CSU-Hoffnung Guttenberg Noblesse für die Kleine-Leute-Partei?

Wie gesagt: Die CSU war und ist eine Kleine-Leute-Partei und eine Partei der kleinen Mittelständler. Früher ist diese Partei vom deftig Bäuerlichen, später vom strebsam Kleinbürgerlichen geprägt worden, von der Kraft der Leute also, denen die kleine Welt, aus der sie kamen, zu eng wurde; sie haben sich aus dieser kleinen Welt herausgearbeitet, bissen sich nach oben durch und blieben der kleinen Welt trotzdem nahe. Die christsoziale Partei ist karrierepolitisch immer noch das, was früher die Kirche war: man kann dort aufsteigen, man wurde und war dort etwas, auch wenn man aus kleinen Verhältnissen kam. Das gehört zur Genese und zur Seele der CSU.

Die allermeisten christsozialen Politiker kommen und kamen aus der Mitte der Leute, die sie wählten und wählen - und sie sprechen deren Sprache. Guttenberg kann das nicht. Das ist nicht schlimm; dumm ist es nur, wenn man so eine Partei repräsentieren soll, die von ihrem Staatsbayerntum lebt, mit dem Guttenberg ersichtlich gar nichts am Hut hat.

Josef Müller, der legendäre Ochsensepp und Mitbegründer der CSU, war das sechste Kind eines oberfränkischen Bauern aus Steinwiesen. Hermann Höcherl, der erste CSU-Bundesinnenminister (der nicht immer mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumlaufen wollte), war ein Häuslersbub aus Trasching in der Oberpfalz. Franz Josef Strauß stammte aus einer Metzgerfamilie. Theo Waigel ist Sohn eines Maurerpoliers und Nebenerwerbslandwirts, Edmund Stoiber Sohn eines kleinen Angestellten, Horst Seehofer eines Lastwagenfahrers, Alois Glück kommt aus einer Bauernfamilie, Markus Söders Vater war Maurer. Sie alle haben gelernt, studiert, sind Doktor der Wirtschafts- oder der Rechtswissenschaften geworden; manchmal haben sie zwar vergessen woher sie kamen und haben dann, wie Erwin Huber, im dunklen Anzug im Bierzelt geredet; gut bekommen ist ihnen das aber nicht.

Nur wenige stammten und stammen aus den "besseren Kreisen". Und der Stolz, nicht im goldenen Nest geboren worden zu sein, "es" aber trotzdem geschafft zu haben, korrespondiert durchaus mit dem Stolz Bayerns, sich an die Spitze der deutschen Bundesländer geschoben zu haben: Jede Parteitagsrede eines CSU-Vorsitzenden, auch die jüngste Rede von Seehofer, lebt davon, dass Bayern "die Nummer 1" sei - und die Delegierten können es gar nicht oft genug hören.

Einmal stand in der CSU eine Art Kurfürst ganz vorne, als Ministerpräsident von 1962 bis 1978: Alfons Goppel. Er war ein gutbürgerlicher Kurfürst aus bescheidenen Verhältnissen, der den Königstraum des Bayernlandes wunderbar in die weißblaue Demokratie transportieren konnte. Parteivorsitzender war damals Franz Josef Strauß, und Goppel und Strauß ergänzten sich gut: Goppel war Hausvater in München, Strauß Weltenlenker in Bonn - der als solcher den Sohn des letzten österreichischen Kaisers, Otto von Habsburg, für die CSU ins Europaparlament schickte. Da hat Otto von Habsburg brilliert, da war er der europäischste Abgeordnete, den die CSU je hatte; er war ihr Anschluss an europäische Geschichte und Zukunft.

Seehofers irrlichternde Politik irritiert die Partei

Die CSU leidet heute daran, dass sie den Anschluss nicht mehr kriegt - nicht an den Fortschritt, von dem sie nicht mehr weiß, wie er aussieht; nicht an das pralle Selbstbewusstsein, für das Strauß so exemplarisch stand; und nicht an das Land, das CSU-Land war und das sich mittlerweile viel schneller wandelt als die Partei. Seehofer merkt das durchaus, und seine Vorstöße zur Einführung von Mitgliederbefragungen und von Frauenquoten sind der Versuch, den Anschluss wieder zu finden. Aber Seehofer irritiert die CSU mit seiner irrlichternden Politik so, dass sie ihm nur widerwillig folgt und lieber mit dem Freiherrn aus dem Schloss liebäugelt, weil der ihrer Sehnsucht nach Großartigkeit, nach alter Größe schmeichelt.

Viele in der CSU glauben, Guttenberg könne das pralle christsoziale Selbstbewusstsein des Franz Josef Strauß durch aristokratische Noblesse substituieren, so wie das Stoiber mit seiner rasenden Akribie konnte. Aber das ist eine Täuschung, weil Guttenberg im CSU-Bayern und in seinem Staatsbayerntum nicht zu Hause ist und wohl auch nicht zu Haus sein will.

Zweimal ist ein CSU-Mann als Kanzlerkandidat der CDU/CSU angetreten - und hat verloren: Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber. Wenn Angela Merkel im nächsten Jahr scheitert, weil die Landtagswahlen zu einem Desaster für ihre Partei werden, dann könnte es sein, dass die CDU einen Not-Kanzler sucht und in Guttenberg findet, um mit ihm gut durch die Bundestagswahl zu kommen. CSU-Vorsitzender bräuchte er zu diesem Zweck nicht sein, im Gegenteil, das wäre eher hinderlich. Guttenberg ist unter anderem deswegen bundesweit so beliebt, weil er nicht die CSU verkörpert. Er ist halt nicht weiß-blau, sondern von Adel.

Die CSU lebt künftig wohl am besten mit einer bayerischen Spielart des Kohl/Weizsäcker-Modells: einem bodenständig kohlischen Menschen in München, quasi einem CSU-Kanzler, und einem eloquent weizsäckerischen Mann in Berlin, quasi einem CSU-Präsidenten. Sie tauscht nicht mehr, sie sammelt wieder.

Von Gurkentruppen und Westerwellen

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