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Kratzers Wortschatz:"Aus iss und gar iss"

Wenn in Bayern das Wort "gar" fällt, heißt das keineswegs, dass das Essen fertig gekocht ist. Im Gegenteil: Für Hungrige hat das Wort eine eher unerfreuliche Bedeutung.

Von Hans Kratzer

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Quelle: Stephan Rumpf

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gar

Der Autor Hans Niedermayer hat ein lesenswertes Buch über den Ersten Weltkrieg geschrieben. Die Soldatenbriefe, aus denen er zitiert, enthalten Wörter, die vor hundert Jahren noch gang und gäbe waren, heute aber vergessen sind. Im Januar 1916 schrieb der Erdinger Gefreite Georg Zerndl: "Lieber Vetter, es wäre schon recht, wenn es bald gar wäre mit dem Krieg . . ." In der Feldpostkarte eines Ludwig Straßer steht zu lesen: "Ja das Schützengrabenleben ist nichts Genaues. Wenn nur mal der Krieg gar würde."

Die Wendung "nichts Genaues" bedeutet laut Niedermayer: Es ist nichts Gescheites, also etwas Unangenehmes oder Schlimmes. Das Wörtlein gar aber drückt hier aus, dass ein Geschehen vorbei und zu Ende ist. Heute noch zu hören ist der Spruch: "Aus iss und gar iss und schad iss, dass wahr is." Der Satz "d'Suppn is scho gar!" bedeutet: Es ist keine Suppe mehr übrig. Gar dient auch als Verstärkung einer Verneinung: "A sauers Lüngerl mag i gar ned!" (oder: gar nia ned!) Ein Blick in Zehetners Bairisch-Lexikon lehrt, dass gar in der Bedeutung fertig gekocht im Bairischen unüblich ist. Stattdessen sagt man beim Braten, er sei durch. Ist das Fleisch gar, dann ist leider keins mehr da.

Ausverkauf Sale Reduziert

Quelle: Manfred Neubauer

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Outsale

Wenn Deutschsprecher Anleihen aus dem Englischen nehmen, klingen sie bisweilen englischer als die Engländer selber. Ein Kaufhaus im Bayerischen Wald bewirbt seine Verkaufsaktionen mit Plakaten, auf denen das Schlagwort Outsale zu lesen ist.

Laut dem Denglisch-Experten Franz Aschenbrenner ist das Wort Outsale in England und in Amerika weitgehend unbekannt. Das ist nicht verwunderlich, denn es ist keinesfalls schöner als der in Bayern überaus beliebte Schlussverkaufs-Begriff Sale, den die Franzosen mit den Adjektiven schweinisch, dreckig übersetzen. Logisch, dass manche Touristen, die an bayerischen Kaufhäusern vorbeiflanieren, irritiert den Kopf schütteln. Die Österreicher spinnen sprachlich zwar auch, zeigen aber im Gebrauch des Denglischen mehr Fantasie: Im Fußball sagen sie zur Ecke Corner und zum Linienrichter Outwachler.

Bernhard Paul

Quelle: dpa

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Zirkus

Bernhard Paul, Direktor des Zirkus Roncalli, hat sich über Ministerpräsident Horst Seehofer geärgert. Der hatte am Samstag beim CSU-Bezirksparteitag gesagt, Griechenlands Regierung biete seit Wochen einen Zirkus, den man so schnell wie möglich beenden sollte. "Das ist eine Beleidigung für jeden gut geführten Zirkus, der von der Ehrlichkeit und der Präzision lebt", konterte Paul. "Was in Griechenland geschieht, ist genau das Gegenteil von einem gut geführten Zirkus." Sein Unternehmen erhalte keinerlei Subventionen. Auch deshalb sei Seehofers Formulierung für ihn herabwürdigend. Wenn etwas in Unordnung geraten ist oder wenn sich jemand ungebührlich verhält, verwendet man durchaus die Redewendung: "Was macht denn der für einen Zirkus!" Vermutlich ist das nicht mehr zeitgemäß.

Seehofer könnte ja stattdessen auf den herrlichen alten Begriff Ramasuri zurückgreifen. Ramasuri bedeutet Durcheinander, Chaos, Tumult und Trubel. Vermutlich kommt das Wort aus dem Italienischen. Die Italiener gebrauchen ähnlich klingende Wörter, wenn etwa Kinder recht laut und ausgelassen sind oder wenn das Finanzgebaren der Freunde aus Griechenland gewürdigt wird.

Musikantenstadl in Pula/Kroatien

Quelle: Bodo Schackow/dpa

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Der Stadl

Neun Jahre lang durfte der Sänger und Moderator Andy Borg das schunkelfreudige TV-Publikum durch die Kultsendung "Musikantenstadl" geleiten. Am Samstag musste er nach dem Willen von ARD und ORF Abschied nehmen. Vielen war zum Weinen, als Borg zum letzten Mal sang und Servus sagte. Auch der eine oder andere Berichterstatter im Medienpulk geriet angesichts dieser historischen Stunde aus dem Takt, zumindest sprachlich, wie kurz darauf den Online-Berichten über das Herzschmerzfinale zu entnehmen war. "Letztes Musikantenstadl" mit Andy Borg war da beispielsweise zu lesen.

Hipstern, Städtern und Reportern ist halt nicht mehr geläufig, was ein Stadel respektive Stadl einst für eine Funktion hatte, bevor er in eine TV-Bespaßungsanstalt umfunktioniert wurde. Eigentlich ist ein Stadl ein wichtiges Gebäude eines Bauernhofs. Man versteht darunter eine frei stehende Scheune, in der zum Beispiel das Heu gelagert wird. Das Stadl zu schreiben, gilt im vielsprachigen Bayern als eine Verirrung von ähnlicher Qualität wie das Mass und das Chiemgau.

Weißwurst

Quelle: dpa/dpaweb

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Pelle

Obwohl der G-7-Gipfel in Elmau schon längst wieder Geschichte ist, muss an dieser Stelle doch noch eine Anmerkung aus mundartlicher Sicht nachgelegt werden. Es war ja begrüßenswert, dass US-Präsident Obama beim Frühschoppen in Krün eine Weißwurst verzehren durfte.

Das Schälen der Weißwurst ist freilich eine Wissenschaft für sich, weshalb es sich bestens traf, dass Joachim Sauer, der Gatte der Kanzlerin, ein Wissenschaftler ist, der Obama freundlicherweise in die Technik des Weißwurstverzehrs einführte. Ein Tiefpunkt war allerdings, dass sämtliche Berichterstatter, sogar bayerische Lokalblätter, danach mitteilten, Sauer habe Obama gezeigt, wie man eine Weißwurst aus der Pelle holt. Jedem Schreiberling, der glaubt, die Weißwurst habe eine (norddeutsche) Pelle, rufen wir zu: Griasdi, oide Wurschthaut, da hast an schönen Schmarrn geschrieben!

Fußballtrikot der Nationalmannschaft mit viertem Stern

Quelle: Wolfgang Kumm/dpa

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Glache

Als die deutsche Fußballnationalmannschaft neulich ihre Kräfte mit den Freunden aus den USA maß, war kurz vor dem Anpfiff eine aufschlussreiche Szene zu beobachten. Nach dem Abspielen der Nationalhymnen und dem üblichen Pathos, der die Fußballer umwabert, zogen die Spieler, die im Anstoßkreis unruhig wie Renngäule umhertrabten, ihre Trainingsjacken aus. Ein älterer Herr aus dem DFB-Betreuerteam sammelte sie ein. Dabei legten aber nur wenige Spieler ihre Jacken zivilisiert über den ausgestreckten Arm des Betreuers, die meisten anderen warfen sie ihm achtlos und zerknäult entgegen.

Es war zu erkennen, dass sich der Mann nach einer Jacke bücken musste, weil sie ihm ein junger Fußballer aus kurzer Distanz gleichgültig hingeworfen hatte. Der hoch dotierte Sportler, der zu den Vorbildern der Nation gezählt wird, hatte dem freundlichen Helfer gegenüber ein respektloses Verhalten an den Tag gelegt. Es drängte sich der Eindruck auf, es herrsche im Reich des Profifußballs eine Art grobe Feudalordnung. Im ländlichen Bayern nennt man Typen, die sich durch ein unhöfliches und despektierliches Verhalten auszeichnen, Glache oder Glachel.

Das Wort klingt etwas härter als der in eine ähnliche Richtung tendierende Gloiffe. Ein Glache ist jedenfalls ein ungeschliffener Bursche, dessen charakterliche Reifung noch lange nicht vollendet ist. Das Wort Glache gab es schon im Mittelalter (klachel), damals benannte es aber noch den Glockenschwengel.

Übrigens: Die Reaktionen einiger Leser zu diesem Begriff haben nun eine erstaunliche Ergänzung zu Tage gefördert. So wurde moniert, beim Glache handle es sich weniger um einen unverschämten Rotzlöffel als vielmehr um ein schleimiges Körpersekret, genauer gesagt um einen tief aus dem Rachen kommenden Auswurf.

