztlich profitieren sollen.

Das stellen Klarner und Brauner im Gespräch gleich klar. Das Geld für die Nähstube und ein Patenprojekt, das Asylbewerber und Mentoren zusammenbringt, seien zwei Projekte neben vielen, betonen sie, man wolle keineswegs auf Integration reduziert werden. Das muss man wohl sagen in diesen harten Zeiten, böse Post haben sie schon bekommen, dass man das Geld lieber verbrennen solle, als damit Flüchtlingen zu helfen.

Also zählen die beiden auf, was sie tun, wo Armut im schönen Rosenheim herrscht, aber kaum sichtbar wird, wo Geld fehlt, das nötig wäre: Bedürftigen Senioren wurde ein Ausflug bezahlt, da mangele es an ein paar Euro für Bus und Mittagessen; Hunderte Schüler musizierten in einem Klang-Mobil, voll mit Geigen und Trompeten zum freien Ausprobieren; ein Musikprojekt gab es auch für Demenzkranke; die Bürgerstiftung fördert Schwimmkurse an Grundschulen, bezahlt einen Lehrer. Klarner sagt: "In Zeiten knapper werdender staatlicher Mittel können viele Aufgaben im Gemeinwesen nur durch das Engagement der Bürger unterstützt werden." Die Stiftungen seien damit schon manchmal ein "Reparaturbetrieb".

Man könnte sagen: Sie springen ein, wo es eng wird in der Kommune, in Starnberg wie in Hof. Jede Stiftung arbeitet anders, doch viele Projekte quer durch den Freistaat ähneln sich. In Nürnberg sind es Chorstunden für eine Schule, eine Musiktherapeutin für ein Hospiz. In Neumarkt gab es eine Anschubhilfe für eine Schulbibliothek und Massage-Sessel in Seniorenheimen. In Günzburg hat man ein Kühlregal für die Tafel angeschafft, in Pettendorf bei Regensburg Defibrillatoren für den Ort, in Unterhaching zusätzliche Abfalleimer. Bürgerstiftungen lassen Sitzbänke und Brunnen sanieren, manche gewähren Einzelhilfe für Mitbürger in Not, wenn die Zahnspange eines Kindes das Portemonnaie der Eltern überfordert.

Wenn die Bayern stiften gehen

334 Millionen Euro beträgt das Kapital aller 400 Bürgerstiftungen in Deutschland. Das zeigt ein Report des Zentrums "Aktive Bürgerschaft". In Bayern zählt man 38 Einrichtungen. Das Prinzip: Bürger zahlen ein, die Erträge des Kapitalstocks kommen Initiativen am Ort zugute. Das Ideal sei, so der Report, eine solche Stiftung für jede Stadt oder Region, nicht eine möglichst hohe Zahl. Das heißt, dass einzelne Stiftungen breit arbeiten würden. Knapp die Hälfte der Bevölkerung bundesweit lebt heute im Einzugsgebiet einer Bürgerstiftung. 47 Prozent aller Mittel fließen in Bildung, je gut 15 Prozent in Soziales und Kultur, sieben Prozent in Sport und Gesundheit. Die bayerische Bilanz: Einerseits gibt es in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg mehr als doppelt so viele Bürgerstiftungen wie im Freistaat. Dagegen zählt Bayern die meisten Kapitalmillionäre. Allgemein ist Bayern ein starker Stiftungsstandort. 2016 wurden 105 neue gegründet, die Gesamtzahl liegt bei 4000, wie Innenminister Joachim Herrmann neulich mitteilte. 95 Prozent der bayerischen Stiftungen erfüllen gemeinnützige Zwecke, sie unterliegen staatlicher Aufsicht. Die niedrigen Zinsen, so Herrmann, machten es vor allem den kleineren Stiftungen schwer. Daher gebe es "neue Herausforderungen" bei der Verwaltung und Beschaffung von Vermögen und der Zusammenarbeit mit anderen Stiftungen. SZ

So edel das alles ist, ein Grundkonflikt treibt vielerorts Stifter um: Stopft man letztlich die Löcher im Gemeindehaushalt und entlässt Kommune oder Freistaat aus der Verantwortung? Ist man eine Art Goldesel für Kämmerer, die sich manches einfach sparen? Hört man sich um in der Stifterszene, heißt es meist, dass man das eben nicht sein wolle - aber doch oft an dieser Grenze laviere. Fachtagungen widmen sich regelmäßig der Frage. Bei der Plattform "Aktive Bürgerschaft" macht man sich Gedanken über die "viel diskutierte Frage". Niemand, der sich engagiere, wolle "Lückenbüßer" sein. Gleichwohl stünden auch Politik und Verwaltungen vor der Frage, wo sie die Prioritäten setzten, was wirklich Kernaufgaben seien und welche Dinge eher freiwillige Leistungen des Staates.

