Kratzers Wortschatz"Aus iss und gar iss"

Wenn in Bayern das Wort "gar" fällt, heißt das keineswegs, dass das Essen fertig gekocht ist. Im Gegenteil: Für Hungrige hat das Wort eine eher unerfreuliche Bedeutung.

gar

Der Autor Hans Niedermayer hat ein lesenswertes Buch über den Ersten Weltkrieg geschrieben. Die Soldatenbriefe, aus denen er zitiert, enthalten Wörter, die vor hundert Jahren noch gang und gäbe waren, heute aber vergessen sind. Im Januar 1916 schrieb der Erdinger Gefreite Georg Zerndl: "Lieber Vetter, es wäre schon recht, wenn es bald gar wäre mit dem Krieg . . ." In der Feldpostkarte eines Ludwig Straßer steht zu lesen: "Ja das Schützengrabenleben ist nichts Genaues. Wenn nur mal der Krieg gar würde."

Die Wendung "nichts Genaues" bedeutet laut Niedermayer: Es ist nichts Gescheites, also etwas Unangenehmes oder Schlimmes. Das Wörtlein gar aber drückt hier aus, dass ein Geschehen vorbei und zu Ende ist. Heute noch zu hören ist der Spruch: "Aus iss und gar iss und schad iss, dass wahr is." Der Satz "d'Suppn is scho gar!" bedeutet: Es ist keine Suppe mehr übrig. Gar dient auch als Verstärkung einer Verneinung: "A sauers Lüngerl mag i gar ned!" (oder: gar nia ned!) Ein Blick in Zehetners Bairisch-Lexikon lehrt, dass gar in der Bedeutung fertig gekocht im Bairischen unüblich ist. Stattdessen sagt man beim Braten, er sei durch. Ist das Fleisch gar, dann ist leider keins mehr da.

Bild: Stephan Rumpf 7. Juli 2015, 14:002015-07-07 14:00:02 © SZ.de/ebi/mmo/infu/lime/tba/axi