Manche Leser fügten sogar bildhafte Beschreibungen an, etwa in der Art, dass dem Glache ein grunzendes Nasen- und Gaumensaugen vorausgehe, das Ergebnis werde dann gezielt oder auch achtlos auf den Boden gespuckt. Ein anderer Glache-Experte ergänzte, der Hervorbringer versuche, die schleimige Absonderung unter Einsatz einer erheblichen Menge von Atemluft stoßweise aus dem Mund oder Nasenrachenraum von sich weg zu befördern, wobei in der Stoßrichtung durchaus ein vorsätzlich zu Treffender stehen könne. Dies widerfuhr einst dem Fußballer Rudi Völler, als ihm der Sportsfreund Frank Rijkaard gezielt einen voluminösen Glache in den Nacken setzte.

Es zeigt sich also, dass dieses Wort je nach Region eine unterschiedliche Bedeutung hat, wobei erstaunlich ist, dass der jeweilige andere Wortsinn dort in Gänze unbekannt ist. Das bekannteste Synonym für den Glache als Auswurf ist sicherlich der Lungenhering (Lungaharing). Seinen vornehmsten Ausdruck findet der Lungaharing bei Gerhard Polt, der ihn als die Auster des kleinen Mannes in die Literatur eingebracht hat.

FIFA President Sepp Blatter Announces Resignation

Quelle: Getty Images

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Kracherlmannschaft

Fußballmannschaften, die keinen Spielwitz besitzen und ihren Anhängern nichts als Verdruss bescheren, also Kicker vom Schlage des TSV 1860, werden vom Volksmund gerne als Kracherlmannschaften bezeichnet, was man freilich als eine Verunglimpfung des Kracherls betrachten kann. Schon vor vielen Jahrzehnten kursierte unter FC Bayern-Anhängern der ähnlich geartete Kalauer, die Sechzger seien keine Fußballer, sondern die kleinste Brauerei von München, nämlich mit elf Flaschen.

Kracherl ist ein alter bayerischer Ausdruck für Zucker- und Brauselimonaden. Der Name rührt von jenen Flaschen her, die einst mit gläsernen Kugeln verschlossen waren und beim Öffnen durch die austretende Kohlensäure ein krachendes Geräusch erzeugten. Das Kracherl rangiert in der Hierarchie der In-Getränke eher im hinteren Segment.

Magst a Kracherl? Eine solche Frage wird am Stammtisch in der Regel als Provokation aufgefasst. Vermutlich deshalb wurde dieser Begriff auch auf fußballerische Tiefflieger übertragen. Sie spielen halt in einer Kracherlmannschaft, die zu allem Überfluss auch noch das eine oder andere Kracherltor hinnehmen muss. Darunter versteht man einen Torerfolg, der auf kuriose, geradezu lächerliche Weise zustande gekommen ist.

Ist ein Fußballspiel so grottenschlecht, dass es nicht mehr anzuschauen ist, dann spricht man von einem Kracherlspiel. Summa summarum wäre es wohl eine weitere Verunglimpfung des Kracherls, würde man die skandalumwitterte Fifa als einen Kracherlverein betiteln.

Tenorhörner als Urinale

Quelle: dpa

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Gruamzinsler

Es ist immer wieder erfrischend, wenn Leser dieser Kolumne in Zeiten der sprachlichen Einebnung und Gleichmacherei auf spezielle, ungewöhnliche und vergessene Wörter aufmerksam machen. Johann W. Heiß hat uns diesbezüglich eine Liste mit Regionalwörtern aus der südostbayerischen Gegend um Ainring zugeschickt. Dort heißt der Schulranzen zum Beispiel Kalier. Unter einem Gfinkal versteht man in jener Region ein unsauberes Kind, während ein Quartlmoasta als ein halbgebildeter Mensch gilt.

Ein Zapfnluada wiederum ist eine Schankkellnerin, die dem Gast nicht behagt, ein Duinbimpfara ist ein einfältiger, dumpfer Mensch. Der schönste Begriff aber ist der Gruamzinsler, ein alter Mann mit Prostataproblemen. In diesem Wort steckt die Grube (Gruam), ein auch für das Grab gebräuchlicher Begriff, sowie das alte Verb zinseln. Wer zinselt, der uriniert oder bieselt prostatabedingt nur noch mit dünnem Strahl.

Spezi Mischgetränk aus Cola und Limonade

Quelle: Florian Peljak

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Gwasch

Ein Kollege hat sich kürzlich über ein Untergiesinger Lokal geärgert, in dem er für einen stinknormalen Spezi fast sieben Euro hinlegen musste. Bei jungen Leuten erfreut sich der Spezi großer Beliebtheit. Dieses pappige, koffeinhaltige und alkoholfreie Mischgetränk aus Cola und Orangenlimonade behauptet sich seit Jahrzehnten in der ansonsten von kurzlebigen Trinkmoden geprägten Getränkewelt. Das Augsburger Brauhaus Riegele hat den Spezi bereits 1956 als Markennamen eintragen lassen.

Danach wurde diese Bezeichnung ganz allgemein als Gattungsbegriff für Cola-Mixgetränke populär. Bevor der Spezi als Fertigprodukt verkauft wurde, mischten ihn die Wirte noch aus einer Hälfte Cola und einer Hälfte Orangenlimonade per Hand zusammen. Damals wurde diese süße Mischung noch als Gwasch bezeichnet, manche sagten dazu auch Cola-Mix, Mexikaner oder Kalter Kaffee.

Im Fernsehen war das Wort zuletzt in der manchmal mit sprachlichen Raritäten überraschenden Serie "Dahoam is Dahoam" zu hören. Dort schimpfte der Kirchleitner Bräu heftig über das "Gwasch" der Konkurrenz: "Dasauffa soits drin!"

Mittlerweile wird in Bayern lieber das Ruhrgebietswort Plörre anstelle des angestammten Begriffs Gwasch verwendet. Die Ursprungsbedeutung findet sich im alten Schmeller-Wörterbuch aus dem 19. Jahrhundert. Das "Gewäsch (Gwasch)" oder "Geschwemme" benennt Schmeller als "zu dünn Ausgefallenes, zum Beispiel Brühe oder Bier".

Ein Gwasch war also ursprünglich eine zu dünn geratene Flüssigkeit. Heute wird Gwasch nur noch selten verwendet, manchmal bezeichnen alte Menschen damit wässrige Getränke aller Art, aber im abwertenden Sinn. Sogar der Kaffee kann ein Gwasch sein, man spricht dann von einem Blümchenkaffee, weil durch die dünne Mischung sogar das Blümchenmuster der Tasse durchscheint.

Nürnberger Bratwurst

Quelle: dpa

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Senft

Ein Münchner Senfhersteller wirbt zurzeit an den S- und U-Bahnhöfen für sein Produkt. Auf großflächigen Plakaten prangen drei Damen im Phantasie-Dirndl, deren Oberlippenflächen etwas unsexy mit Senf verschmiert sind. "Bayern isst so!" steht darunter, was wenig über die lokale Esskultur, aber viel über die Werbeagentur verrät. Vermutlich wollte sie mit dem Foto die Regionalität des Senfs hervorheben, sprachlich hätte dies aber überzeugender funktioniert. Wer freilich von "leckeren Senfen" schwärmt, ist von der bairischen Senfrhetorik meilenweit entfernt. Die Werbeleute sollten ruhig mal einen Blick in Marianne Hofmanns Roman "Es glühen die Menschen, die Pferde, das Heu" werfen, in dem das Essenzielle zum Wort Senf zusammengefasst ist.

Hier der entsprechende Abschnitt: "Wie heißt es, fragt der Lehrer das Mädchen . . . heißt es Senft oder Senf? Ahnend zwar, dass es anders heißen könnte, wenn er sie schon fragt, bleibt sie bei Senft, so wie sie es immer gehört hat. Senf, sagt der Lehrer, hebt ihr Kinn, sieht ihr belustigt in die Augen. Es heißt Senf, sagt er noch einmal . . . Senf, wiederholt sie, als sie auf dem Fahrrad den steilen Berg hinunter fährt. Senf. Was für ein Wort, ohne das harte t am Ende. So weich. Wo der Senft doch so scharf ist. Und später, wenn die Männer aus der Kegelbahn schreien: Geh, bring mir no an Senft, muss sie immer an den Lehrer denken, und an das t am Ende, das es nicht mehr geben soll."

Tatsächlich wird ein Bayer, wenn er eine Weißwurst isst, einen Senft oder Semft dazu bestellen, und das zu Recht. Das t am Ende des Worts wird in der Germanistik eufonisches t genannt, denn es soll jenen Wohlklang erzeugen, den der Senft verdient hat. Demselben Phänomen begegnen wir beim Wort Leicht statt Leich, wenn das Begräbnis gemeint ist. Laut dem Dialektpapst Ludwig Zehetner, der das t-Phänomen gründlich erforscht hat, unterliegen auch die Wörter Obst, Saft und Predigt diesem Mechanismus, und sogar der Papst (spätlateinisch papes) hat sein t erhalten. Damit haben wir zu diesem Thema unseren Senft dazugegeben.