Der Rosenheimer Brauner erklärt es am Beispiel Schwimmkurse. Das Seepferdchen für alle Kinder sei eigentlich Selbstverständlichkeit. "In Rosenheim mit seinen Badessen in der Region ist das fast eine Lebensrettungsmaßnahme." Andererseits fehlen den Schulen oft Bäder und mehr noch: Lehrer. Den haben jetzt Bürger angeheuert. "Im Idealfall schieben wir mit kleinen Beträgen etwas an, sind Ermöglicher", sagt Brauner. "Dann findet sich ein anderer Partner, und für uns wartet das nächste Projekt." Beim Schwimmen mache man tatsächlich eine Dauerfinanzierung, "die Schulen verlassen sich auf uns". Die Bürger entlasten den Staat? "Das ist zum Teil wirklich so, darüber debattieren wir."

Ohnehin wird viel debattiert in den Gremien der Stiftung, welche Projekte förderwürdig sind. Die Mittel freilich sind begrenzt. Anders als klassische Stiftungen starten Bürgerstiftungen quasi bei null. Man legt zusammen, Menschen mit kleinen Vermögen, aber großen Ideen. Gut 70 000 Euro Kapitalstock sind es in Rosenheim, verteilt auf etwa 75 Stifter. Eher wenig, der Jugend der Stiftung geschuldet. Kapitalerträge werden für Projekte verwendet, in Zeiten von Niedrigzinsen mickrige Summen. Die ältere Anlage der Rosenheimer sei noch annehmbar, ohne Zusatzspenden aber - zuletzt mehrere Zehntausend Euro im Jahr - würde nicht derart viel gesponsert werden können.

Politisch wollen die Stiftungen unabhängig sein

Auch die Damen in der Nähstube verlassen sich auf die Stiftung. Unabhängig von der politischen Großlage in der Flüchtlingskrise und wie man dazu stehen mag - diese Arbeit im Kleinen ist höchst sinnvoll. Die meisten Frauen sind aus Afrika, auf einer Karte haben sie ihre Heimat mit Fähnchen abgesteckt. Egal ob in der Sitzecke mit Espressomaschine oder an den Nähmaschinen, neben riesigen Haufen bunter Stoffe, in allen Farben, mit Karomuster bis zu Blümchen - die sechs Frauen blühen auf. "Das hab' ich gemacht", erzählt eine Pakistanerin. Früher habe sie jeden Nachmittag eine Tasche geschafft, heute vier, "meine gute Erfahrung".

Etwas Berufsvorbereitung ist das Ganze auch, geschickten Näherinnen winkt ein Firmenpraktikum. Alle lernen Grundkompetenzen: klare Arbeitsschritte, "und dass es ein Zeichen von Respekt ist, wenn man pünktlich kommt", wie Projektleiterin Handreke sagt. "Wow, wieder fertig", meint sie jetzt, zu einer Frau aus Nigeria. Handreke misst noch an der Naht, die Tasche ist leicht schief geraten. Kann passieren. Wichtiger für sie: "Wir erzählen den Teilnehmerinnen nebenbei, wie wir als Frauen in Deutschland leben. Integration nicht von oben herab."

Die Stiftung macht es möglich. Das Ladenlokal stellt gleichwohl die Stadt zur Verfügung. "Kommunen stehen unter Druck. Was man sich im Bereich der freiwilligen Leistungen leistet, darüber streiten wir in der Politik auch seit Jahren", sagt Karl-Heinz Brauner. Er sitzt für die Grünen im Stadtrat, das spiele aber bei der Bürgerstiftung keine Rolle. Zur Gründungszeit sei auch ein CSU-Mann beteiligt gewesen. Politische Unabhängigkeit ist eine Basis für das Siegel des Bundesverbands. Auffällig ist dennoch, dass sich vielerorts Lokalpolitiker engagieren. Vielleicht, weil sie nur zu gut wissen, wo im Ort es finanziell zwickt.

© SZ vom 06.05.2017/bhi
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