Delfinarium in Nürnberg Hoffen auf ein gesundes Kalb

Nach mehreren Totgeburten erwartet der Nürnberger Tiergarten erneut Nachwuchs bei seinen Delfinen.

(Foto: dpa)

Sein Überleben entscheidet über die Zukunft der Anlage: Im Nürnberger Zoo erwartet man mit Hochspannung die Geburt eines Delfinjungen. Scheitert die Aufzucht, schwimmen hier womöglich bald Haie.

Von Olaf Przybilla, Nürnberg

Am Leben des ersten in der Nürnberger Lagune geborenen Delfinkalbs dürfte sich die Debatte in der Öffentlichkeit entscheiden, befürchtet Dag Encke. Er sei da Realist, sagt der Nürnberger Tiergartendirektor: Es gehe demnächst um die Frage, ob die 2011 eröffnete Lagune in Nürnberg, eine der modernsten Anlagen weltweit, in der öffentlichen Wahrnehmung künftig als Erfolg gewertet werde. Oder als ein 31 Millionen Euro teures Investitionsdebakel. Sollte das in Kürze auf die Welt kommende Delfinkalb nicht überleben, "dann werden wir öffentlich geschlachtet", sagt er. Darauf sei man eingestellt, "das wissen wir jetzt schon".

Nürnbergs Zoochef macht keinen Hehl daraus, dass die Tierpfleger in der Lagune entsprechend angespannt sind. Seit 16 Jahren ist in Nürnberg keine Delfin-Aufzucht mehr gelungen, die Serie gestorbener Jungtiere gilt europaweit als einzigartig. Aber als die insgesamt sechs Delfinkälber verendeten, lebten die Tiere noch in einer Halle. Vor drei Jahren wurde dann die Lagune eröffnet, nach langen Debatten, ob man die Delfinanlage - wie viele andere in Deutschland - schließen soll. Oder ob man sie zu einer modernen Freiluftanlage ausbaut. Die Stadt entschied sich für den Ausbau. Und bangt seither der ersten Geburt eines Delfins in der Lagune entgegen.

Das letzte Delfinkalb starb im Jahr 2007

Die steht nun bevor, auch wenn der Zoodirektor keinen konkreten Zeitpunkt benennen will, um möglichst viel Rummel von den Tieren fernzuhalten. Trächtig ist die 15 Jahre alte Sunny, die 2005 nach Nürnberg kam. Dort brachte sie 2007 ihr erstes Junges zur Welt, um das sie sich nach Beobachtungen von Tierpflegern vorbildlich gekümmert haben soll. Drei Tage nach der Geburt starb es trotzdem. Das Jungtier hatte zwar regelmäßig versucht, an der Mutter Nahrung aufzunehmen, hatte aber offenbar beim Saugen kaum Milch abbekommen. Der Tod des Kalbes war 2007 der Tiefpunkt in der Nürnberger Serie. Zuvor waren binnen kurzer Zeit fünf Tiere auf unterschiedliche Weise ebenfalls verendet.

Einen Tod wie den von Sunnys Kalb glauben die Nürnberger Tierpfleger nun verhindern zu können. Denn in eines der Lagunenbecken ist ein Hebeboden eingebaut, mit dem die Pfleger die Wassertiefe stufenweise so regeln können, dass sie das Jungtier untersuchen können. Beim ersten Kalb von Sunny hätte man auf diese Weise wohl einen zu niedrigen Blutzuckerspiegel erkennen und eingreifen können. Auch bei anderen Mangelerscheinungen und Delfin-Infektionen glaubt sich der Nürnberger Zoo nun besser gerüstet. Und trotzdem bleibt ein Stück Ungewissheit. "Eine natürliche Mortalität werden Sie nie ganz verhindern können", sagt Encke.

So hatten die Todesfälle bis 2007 offenbar sehr unterschiedliche Gründe. Ein Jungtier wurde zwischen zwei Wänden eingeklemmt, die Mutter geriet darüber so in Panik, dass sie an einer Herzattacke starb. Ein Kalb erlag einer akuten Lungenentzündung, ein anderes verendete kurz nach der Geburt, weil seine Lunge zu schlecht beatmet war. Ein junger Delfin starb an einer Infektion im Mutterleib - beim Versuch, das Tier zu holen, starb auch die Mutter. Ein weiteres Jungtier starb 2006 an einem Schlag auf den Kopf, den ihm ein erwachsener Delfin beim Gerangel mit der Mutter des Kalbes versetzt hatte.

Haie statt Delfine? Die Lagune könnte auch anders genutzt werden

Auch Unglücksfälle wie den von 2006 glauben die Tierpfleger mit Hilfe verschiedener Becken nun wirksamer vermeiden zu können. Eine Gewähr aber gibt es nicht. Und von wohlmeinenden Wünschen sehen sie sich auch nicht ausschließlich begleitet. Encke berichtet, jemand, der sich selbst Tierschützer nenne, habe gesagt, er hoffe, dieses erste Kalb werde sterben. Weil dann offenkundig werde, wie skandalös dort 31 Millionen Euro angelegt worden seien - und wie wenig die Anlage den Delfinen ein artgerechtes Leben ermögliche.

In einem SZ-Interview vor der Eröffnung der Lagune hatte Encke 2011 gesagt: Keiner könne ausschließen, dass die Lagune trotz aller Anstrengungen nicht funktioniere. In dem Fall müsse man sagen: "Das Ding funktioniert nicht für Delfine." Notfalls müsste man dann andere Tiere, Haie etwa, in die Lagune lassen. Würde dieser Fall eintreten, falls das erste Kalb stirbt? "Die Forderung käme, keine Frage", antwortet Encke. Seiner Ansicht nach würde der Tod des ersten Kalbes "die Lagune aber nicht in Frage stellen". Es sei denn, das Tier sterbe "aufgrund eines offenkundigen Fehlers, den wir gemacht haben".