Robbie Williams in concert

Quelle: dpa

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pumpern

In den Oberösterreichischen Nachrichten war zu lesen, der Popstar Robbie Williams habe in Linz 9000 Fans restlos begeistert. Der Kulturredakteur des Blatts schmückte den Artikel überdies mit einer blumigen Überschrift: "Pop-Teufelchen Robbie Williams brachte die Herzen zum Pumpern". Da geht nun wiederum Sprachliebhabern das Herz auf, auch wenn sie das Konzert nicht erlebt haben. Durch ihre Attitüde, die Artikel gerne mit regionalen Begriffen zu würzen, liefern österreichische Zeitungen stets Anlass zur Freude. In diesem Fall handelt es sich um das nur noch selten gehörte Verb pumpern, das sich durch seine enorme Bedeutungsvielfalt auszeichnet.

Wenn das Herz heftig pocht, dann pumpert es. Das ist die Grundbedeutung. Ludwig Zehetner führt in seinem Bairisch-Wörterbuch interessante Belegstellen aus der hohen Literatur auf. Demnach gebrauchten dieses Verb zum Beispiel Oskar Maria Graf ("die Trommeln bumperten"), Marie-Luise Fleißer ("sie hat mein Pumpern gespürt") und Harald Grill ("war ganz deutlich ein Pumpern zu vernehmen").

Im Niederdeutschen wurde pumpern auch verwendet, um das Entweichen einer Darmblähung zu beschreiben, was ja auch sprachlich immer delikat ist. Das in diesem Sinne verwendete pumpern heißt im Norden heute pupen oder pupsen.

herz+jetzt.de

Quelle: SZ

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Pumperl

Befasst man sich mit dem Umfeld des Verbs pumpern, so stößt man unweigerlich auf das Thema Sexualität, das im Bairischen einen weit gefächerten Wortschatz hervorgebracht hat. Autoren wie Georg Queri haben damit ganze Lexika vollschrieben, um dann von der sittenstrengen Obrigkeit entsprechend kujoniert zu werden. Das Pumperl (Pumpel) kann das pochende Herz sein, wozu das Adjektiv pumperlgesund passt, es kann aber auch das weibliche Geschlechtsteil, die Vagina, gemeint sein. Das Verb pumpern nimmt in solchen Fällen die Bedeutung koitieren an, wofür sich in Wiener Volksliedern genügend Belege finden lassen. Würden wir diese hier zitieren, würden die Herzen mancher Leser wohl ziemlich pumpern.

Gülle-'Regen' auf Maisfeld

Quelle: Wolfgang Weihs/dpa

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Odelfass

Die Neigung, nord- und niederdeutsch geprägte Wörter anstelle von südhochdeutschen Begriffen zu verwenden, ist in München stark ausgeprägt. Die Zeitungen geben nur ein Spiegelbild dieser Entwicklung, was sprachsensible Leser aber ärgert. Zu den Ausdrücken, deren Verwendung in der SZ regelmäßig kritisiert wird, zählt auch das Wort Jauchefass. Das Bairische kennt stattdessen das Odelfass. Früher war es aus Holz gefertigt, heute handelt es sich beim Odelfassl um ein High-Tech-Gerät. Für den Geruchssinn aber spielt das keine Rolle. Gerade in diesen Tagen, in denen die Landluft mit dem frisch ausgebrachten Odel (Jauche, Gülle) gewürzt ist, rümpft mancher Feingeist die Nase. Zum Trost sei hier der Räuber Kneißl erwähnt. Der ist den Häschern entkommen, indem er sich in einem stinkenden Odelfass versteckte.

Bavaria Prepares for Visit of Pope Benedict XVI

Quelle: Getty Images

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doudln

Mehrere Leserinnen haben nach der Lektüre des Artikels über den Papst-Geburtsort Marktl (SZ vom 17. April) in der Redaktion angerufen und herzlich gelacht über deren bajuwarische Kompetenz. Tatsächlich war in dem Text ein Zitat eines Marktler Bürgers zu lesen, das er sehr wahrscheinlich ein bisserl anders, also bayerischer intoniert hatte. Es ging um die Tourismuskrise in Marktl zehn Jahre nach der Wahl von Kardinal Joseph Ratzinger zum Oberhaupt der katholischen Kirche. "Wenn die Besucher des Geburtshauses nicht kämen, würde es noch mehr totteln", wurde der Bürger zitiert. In Wirklichkeit aber wird er gesagt haben: ". . . würde es noch mehr doudln" (todeln). Doudln ist ein kernbayerisches Verb, es hat Kraft und wirkt kompromisslos. Wenn es irgendwo doudlt, dann riecht man bereits Depression und Elend. Aber nicht nur im Leichenhaus doudlts, auch auf mancher Partymeile ist dieser Zustand schon beobachtet worden. Wenn nichts los ist, dann doudlts halt oder es doudlt sogar gscheid. Doudln kann auch einen üblen Geruch ausdrücken, ähnlich wie die würzigen Synonyme kaasln, knofln, wujdln, ranzln und muffln.

Severin Freund; Severin Freund

Quelle: AP

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ebba

Skisprung-Weltcupsieger Severin Freund ist nach einer langen Saison in den Bayerischen Wald zurückgekehrt. Auf Empfängen in Waldkirchen und Breitenberg wurde der Sportler gebührend gefeiert. Und ein stolzer Bürger aus Waldkirchen sagte einen interessanten Satz in ein Fernseh-Mikrofon: "Jetz hamma aa ebban!" Er meinte damit: Nun haben auch wir im Bayerischen Wald einen Star! Eine sprachliche Perle ist dabei das Wörtlein ebban, die Akkusativform von ebba. Ebba ist ein Synonym für das Pronomen "jemand" und kommt vom mittelhochdeutschen etewer. In der Bedeutung "jemand" scheint ebba oft in einer Frage auf: Host ebban kennt? (Hast Du jemanden gekannt?). Ebba kann aber auch im Sinne von "etwa" verwendet werden. In Rita Falks Roman "Dampfnudelblues" findet sich die Frage: "Ist das ebba nicht gut?" In Wugg Retzers Erzählsammlung "Der Stier von Pocking" fragt ein Bursche: "Was bistn du für oane? Ebba gar - die Zenz?"

ebbs

Das Pronomen "etwas" heißt im Bairischen nicht ebba, sondern ebbs. "Ebbs Guads und ebbs Billigs!", so pries einst so mancher Kleinhändler seine Waren an. Kompliziert wird es nur, wenn ebbs in mehreren Bedeutungen in einem Satz verwendet wird. In Merkles Bairischer Grammatik ist ein Satz zu finden, der die verschiedenen ebba-Bedeutungen lustvoll zusammenzwängt: "Hat ebba ebba ebbs gsagt?" Das heißt: Hat etwa jemand etwas gesagt? Der Bund Bairische Sprache zitiert ein ähnliches Beispiel: "Hod Dir ebba ebba ebbas do?" - Hat Dir etwa jemand etwas getan? Ohne das Wörtlein ebbs wäre das Bairische arm dran. Auf großen Bauernhochzeiten hieß es einst: "Die Hochzeit derf scho ebbs kosten. Wo ebbs is, da kimmt meistens no ebbs dazua!" Hier hören wir nun auf, damit unten no a bissl ebbs übrig bleibt.

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Quelle: Stephan Rumpf

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wààr

Ab und zu ist im Bayerischen Fernsehen einwandfreies Münchnerisch zu hören, an dem formal nichts auszusetzen ist. In der Serie "Spezlwirtschaft" sagte neulich der Ladeninhaber Heinzi Liebl nach einer kurzen Abwesenheit zu seiner Vertretung: "I wààr dann do!" (das a wird hier so hell wie möglich gesprochen, es klingt so ähnlich wie bei Alarm). In der Serie "München 7" sagte der einen Polizisten mimende Schmidt Max: "Oiso, i wààr jetzt do!" Und auch der Bulle von Tölz, der von Ottfried Fischer gespielte Kriminaler Benno Berghammer, sagte, nachdem sich ihm ein potenzielles Gspusi namens Beatrice vorgestellt hatte: "Und i wààr da Benno!"

All diese Aussagen wurden im astreinen Konjunktiv getätigt, also in der Möglichkeitsform, die im Deutschen nicht sehr beliebt ist und langsam ins sprachliche Abseits gedrängt wird. Aus dem Bairischen ist der Konjunktiv freilich nicht wegzudenken, denn hier drückt er Höflichkeit und Noblesse aus, also Tugenden, die konträr zu jener Krachlustigkeit stehen, die den Bayern gerne nachgesagt wird. "I wààr da Benno!" Das ist der Konjunktiv der Höflichkeit in Reinform und heißt: "Ich wär der Benno, und ich würde mich freuen, wenn wir uns ein bisserl unterhalten. Ich dränge mich aber nicht auf." Es ist eine Art der Höflichkeit, sich im Konjunktiv vorzustellen statt im Indikativ. Doch die Zeiten ändern sich. Heute zählen Ego und Ellbogen, sie haben diesen sympathischen Konjunktiv weitgehend verdrängt.

