Dialekte So redet der Süden

Das Heft "Wer ko der ko" beschäftigt sich auch mit der satirischen Zeitschrift Simplicissimus, die von 1896 bis 1944 erschien.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Bairisch in Italien? Jiddisch in Mittelfranken? In Bayern, Österreich und der Schweiz herrscht Sprachenvielfalt - womöglich aber nicht mehr lange.

Von Hans Kratzer, Augsburg

Der Münchner Lohnkutscher Franz Xaver Krenkl (1780-1860) war ein unerschrockener Mann, gelegentlich überholte er mit seinem Vierergespann die Kutsche des Kronprinzen Ludwig. "Er weiß wohl nicht, dass das Vorfahren verboten ist!", pulverte der Machthaber zu ihm hinüber, doch Krenkl schrie unbeeindruckt zurück: "Majestät, wer ko, der ko!". Dieser Spruch wurde zum geflügelten Wort, er steht bis heute für Zivilcourage und Schneid.

Für solche Tugenden interessiert sich naturgemäß das Haus der Bayerischen Geschichte, das den neuen Band seiner Publikationsreihe "Edition Bayern" folgerichtig mit der Krenkl'schen Sentenz betitelt hat. "Wer ko der ko" passt insofern sehr gut, als sich die Autoren des 120 Seiten starken Magazins diesmal dem Thema Sprache widmen, vor allem den thematisch unerschöpflichen Variationen Süddeutsch und Bairisch.

Man spricht Unserdeutsch

Ein Deutsch, das sonst nirgendwo gesprochen wird? Auf Papua-Neuginea unterhalten sich noch etwa 100 Menschen auf Unserdeutsch. Der Augsburger Uni-Professor Péter Maitz will die Sprache vor dem Vergessen bewahren - auch wenn ihre Geschichte belastet ist. Von Hans Kratzer mehr ...

Wer glaubt, dazu sei eh schon alles gesagt, täuscht sich gewaltig - zumindest beleuchtet das Heft Facetten, die bestens geeignet sind, Neugierde zu wecken. Gerade weil Bairisch, Fränkisch und Schwäbisch keinesfalls Restsprachen sind, sondern seit mehr als tausend Jahren kraftvolle Ausformungen des Hochdeutschen, wie der Literaturwissenschaftler Reinhard Wittmann darlegt. Der Germanist Hans Ulrich Schmid erklärt darüber hinaus, warum Bairisch das eigentliche Hochdeutsch ist. Und der Autor Gerd Holzheimer führt aus, wie sehr sich die Mentalität des Bairischen in der Grammatik widerspiegelt.

Wo das älteste Bairisch gesprochen wird

Zur Sprachwirklichkeit im Freistaat gehört auch das Jiddische, eine selbständige Sprache, die in Mittelfranken, dem historischen Zentrum des Judentums in Deutschland, bis heute überlebt hat. Nicht weniger spannend ist das Phänomen der Sprachinseln in Italien, etwa die zimbrische Enklave Lusern im Trentino, wo die ältesten, gut tausend Jahre alten Formen der bairischen Sprache überhaupt gesprochen werden, aber wohl nicht mehr lang.

Der Germanist Werner König hat dazu eine interessante Beobachtung gemacht. Wie er ausführt, bewirkte die Meinung, der Norden sei dem Süden sprachlich überlegen, dass Mundartsprecher diskriminiert werden. Bei Bewerbungsgesprächen reiche oft schon eine Klangfärbung aus, um aussortiert zu werden. Regionalsprachen können laut König nur überleben, wenn bei diesem Thema dieselbe Achtsamkeit entsteht wie bei Diskriminierung in anderen Bereichen.

Das Heft beschäftigt sich auch mit den Sprachwelten in Österreich und der Schweiz, wo das Klischee, Mundart und Moderne schlössen einander aus, nachhaltig widerlegt wird. Das Schwyzerdeutsch prägt die mündliche Kommunikation im Alltag. In seiner Polemik zum Thema Macht und Sprache ruft Reinhard Wittmann jeden Leser auf, "der galoppierenden sprachlichen Entmündigung zu widerstehen".

"Aus iss und gar iss"

Wenn in Bayern das Wort "gar" fällt, heißt das keineswegs, dass das Essen fertig gekocht ist. Im Gegenteil: Für Hungrige hat das Wort eine eher unerfreuliche Bedeutung. mehr...

Wer ko der ko - Süddeutsch und Bairisch. Edition Bayern, Sonderheft Nummer 8, 2015, 10 Euro