Rudi Cerne spielt bei den 'Rosenheim-Cops'

Quelle: dpa

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wààrad

Eine interessante Erweiterung zum obigen Thema war in der ZDF-Serie "Rosenheim Cops" zu vernehmen. "Der Herr Deisner wààr jetzt da!", sagte eine Sekretärin. Der Kommissar aber erwiderte: "Wenn sein Alibi so stichhaltig wààrad . . ." Er erweiterte also den Konjunktiv wààr um das Suffix -ad. Die im Deutschen gebräuchliche Konjunktivbildung mit "würde" kennt das Bairische nicht. Es bildet zu fast allen Verben eine Form mit der Erweiterung -ad: Ich würde zeigen - i zoagat; ich würde schießen - i schiassad; ich würde meinen - i moanad. Wenn für diese Kolumne mehr Platz zur Verfügung stünde, waarad das nicht schlecht, es daadad noch viele weitere Konjunktive geben, und ihre Aufzählung gangad noch ganz lange weiter.

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Quelle: EBE

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Lätschenbene

Vor einigen Tagen hat Kollege S. in der Morgenkonferenz ein lustiges Wort aufgetischt. Früh am Tag noch ein bisserl mit der Welt hadernd, bezeichnete er einen auf einem Zeitungsfoto tramhapert dreinschauenden Prominenten als Lätschenbene. Dieses Wort ist ein Paradebeispiel für krachertes Bairisch, wie es am liebsten in Dialektwörterbüchern und Gaudikalendern vermarktet wird. Dabei ist es im allgemeinen Schimpfwörterregiment eher in die Kategorie leichte Kavallerie einzuordnen. Es ist nicht grob verletzend, beschreibt aber leicht abschätzig ein uninteressantes, langweiliges Mannsbild.

Der Idealtyp eines Lätschenbene ist der von Christian Springer dargestellte Kurti in der BR-Serie "Spezlwirtschaft". Kurti trägt ein spießiges Hemd, darüber einen Pullunder, auch frisurtechnisch ist er in den frühen Sechzigerjahren hängengeblieben. Am liebsten baut er mit Zündhölzern irgendwelche Gebäude nach, etwa den Bahnhof von Grafing. Bei einem Treffen mit der rassigen Agnes schafft er es nicht, mit ihr anzubandeln. Leider fällt ihm kein anderes Thema ein als seine Zündholzer. Kurti ist ein geborener lätscherter Bene (Kurzform von Benedikt).

Die Lätschen benennt eigentlich das Gesicht und den Mund eines Menschen, aber eher im negativen Sinne. Das Wort hängt mit dem Adjektiv lasch zusammen. Wenn einer die Lätschen hängen lässt oder gar eine Lätschen zieht, dann schaut er verdrießlich drein, weil irgendwas schiefläuft. Die Mundwinkel senken sich schlaff nach unten, fast wie bei der Kanzlerin, die aber keineswegs unter dem Verdacht steht, ein Lätschenbene zu sein.

Einkauf auf dem Wochenmarkt

Quelle: Kai Remmers/picture alliance

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Karfiol

"Also, ich sag's Ihnen! Meine Kindheit, . . . das war die Hölle." So beginnt ein von Gerhard Polt erdachter Dialog. Und weiter geht das Gejammere: "Was ich geprügelt wurde! . . . Allein schon wegen dem Blumenkohl! Wir mussten damals noch Karfiol dazu sagen . . ." Früher wurden Kinder, wenn sie "Folternahrung" wie Grießbrei, Spinat und Karfiol verweigerten, mit dem Kochlöffel geschlagen. Heute ist der Karfiol aus der gesundheitsbewussten Küche nicht wegzudenken, enthält er doch viele Mineralstoffe. Kein Wunder, dass der Karfiol zum Gemüse des Jahres 2015 ernannt wurde. Dass er bläht, gilt nur für empfindliche Mägen. Schade nur, dass in Bayern fast niemand mehr vom Karfiol spricht. Das ist die bairische Variante des italienischen Worts cavolfiore, das wohl im 17. Jahrhundert mit der Kurfürstin Henriette Adelaide nach München kam. Die heutigen Verbraucher kennen nur das Wort Blumenkohl. Aber wenigstens in Österreich darf der altehrwürdige Karfiol noch weiterleben.

Mundart Unterricht in einer Münchner Grundschule, 2014

Quelle: Alessandra Schellnegger

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Vornamen mit Artikel

Im Bayerischen Fernsehen dürfen glückliche Menschen jeden Tag in kurzen Einspielfilmen zum Ausdruck bringen, dass und warum sie da oder dort dahoam oder daheim sind. Wer sich mit den Dialektgesetzen einigermaßen auskennt, weiß sofort, ob da jetzt ein Eingeborener oder ein Zuagroaster vor der Kamera spricht. Gebürtige Bayern setzen nämlich den Artikel vor ihren Vornamen, wie etwa der Holzbildhauer Schorsch: "I bin da Schorsch und do bin i dahoam". Ähnlich der Münchner Musiker Landy: "I bin da Landy und do bin i dahoam." Das funktioniert auch bei den Frauen. Die dunkelhäutige Münchner Politologin Carla verwendet ebenfalls den bairischen Artikel: "Ich bin die Carla, und da bin ich dahoam." Manche Protagonisten der BR-Reihe verzichten allerdings auf den Artikel. Etwa der Papiertheaterkünstler Jörg: "Ich bin Jörg, und hier bin ich daheim." Oder die Yogalehrerin Heike, die sich hörbar norddeutsch artikuliert: "Ich bin Heike, und da bin ich daheim."

Dass der Name mit dem bestimmten Artikel verknüpft wird, ist typisch für die südhochdeutschen Sprachvarietäten, ebenso für südeuropäische Sprachen wie das Portugiesische. Darauf hat bereits Johann Höfer vor vielen Jahren in seinem Bairisch-Lehrbuch hingewiesen: "Onde está o Miguel?" Wo ist der Michael?

CSU-Vorstandssitzung

Quelle: dpa

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Der Artikel vor dem Vornamen ist ein wesentlicher Unterschied zwischen Dialekt und Schriftsprache. Wenn einer sagt "Seehofer hat geschimpft!", dann ist das ein falsches Bairisch, wie bereits in Ludwig Merkles alter Grammatik nachzulesen ist. Richtig heißt es: "Der Seehofer hat geschimpft." Es heißt auch nicht: "Hans kommt", sondern: Da Hans kimmt." Wegen des fehlenden Artikels wirken Sätze wie "Ich bin Jörg" wie ein Bier ohne Schaum, jedenfalls in gesprochener Form.

Schon vor vielen Jahren hatte der Sprachprofessor Johann Höfer moniert, dass ein BR-Mitarbeiter ein Buch von W.G. Sebald verrissen habe, in dem "unentwecht die Personnam Hans, Grete, Rudolf mit Artikeln genannt werden: der Hans, die Grete, der Rudolf. Ich kann das nach drei Seiten nich mehr lesen", klagte der arme Mensch. Im Übrigen heißt es auch der Herr Maier und die Frau Huber. Nur eine Form gibt es im Bairischen nicht: "der Gott". Hier behilft sich das Bairische mit einem erweiternden Adjektiv: "Der liebe Gott straft die Sünderlein . . ."

A woman with a parasol sits overlooking the Mediterranean Sea near a beach in Tel Aviv

Quelle: REUTERS

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Parasol und Paraplui

An früherer Stelle (siehe übernächstes Bild) ist das frisch produzierte Hörspiel "Die Rumplhanni" über den Schellnkönig gelobt worden. Auch über das darin vorkommende Wort Barasolflickersbankert hat sich der Rezensent mit Begeisterung ausgelassen und erklärt, es handle sich dabei um die ledige Tochter eines Schirmflickers. Leider hat ihm die Freude über diese Perlen bayerischer Literatur den Blick auf die sprachliche Realität ein bisserl getrübt, was von einigen Lesern zurecht moniert worden ist. Barasol (Parasol) sei ein Schirm oder Regenschirm, war im Wortschatz-Beitrag zu lesen.

In der Tschüss-Generation mag das angesichts der grassierenden Beliebigkeit in der Alltagssprache zwar durchgehen, sprachsensible Menschen aber stört dieses gschlamperte Reden nach wie vor, und das ist gut so. Wie der Name Barasol ja schon andeutet (Sol=Sonne) handelt es sich bei diesem Objekt primär um einen Sonnenschirm, wogegen der Regenschirm eher mit dem Wort der/das Paraplui zusammenhängt. Beide Begriffe sind Lehnwörter aus dem Französischen und wohl im 18. Jahrhundert zu uns eingewandert (frz. parapluie: von parer=abwehren und pluie=Regen). Schwammerlsucher kennen den Parasolpilz, einen schirmförmigen, essbaren Schwammerl, der auch Schirmling und Riesenschirmpilz genannt wird.

Regenwetter

Quelle: dpa

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Zur Geschichte vom Paraplui

Der Sprachforscher Josef Ilmberger hat einst in den 1960er Jahren in einem Laden in Altbayern eine unterhaltsame deutsch-französische Begegnung erlebt. Später hat er die Geschichte in sein Wörterbuch "Die bairische Fibel" aufgenommen. In dieser wahren Begebenheit spielt der Parablui (Paraplui) eine tragende Rolle. Sie ereignete sich wie folgt:

Ein Franzose, der kaum Deutsch sprach, kam bei strömendem Regen zu einem Landkrämer. "Isch brauchen Recken . . . Recken . . . pardon . . . brauchen . . . brauchen . . ." - "Ja mei, guada Mo", sagte der bayerische Ladeninhaber, "des versteht doch koa Sau ned, was du möchst." Da rief der Franzose erfreut: "Ah, cela, Recken!" und nahm in einer Ecke einen Regenschirm vom Nagel. "Ja so, a Parablui host gmoant, hättst es halt glei daitsch gsagt, Parablui hoaßt dees!"

Regen in Berlin

Quelle: dpa

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Barasolflickersbankert

Der Regensburger Lohrbär Verlag hat ein herausragendes Hörspiel produziert. Als Vorlage diente Lena Christs 1916 erschienener Roman "Die Rumplhanni". Es geht darin um die Dienstmagd Johanna Rumpl, die unbedingt Bäuerin werden will. Ein solcher Aufstieg war damals für ein uneheliches Kind niederer Herkunft fast unmöglich: "A Barasolflickersbankert", so nennt sie der Staudenschneider Girgl, ein Bauernsohn.

Gewaltige Wörter wie dieses prägen den Roman und das Hörspiel. Ein nichtbayerischer Zuhörer mag bei Wörtern wie Barasolflickersbankert an seine Verständnisgrenzen stoßen. Dabei ist die Auflösung gar nicht schwer: Barasol (Parasol) ist ein Schirm oder Regenschirm, es geht also um einen Schirmflicker und seinen Bankert (uneheliches Kind). Barasolflickersbankert ist ein grobes Schimpfwort, mit dem der Staudenschneider der Rumplhanni die Aussichtslosigkeit ihrer Lage unter die Nase reibt. Sein Ärger ist begründet: Als Bauernsohn hatte er um die Dienstmagd Hanni geworben, und die hatte die Schneid, ihn trotz ihrer Ambitionen zurückzuweisen.

(Lena Christ: Die Rumplhanni. Hörspiel. Lohrbär Verlag, Regensburg 2014. 3 CDs)

Einsamkeit

Quelle: iStockphoto

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oaschichtig

"Windiger Deanstbot, oaschichtiger!", so verspottete der Bauernsohn die Rumplhanni. Oaschichtig (einschichtig) bedeutet in diesem Fall, dass besagter Mensch alleinstehend, unverheiratet ist. Das war in der früheren bäuerlichen Gesellschaft ein schwerer Mangel, denn es ging ums Überleben. Begriffe wie oaschichtig künden von einer furchtbaren Zeit. Als Lena Christ die Rumplhanni schrieb, wütete der Große Krieg. Sowohl der Roman als auch das Hörspiel geben die Nöte der Bevölkerung mit einer drastischen Intensität wider. Es ist eine Sensation, dass der Hörbuch-Verleger Dieter Lohr 50 hochkarätige und dialektfeste Sprecher aufbieten konnte, die den Klang des alten Bayern erschütternd authentisch aufleben lassen.

(Lena Christ: Die Rumplhanni. Hörspiel. Lohrbär Verlag, Regensburg 2014. 3 CDs)

Gasteig in München

Quelle: dpa

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Gasteig

Krieg in der Ukraine, Krieg in Syrien, Not und Elend in aller Welt. Da ist man froh, dass sich die Probleme der Münchner auf den Bau eines Konzertsaals beschränken. Im Bayerischen Fernsehen gab es vor wenigen Tagen eine Diskussionsveranstaltung, in der ständig vom Gasteig die Rede war, einem Brennpunkt der Konzertsaaldebatte. Gasteig ist ein alter Flurname, er benennt den gachen Steig, den steilen Anstieg des Isarhochufers. Gach, hell gesprochen, bedeutet hier steil oder jäh hinauf. Es ist seit jeher üblich, das Wort Gásteig - um eben das Gache hervorzuheben - auf der ersten Silbe zu betonen, was auf der BR-Veranstaltung auch alle Redner getan haben. Einzig der SPD-Landtagsabgeordneten Isabell Zacharias gefiel es, die zweite Silbe zu betonen, aber sie stammt ja auch aus Nordfriesland. Neubürger aus dem Norden und Osten Deutschlands neigen generell dazu, bayerische Ortsnamen individuell auszusprechen, was dann die Einheimischen oft brav übernehmen. Das hat dazu geführt, dass so mancher Ortsname neuerdings falsch intoniert wird. Ein klassisches Beispiel ist neben dem Gasteig der Wintersportort Ruhpolding, der auf der ersten Silbe betont wird, nach der neuen Mode aber auf der zweiten. Seien wir also gespannt, wann die Abgeordnete Zacharias den Nachnamen ihres SPD-Landesvorsitzenden (Pronold) ebenfalls auf der zweiten Silbe betont. Pronóld spricht heute im Gastéig. Klingt sehr nach Fasching.

Ekzem Homo 10 v.l.n.r. Christoph Well, Funke Konate, Stefan Merki, Karli Well, Michael Well, Gerhard Polt

Quelle: Andrea Huber/oh

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gschupfte Henn

Gerhard Polt und die Well-Brüder begeistern das Publikum an den Münchner Kammerspielen mit ihrem neuen Stück "Ekzem Homo". Darin geht es unter anderem um einen Landsmann namens Brezner, der seine Nachbarn als Gschwerl beschimpft und auch auf die "gschupftn Mütter" einen Rochus hat. Gschupft ist ein ausdrucksstarkes Adjektiv mit mehreren Bedeutungen. Zum Beispiel trifft es auf Menschen zu, die in unahnsehnlicher, zerzauster Kleidung daherkommen. Das Verb schupfen bedeutet schieben, stoßen. A gschupfte Henn ist eine vom Raubvogel zerzauste Henne, respektive eine schlampig herumlaufende Frau. Im Falle des erwähnten Stücks an den Kammerspielen aber wird das gschupft eher die Bedeutung dumm oder verrückt haben. Als gschupfte Mütter sind hier wohl auch solche gemeint, die als Helikopter-Mütter den aktuellen Schul-Diskurs bereichern.

Alpine Skiing World Championships 2015

Quelle: dpa

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Löschbladdl

Die Sportübertragungen des Österreichischen Fernsehens (ORF) sollten für das Immaterielle Weltkulturerbe vorgeschlagen werden. Viele Reportersprüche des ORF sind origineller als das Ereignis selbst (Ingenieur Edi Finger, 1978, Fußballsieg der Österreicher gegen Deutschland: I werd narrisch, . . ., wir busseln uns ab . . . !"). Auch die gerade laufende Ski-Weltmeisterschaft in den USA hat für Österreich erfreulich begonnen. Landsmann Hannes Reichelt dominierte die Disziplin Super-G. Im Gefühlsüberschwang schwärmte der ORF-Reporter über Reichelts Fahrstil: ". . . die geilste Hocke im ganzn Weltcup! Der biggt do drin - do hod koa Löschbladdl mehr Blotz! Subba!"

Diese bildhafte Sprache weckt Erinnerungen. In der Zeit, in der Kreidetafeln und Tintenfüller aus den Klassenzimmern verbannt werden, um den digitalen Whiteboards zu weichen, beschwört der ORF das Löschbladdl. Diese saugfähigen Blätter sind in den Schreibheften lose eingelegt. Sie werden benützt, um die Tinte des Füllers zu trocknen und das Geschriebene nicht zu verschmieren. Allerdings ist das Löschbladdl überflüssig geworden, da die Schüler mit Kugelschreiber, Fine Liner und Computer schreiben - der Tintenklecks ist Vergangenheit. Dank der ORF-Sportreporter darf das Löschbladdl wenigstens im Fernsehen weiterleben.

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Quelle: CATH

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haudig

Lange hat der Winter geschwächelt, aber jetzt hat er sich doch noch festgekrallt. An die Kälte nicht gewöhnt, leiden viele Menschen an Erkältungen und grippalen Infekten. Nicht jeder will sich eingestehen, dass er krank ist. Er sagt höchstens: "Oh, heut bin i aber haudig beinand!" Wer haudig beinand ist, fühlt sich kraftlos und erschöpft. In Josef Bierbichlers Roman "Mittelreich" sagt der Pfarrer über den im Lazarett liegenden Seewirts Toni: "Er ist hautig beieinander!"

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Quelle: Carola Cinelli/oh

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Sacklzement

Bayerische Verlage werfen ein Schimpfwörterbuch nach dem anderen auf den Markt und nähren damit den Verdacht, im Freistaat werde nur noch geschimpft und geflucht. Das Aufmacherbild auf der Leute-Seite der SZ von diesem Mittwoch zeigt indessen ein T-Shirt, auf dem ein Schimpfwort abgedruckt ist, das nicht sofort als solches zu erkennen ist: Sacklzement (ein Sack Zement). Bis vor wenigen Jahrzehnten, als Bayern noch stark christlich geprägt war, galten Flüche als grober Tabubruch. Das im Beichtspiegel enthaltene zweite Gebot verbietet das Fluchen, also den zornigen Missbrauch von heiligen Wörtern wie Herrgott, Sakrament und Kreuz.

HeidelbergCement

Quelle: dpa

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Um nicht ständig beichten zu müssen, wendeten fluchfreudige Gläubige einen Trick an. Sie verschleierten ihre Flüche, wie es beim Sacklzement idealtypisch der Fall ist. Dieser Ausweichfluch soll das heilige Wort Sakrament verdecken. Heilige Wörter wurden also verfremdet, gekürzt oder unverfänglich neu zusammengesetzt. Aus Jesus wurde Jessas (Jessasna), aus dem französischen sacre dieu (heiliger Gott) wurde im Bairischen Sakradi, Saxndi und Sappradi. Wie diese Begriffe ist auch das Sacklzement als Fluch dermaßen entschärft, dass man es nach Meinung von Dialektpapst Ludwig Zehetner nicht einmal mehr als lässliche Sünde beichten muss.

Bonbon Museum

Quelle: dpa

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Huastnguatlausfahrer

Neulich ging es an dieser Stelle um die Wendung "I bin doch ned dem Gandi sein Breznsoizer". Sie bedeutet: "Mach doch deinen Schmarrn selber!" Dass es dazu interessante Weiterungen gibt, darauf hat uns Barbara Just, Redakteurin bei der Katholischen Nachrichten-Agentur KNA, hingewiesen. Frau Just kennt aus ihrer familiären Vergangenheit den Begriff "dem Gandi sein Huastnguatlausfahrer". Das lautmalerisch herrliche Wort Huastnguatl benennt ein Hustenbonbon. "Dem Gandi sein Huastnguatlausfahrer ist ein ganz schlanker Mensch oder besser ein dürres Gerippe von einem Zeitgenossen", schreibt Barbara Just.

Marco Reus

Quelle: AP

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Zeiserl

Der Fußballer Marco Reus ist jahrelang ohne Führerschein gefahren. Zur Strafe muss er nun 540 000 Euro zahlen. Typisch, denkt man sich, wieder einer dieser superreichen Cowboys aus den Sportarenen, die ihre Freizeit mit gestelzten Models und schnellen Flitzern gestalten. Nun lesen wir aber, dass der Dortmunder Nationalspieler eher still und introvertiert ist, dass er eine große Scheu vor Prüfungen hat. Nach einem Spiel gibt er sich schüchtern. Für solche Burschen hält das Bairische das schöne Wort Zeiserl bereit. Ist auch Marco Reus ein Zeiserl? Ein Mensch also, der sich nichts zutraut, obwohl er die gschamige Phase der Kindheit längst überwunden haben sollte. Zeiserl ist eigentlich die Verkleinerungsform für den Singvogel Zeisig, dem ein altes Kinderlied gewidmet ist:

"Stieglitz, Stieglitz, 's Zeiserl is krank . . ."

Dass auch im egomanischen Profisport das eine oder andere Zeiserl zu finden ist, klingt fast tröstlich. Trotzdem: Auch ein Zeiserl braucht einen Führerschein.

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Quelle: Alessandra Schellnegger

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Bawett

An der Realschule Vohenstrauß steht das Thema Dialekt hoch im Kurs. Sehr interessant ist der Adventskalender auf der Internet-Seite, in dem Schüler regionale Dialektwörter vorstellen. Man hört etwa die Nebenformen des Vornamens Barbara: Sie lauten Bawett, Babett und Betty. Viele Vornamen klingen im Dialekt anders. Die Josefine wird zur Fini, der Josef zum Sepp, der Georg zum Schorsch, der Sebastian zum Wast, die Anna zur Nanndl. Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Manche kennen noch die passenden alten Tratz-Reime:

"Reserl mitm Beserl, kihrs Ofaloch aus, wannst as ned sauba machst, hau i di aus!"

Die Sprüche stammen aus einer Zeit ohne Facebook, als man noch direkt miteinander kommuniziert hat, auch mit drastischen Bildern:

"An Lucki dadrucki, an Michi dastichi und an Kari dafahri."

Brezen beim Bäcker

Quelle: Tobias Hase/dpa

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Breznsoizer

Müssen wir uns die Weißwurst künftig ohne Brezn einverleiben? Ein schrecklicher Gedanke. Die Brezn soll nämlich zuviel Aluminium enthalten. Bisher hat eher das Salz auf der Brezn als ungesund gegolten. Breznsoizer (Brezensalzer) ist folglich keine Berufsbezeichnung, sondern ein Schimpfwort. Als Breznsoizer gilt einer, der sich ungeschickt anstellt, ein Nichtsnutz also. Ein alter Spruch lautet: "Reg di ned auf über den damischen Breznsoizer!" Populär war auch der Ruf "Bin i denn am Gandi sein Breznsoizer!" Nicht der Brezn-soizer vom Gandi zu sein, das hieß: "Mach doch deinen Schmarrn selber, lass mich in Ruh!" Das Dialektwort Gandi bedeutet so etwas Ähnliches wie Bazi. Ob damit der indische Pazifist Mahatma Gandhi gemeint war, ist deshalb fraglich. Naheliegender ist ein Zusammenhang mit den Vagandi. So hießen einst die Studenten, die ja durchaus vom Leichtsinn geplagt waren.

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Quelle: Stephan Rumpf

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Huisnblasi

Ein Stenz ist nach klassischer Definition ein Weiberheld. Als ein Stenz in Reinkultur gilt der Monaco Franze aus der gleichnamigen Münchner Fernsehserie. Aber auch auf dem Land treibt sich so mancher Stenz herum. Nur werden solche Typen dort anders genannt: Sie hören auf das lustig klingende Wort Huisnblasi, das die Kabarettistin Martina Schwarzmann übrigens in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift MUH erwähnt hat (übersetzt: Hülsenblasius).

Huisnblasi hat aber mehrere Bedeutungen. Der Hofer Franzi aus Starzell nennt seinen kleinen Buben manchmal ebenfalls Huisnblasi, aber nur im liebevoll tadelnden Sinne: "Ja, du Schlawiner, was hastn scho wieder angestellt!"

Skulptur von Sigi Sommer in der Fußgängerzone, 2004

Quelle: Catherina Hess

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Auch dem großen Münchner Autor Sigi Sommer war das Wort geläufig. In der Abendzeitung schrieb er im September 1968, Huisnblasi sei die lustige Bezeichnung für einen unbeholfenen Menschen. Jahrzehnte später brachte der Garmischer Autor Jörg Maurer den Huisnblasi in seinem Kriminalroman "Föhnlage" ins Spiel: "Der Mirgl, . . ., ein richtiges Mannsbild war das - und nicht so ein Lätschenbeni wie dieser Jennerwein, dieser sogenannte Kommissar, dieser Huisnblasi, bei dem gar nichts weiterging, . . ."Zur Herkunft des Begriffs liefert vielleicht Ludwig Ganghofers 1883 erschienener Roman "Der Jäger von Fall" eine Antwort. Dort tritt auch ein Blasi auf, der Sohn des Huisn Bauern. Nach bayerischem Sprachgebrauch wird er aber nicht Blasi Huisn genannt, sondern Huisn Blasi. Wer eine treffendere Erklärung kennt, ist herzlich aufgerufen, diese der Redaktion, Abteilung Wortschatz, mitzuteilen.

Kuh

Quelle: Sven Hoppe/dpa

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bläde Huisn

Die weibliche Entsprechung zum männlichen Huisnblasi ist das Schimpfwort bläde Huisn (blöde Hülse). Alternativ könnte man auch bläde Kuah (blöde Kuh) sagen. Manchmal benennt bläde Huisn auch ein einfältiges Weibsbild. Dieses Schimpfwort wird einer Frau nur im Zustand größter Zornesaufwallung entgegengeschleudert: "So eine bläde Huisn!" Die Betroffene hat sich eine solche Beschimpfung in der Regel hart verdient, indem sie sich so richtig daneben benommen hat. Das Synonym bläde Huisn ist um eine Nuance schneidender als bläde Kuah.

Der Sprachforscher Michael Kollmer führt in seinem Buch "Die schöne Waldlersprach" neben der Huisn zwei gleich lautende Verben auf: huisn und nohuisn. Sie bedeuten: jemandem nachtrauern.

ST”RZUCHT IM VERSUCHSSTADIUM

Quelle: DPA

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Huisnblasi (Nachtrag)

Der Begriff Huisnblasi ist noch nicht ganz enträtselt. Zu den vorgestellten Theorien (SZ v. 8. Dezember) haben einige Leser interessante Ergänzungen mitgeteilt. Martin Klaus und Helmut Thieß schrieben, "Hoißen-Blasi" bzw. "Hoisn-Blasi" sei die korrekte Schreibweise. Ludwig Thoma und Ludwig Ganghofer hätten aber den Namen Hoiß verändert. Reinhard Wittmann vermutet, beim Huisnblasi könnte es sich um eine Variante der "Hausenblase" handeln, also der Schwimmblase des Hausens (einer Stör-Art) beziehungsweise des daraus gewonnenen Fischleims. Demnach gehört der Begriff zum Wortfeld Loamsiada (lätscherter, umständlicher Mensch). "Dergleichen Worte werden gern verballhornt, wenn der alte Zusammenhang nicht mehr bekannt ist", schreibt Wittmann.

Brief/Tinte/Feder/Post/Füller/Brieppapier/Briefumschlag

Quelle: aelmsu/ Photocase.de

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Waserl

Neulich hatte die SZ-Redaktion einen kleinen Disput mit der temperamentvollen Leserin Renate S., nix Tragisches. Für die Rubrik Wortschatz aber erwies sich dieses Zwiegespräch als ein Glücksfall. Die Dame sagte nämlich, wir Journalisten sollten nicht so empfindlich sein, wenn wir kritisiert werden. "Es Waserl vo da SZ!", das hat sie uns frei von der Leber weg hingerieben.

Journalist im Landtag

Quelle: dpa

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Zackbumm, das hat gesessen. Origineller ist dieser Berufsstand noch nie aufgezwickt worden. Ein Wort, so kuschelig wie ein Lamm - und so scharf wie ein Dolch. Leider wird Waserl in keinem Wörterbuch erwähnt. Frau S., eine gebürtige Fränkin, kennt es von ihrem Mann, einem Niederbayern. Er hatte seiner Frau gegenüber behauptet, sie sei vor der Rettung durch ihn ein Waserl gewesen. Laut seiner Definition also ein ängstlicher, unbeholfener Mensch, der sich nichts zutraut - ein Hosenscheißerl, wie die Niederbayern sagen. Als Schimpfwort ist Waserl ideal geeignet für eine kleine Stichelei, für Journalisten aber markiert die Auszeichnung Waserl irgendwie die Höchststrafe.

Schlafen

Quelle: iStockphoto

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nofetzen

Ausgerechnet die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit hat vor kurzem an den alten bairischen Mundartausdruck naffazzen erinnert. Die Schreibweise ist etwas eigenwillig, gemeint war das Verbum nofetzen (nafetzen), ein Synonym für die standardsprachlichen Begriffe dösen und schlummern. Im Bairischen gibt es eine Reihe von Verben mit den mittelhochdeutschen Endungen -itzen, -etzen und -atzen. Sie drücken das Wiederholen einer Bewegung oder eines Lautes aus. Mancher kennt noch schliefatzen (gehen, ohne die Füße zu heben) und gnaratzen (wenn die Tür oder ein Schuh knarzt). Jetzt wird's aber höchste Zeit für einen Nofetzer (Mittagsschlaf, Nickerchen).

Sparen dank schlechtem Wetter - Regenwasser für Haus und Grün

Quelle: dpa-tmn

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Grand

Neulich ist an dieser Stelle das schöne Wort Charivari erörtert worden, und in diesem Zusammenhang wurde auch der wenig bekannte Begriff Grandeln erwähnt. Es ist ein Fachwort für die Eckzähne im Oberkiefer des Rotwilds. Hirschgrandeln sind als Jagdtrophäe ein begehrtes Anhängsel an einem Charivari. Nicht zu verwechseln sind die Grandeln mit dem Grand, besser gesagt mit dem Wassergrand. Der Wassergrand ist ein steinerner Behälter, in dem zum Beispiel das Regenwasser aus der Dachrinne gesammelt wird. Auf Bauernhöfen fließt oft Brunnen- oder Quellwasser durch einen Grand, klar und eiskalt. Früher, als es noch keine Badezimmer gab, haben sich die Menschen dort gewaschen. Heute schwimmen auf manchen Höfen die aus dem Weiher gefischten Karpfen ein paar Tage im Grand, damit sie beim Verzehr nicht mooseln (nach Moos riechen).

Hausfrauen-Verband gibt sich neuen Namen

Quelle: dpa

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Grandl

Die kleine Version des Grands ist das Grandl, wie es früher oft im Holzofen in der Kuchl eingelassen war, damit das Wasser für den Haushalt dort schnell erhitzt wurde. Der Autor Hans Niedermayer kennt das Grandl bestens aus seiner Kindheit: "Wenn es besonders kalt war, füllte die Mama die Wärmflasche mit heißem Wasser aus dem Grandl, einem kleinen, in den Herd eingelassenen Warmwasserspeicher." Das Grandl kommt auch in der auf dem Land noch üblichen Redewendung "das Grandl voll haben" vor: Wenn einer zu viel getrunken hat, wenn er sich also einen solennen Rausch aufgeladen hat, dann sagt man dort kurz und bündig: "Der hat aber's Grandl sauber voi!" Der Grand ist nicht zu verwechseln mit dem Grant, der weltberühmten bayerischen Übellaunigkeit. Wenn also eine Rauschkugel vom Wirtshaus zurückkehrt und das Grandl voll hat, könnte das bei der lieben Gattin einen Grant auslösen.

Süddeutsche Zeitung und MVV veranstalten S-Bahn Jubiläumsrundfahrt um München, 2012

Quelle: Catherina Hess

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Ramasuri

Drei singende und geigende Frauen sowie ein Herr am Kontrabass: Das ist die Gruppe Zwirbeldirn, die aus altem Liedgut moderne Volksmusik zaubert. Eines dieser Lieder fängt so an: "Heit is großes Remassuri bei Madame Bschesina . . .". Remassuri? Ein großartig klingendes Wort, zweifellos. Remassuri sagen die Österreicher, in Bayern heißt es Ramasuri. Im Bairischen gibt es mehrere viersilbige, vokalreich-lustige Wörter dieser Art: Ramasuri klingt wie Diridari, Charivari, Goggolori, Ramaduri und Ramadama. Die a-Laute werden bei jedem dieser Wörter hell ausgesprochen. Neulich wurde ein alter München-Tatort aus dem Jahr 1976 wiederholt. Der wunderbare Toni Berger war da zu sehen, er stand auf einer Baustelle und war zerknirscht: "I hob doch ned gwusst, dass des an soichan Ramasuri gibt!", sagte er. Er ersetzte also das Wort Ärger durch Ramasuri.

Knigge-Kurs für Kinder

Quelle: iStock_000012785735Small

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Ramasuri kann vieles bedeuten, Durcheinander, Chaos, Tumult und Trubel. Vermutlich kommt es aus dem Italienischen (rammassare: sammeln, anhäufen). Die Italiener gebrauchen mehrere ähnlich klingende Wörter, wenn zum Beispiel Kinder recht laut und ausgelassen sind. Auch eine Dudelmusik, mit der uns die Spaßvögel im Radio schon am Morgen drangsalieren, darf ruhig als Ramasuri bezeichnet werden. Nicht umsonst heißt ein populärer Sender in der Oberpfalz Radio Ramasuri.

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Quelle: Marco Einfeldt

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Charivari

Ramasuri und Charivari haben eine ähnliche Bedeutung. Vor allem benennt Charivari (gesprochen: Schariwari) eine Schmuckkette, an der Münzen und Medaillen, Hornscheiben, Grandeln, Tierpfoten, Dachsbärte und Tierzähne baumeln. Gerne wird dieser Schmuck am Hosenlatz der Lederhose getragen.

"Die Dorfbraut" von Jean Baptiste Greuze

Quelle: "Die Dorfbraut", Gemälde von Jean Baptiste Greuze / Süddeutsche Zeitung Photo

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"Faire du charivari" war einst ein ritualisierter Klamauk, den die Franzosen bei der Wiederverheiratung einer Witwe veranstalteten. Der Dialektologe Ludwig Zehetner vermutet, dass das Wort in der napoleonischen Zeit nach Deutschland gelangt ist. In guter Erinnerung ist die bayerische Kulturzeitschrift Charivari, die von 1978 bis 1999 erschienen ist und für wenig Diridari viel Ramasuri geboten hat.

Franz Josef Strauß mit Helmut Kohl, 1988

Quelle: AP

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buckelkrax

In den öffentlich gemachten Gesprächen des Alt-Kanzlers Helmut Kohl mit dem Journalisten Heribert Schwan erwähnt Kohl unter anderem eine kuriose Bergwanderung mit seinem Männerfreund Franz Josef Strauß. Leider war damals kein Fotograf dabei, er hätte ein Jahrhundert-Bild schießen können.

Um die Kondition von Strauß war es nicht gerade gut bestellt, dann kam auch noch ein Gewitter auf, die Steine waren glitschig, der Weg wurde schmal. Strauß kapitulierte. "Da habe ich ihn die letzten fünfzig Meter auf dem Buckel durchgeschleppt", schildert Kohl diesen zeitgeschichtlichen Knüller.

Im Bairischen gibt es ein Wort, das die mühsame Fortbewegung der beiden Schwergewichtler noch bildhafter zum Ausdruck bringt als huckepack: Kohl hat Strauß buckelkrax getragen. In seinem Roman "gehen lernen" packte Harald Grill sogar beide Wörter in einen Satz: "Und ich nehme meine Mutti huckepack und den Vati buckelkrax noch oben drauf." In der Regel werden Kinder buckelkrax getragen. Die Kraxe (Trage auf dem Rücken) heißt in manchen Gegenden Buckelkraxe. Das Substantiv Buckel benennt den Rücken des Menschen ("rutsch mir doch den Buckel runter!") aber auch einen Hügel, eine Anhöhe ("auf diesem Buckel hab ich das Skifahren gelernt!")

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Quelle: Archiv TSV München von 1860

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Rehgeißerl

Der ehemalige Sechzger-Torwart Petar Radenkovic ("bin i Radi, bin i König!") ist vor kurzem 80 Jahre alt geworden. Zu Radis Glanzzeiten waren die Fans noch sehr stolz auf ihre Sechzger. Sie spielten so gut, dass sie 1966 sogar Meister geworden sind. Einmal gastierten sie in Straubing, und weil es keine Handys gab, mussten neugierige Buben erfragen, wie das Spiel ausgegangen war.

Die treffendste Antwort gab damals der Konzeller Fabrikarbeiter Hannerl Attenberger, sie atmet fast eine philosophische Weite: "Da Radi hod de ganze Zeit Rehgoißerl gsuacht." Ein Satz von geradezu spektakulärer Bildhaftigkeit.

Er meinte damit, der Radi habe halt Schwammerl gesucht, weil er nichts zu fangen bekam. Die Straubinger waren für die Sechzger zu schwach, sie drangen nicht in deren Strafraum ein. Rehgoißerl (Rehgeißerl) und Reherl - so werden Pfifferlinge und Eierschwammerl in dieser Gegend genannt - sind eine Delikatesse, aber ebenso rar wie Erfolge der Sechzger.

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Quelle: Robert Haas

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Mir gàngst

Warum er denn nicht in die Politik gegangen sei, wurde der Kabarettist Bruno Jonas neulich in einem SZ-Interview gefragt. "Mir gàngst!" hat Jonas im Stile eines Philosophen geantwortet und dabei auch noch angedeutet, dass das Bairische nicht nur derbe Züge trägt, sondern kurz und bündig eine Haltung auf den Punkt bringen kann.

In München hört man die Redewendung "mir gàngst!" nur noch selten, und zum Wortschatz der Zuagroasten zählt sie schon gleich gar nicht. Eine Kollegin, die seit vielen Jahren in München lebt, hat darauf hingewiesen, sie habe das noch nie gehört, sie kenne "mir gàngst!" nicht.

Wer dieses Sprachrelikt, außer in Jonas-Interviews, live hören will, sollte deshalb eine Boazn, die Großmarkthalle oder den Viktualienmarkt besuchen und dort den Dialogen und Frotzeleien der Eingeborenen lauschen: "Sepp, do kimm her, morgen müassma Erdäpfel klauben, do könnt ma oan wia di guat braucha?" "Ja mir gàngst!", stichelt der Sepp zurück, er könnte auch sagen: "Ja da wenns d' ma net gàngst'."

Mir gàngst bedeutet: Nein danke, damit will ich nichts zu tun haben! Lass mich in Ruh mit dem Schmarrn! In der zunächst seltsam wirkenden Form gàngst steckt der Konjunktiv von gehen: Ich ginge heißt auf Bairisch i gàngad, du gingest heißt du gàngst oder gàngadst. Starke Konjunktivformen prägten das alte Bairisch: ich bliebe - i bleibad, ich fragte - i frogad, ich käme - i kààmad. Nur gut, dass man so etwas nicht auswendig lernen muss. Mir gàngst.

Dampfnudel

Quelle: dpa

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Nuul

Die Kirchweih ist glücklich überstanden, und in ländlichen Gegenden, in denen dieses Traditionsfest noch ausgiebig zelebriert wird, haben die Genießer sicherlich das eine oder andere Pfünderl auf ihre Hüften draufgepackt. Schuld daran sind all die Kirchweih-Bissen, die in fetten Soßen schwimmenden Gänse- und Entenbraten ebenso wie das nachgeschobene Schmalzgebäck, das je nach Region in unterschiedlichen Ausformungen serviert wird.

Die Kirchweihnudeln heißen im Bairischen Kirtanudeln, wobei die Nudel in der gesprochenen Form das d verliert und mit langem Vokal ausgesprochen wird: Nuul. Ähnlich verhält es sich mit dem Knödel, der zum Gneel wird. Kein Sprachlexikon kümmert sich um den Gneel und die Nuul, ehrwürdigen Sprachmonolithen, die einfach ignoriert werden.

Als Faktum aber hat die Nuul viele Gesichter, man denke nur an die Dampfnuul (im Bild), wie die im Milchdampf gekochte Hefenudel heißt, oder an die Rohrnuul, eine Hefenudel, die im Backrohr gebacken wird. Wer zuviel davon verzehrt, der mutiert irgendwann selber zu einer wamperten Nuul.

Videoüberwachung

Quelle: Patrick Pleul/dpa

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Pfiat Eahna

Wie kürzlich bekannt wurde, haben Ermittler des Bundeskriminalamts (BKA) ein Telefongespräch des Polizeireporters des Bayerischen Rundfunks mit einem Münchner Polizisten belauscht. "Pfird einer, bis bald, Servus, Ciao", soll sich der Journalist laut BKA-Vermerk von seinem Gesprächspartner verabschiedet haben. Pfird einer? Mit den Bairischkenntnissen der deutschen Überwacher und Spione steht es offensichtlich nicht zum Besten, korrekt hätte es im Protokoll "Pfiat Eahna" heißen müssen. Dialektkenntnisse sind also in der überwachten Welt von heute ziemlich praktisch. Sogar Geheimdienste und Ausspäher kann man mit der Verschlüsselungssprache Bairisch bequem austricksen.

Pfiat Eahna ist eine Nebenform des Abschiedsgrußes Pfiat di God (Behüt dich Gott). Zu einem Menschen, den man siezt, sagt man Pfiat Eahna God (Behüte Sie Gott). Wird der Zusatz Gott weggelassen, dann heißen die Formen Pfiat di, Pfiat eich (euch) und Pfiat Eahna.

Ähnliches gilt für das Begrüßungsritual, nur dass die Formen dann Griaß di, Griaß eich und Griaß Eahna heißen. Das pf von Pfiat di kommt von der Assimilation der im Bairischen ungewöhnlichen Lautfolge ph (bh), die nach dem Ausfall des e entstand: Aus behüte wurde im Dialekt bhiat und schließlich pfiat.

Pfiatdigod scheene Bäuerin

Mit dem Grußwort Pfiat di God werden bei bestimmten Gelegenheiten auch Gefühle wie Abscheu und Enttäuschung ausgedrückt: Ja Pfiatdigod heißt: Um Gotteswillen, des hat grad noch gefehlt. Wichtig ist, dass das Pfiat betont wird.

Eine Steigerung der Aussagekraft erreicht man durch die Wendung Pfiatdigod scheene Beierin (Bäuerin). Wenn er sich mit Stoffeln und besonders schweigsamen Menschen herumärgert, schimpft der Altbayer: "Der hod koa Wörterl ned gsogt, ned Griasgod, ned Pfiagod, ned Leggmiamorsch!" Das sind klare Worte, wir sind gespannt, wie BKA und NSA sie übersetzen werden.

Richard Lugner und Cathy Schmitz

Quelle: dpa

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Dutterer

Auf dem Wiener Opernball hat er meistens angegraute weibliche Filmstars im Schlepptau. Privat aber umgibt sich Richard "Mörtel" Lugner (81) lieber mit jungen Gspusis wie der Kölnerin Cathy "Spatzi" Schmitz (24), mit der er inzwischen verheiratet ist. Spatzi ist natürlich nicht das erste Gespons in Lugners Vita.

Mausi, Hasi, Bambi, Katzi und Kolibri hießen die letzten Täubchen "aus dem Streichelzoo des Wiener Baulöwen", wie die Bildzeitung Lugners Frauenriege allerliebst tituliert hat. Obwohl Spatzis Bruder seinen künftigen Schwager bei der Verlobungsfeier über den Schellenkönig rühmte ("dör Rischad is 'ne gute Socke"), beträgt der Altersunterschied zwischen Richard und Spatzi dennoch 57 Jahre.

Alte Männer, die sich so ein junges Ding zulegen, reiht der Volksmund in die Kategorien alter Krauterer (alter Knacker) und Dutterer ein. Der Begriff Dutterer zielt zwar auf unreife Bürscherl, die noch an der mütterlichen Brust (Dutte) hängen, aber es herrscht auch kein Mangel an brustverliebten alten Dutterern.

Senioren wie Lugner, die jungen Frauen nachsteigen, gelten überdies als hasert oder hosert (bremsig). Außerdem kennt der Dialekt für diese Spezies auch Ausdrücke wie oider Goasbock, damischer Ritter und Glätznkopf, der ned gscheider werd.

Haserl

Nicht immer entflammen junge Frauen aus purer Liebe, bisweilen bildet auch das Geld des Verehrers eine reizende Verlockung. Weil sie oft aussehen wie Unschuldslämmer, die nicht bis drei zählen können, werden solche Frauen als Haserl, Trutscherl und Gschoserl belächelt.

Als Paradeexemplar galt früher das Skihaserl. Wenn sich bei einer solchen Dame Einfalt und Hochmut paaren, dann trägt sie Ehrentitel wie Schicks, gschupfte Henn' und Heigeing.

Ihre Leistung lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Jetzt hat sie endlich an Blädn gfundn. Möge die Liaison zwischen Mörtel Lugner und Spatzi Schmitz weiterhin glücklich verlaufen. Nicht dass sich am Ende eine alte Weisheit bestätigt: Des san schlechte Ehen, wo er blöd is und sie merkt's.

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Quelle: Stephan Rumpf

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Max Schmidt-Moderator und Schauspieler, fotografiert auf dem Viktualienmarkt, 7.September 2012, Foto : C : Stephan Rumpf

© SZ.de/ebi/mmo/infu/lime/tba/axi
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