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SZ-Brachvogel:Mach's gut, Schnepfingerin

Da fliegt sie, die Schnepfingerin. Der Sender auf ihrem Rücken ist gut zu erkennen. Er wird auch weiterhin Daten liefern.

(Foto: Wolfgang Nerb/LBV)

Das erste Jahr des Forschungsprojekts über Bayerns Große Brachvögel ist vorbei, die SZ stellt die Beobachtung ein. Doch die Experten werden weiter forschen, um die seltenen Tiere zu schützen.

Der Schnepfingerin geht es gut. Es ist etwas mehr als sechs Wochen her, dass der SZ-Brachvogel wieder in seinem Überwinterungsgebiet im Mündungsgebiet des Guadalquivir am Rande des südspanischen Nationalparks Coto de Doñana angekommen ist. Dort liegen viele aufgegebene Salinen. Sie sind ein Vogelparadies, dort ist es ruhig und beschaulich. Kein Mensch kommt vorbei, der die Schnepfingerin und die anderen Vögel aufscheuchen könnte. Nur auf dem Guadalquivir ziehen ab und an Schiffe vorbei. Tag ein, Tag aus stochert die Schnepfingerin nun also wieder im Schlick herum, auf der Suche nach Würmern, kleinen Krebsen und anderem Getier.

Derweil werten Andreas von Lindeiner, Friederike Herzog und Verena Auernhammer im mittelfränkischen Hilpoltstein alle möglichen Daten aus, die ihnen der kleine, 17 Gramm leichte GPS-Sender auf dem Rücken der Schnepfingerin liefert. Das Brachvogelweibchen ist im Königsauer Moos daheim, einem weitläufigen Feuchtgebiet an der Isar nahe dem niederbayerischen Dingolfing. Mit seiner Rückkehr an den Guadalquivir ist das erste Jahr des großen Forschungsprojekts über die Großen Brachvögel in Bayern vorbei. Der Landesbund für Vogelschutz (LBV), dessen oberster Artenschützer Lindeiner ist, hat es 2018 gestartet. Die Brachvögel zählen zu den gefährdetsten Arten überhaupt im Freistaat. Mit nur 465 Brutpaaren steht die Art hierzulande kurz vor dem Aussterben. Mit dem Forschungsprojekt will der LBV erfahren, wie man das Aussterben der Brachvögel verhindern kann. Die erste Bilanz fällt gemischt aus.

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Das fängt schon damit an, dass aktuell nur zwei bayerische Brachvögel senden - außer der Schnepfingerin ein Jungvogel aus dem Erdinger Moos. Die anderen acht, die Lindeiner und Co. am Netz hatten, sind alle Ausfälle. Der eine oder andere dürfte von Jägern erlegt worden sein, andere sind womöglich von Raubtieren gefressen worden und wieder andere sind offenbar in Stürmen umgekommen. Die hohe Ausfallquote ist es aber nicht allein, die den Forschern zu schaffen macht. Um möglichst viele Daten zu bekommen, wollen sie bis zu 30 Brachvögel ans Netz nehmen. 2019 haben sie aber keinen einzigen einfangen können. Alle Versuche sind gescheitert. "Da müssen wir dringend besser werden", sagt Lindeiner. Zeit haben die LBV-Leute freilich noch, ihr Forschungsprojekt läuft bis 2023.

Dafür hat die Schnepfingerin den Forschern manche Überraschung geliefert. Monatelang gingen Lindeiner und seine Leute fest davon aus, dass der Vogel ein Männchen ist. Der Grund war, dass die Schnepfingerin einen gleichförmig nach unten gebogenen Schnabel hat - wie er für Männchen charakteristisch ist. Außerdem zeigte sie typisch männliches Verhalten: Während der Brutzeit verließ sie nächtens das Nest und ruhte fernab auf einem Acker. Die Biologin Herzog hatte einige kleine Federn des Vogels sichergestellt. Er hatte sie verloren, als ihm der Sender umgeschnallt wurde. Das Ergebnis des Gentests: Der Brachvogel ist ein Weibchen. Postwendend wurde aus Schnepfinger, wie er bis dahin hieß, die Schnepfingerin.

"Eine andere große Überraschung war, dass die Schnepfingerin ein festes, fast auf den Meter abgrenzbares Brutrevier im Königsauer Moos hat, und ein ebenfalls fest und ebenso exakt definiertes Winterquartier am Guadalquivir", sagt Lindeiner. "Bisher war nur klar, dass Brachvögel für ihr Brutrevier und das Winterquartier immer die gleichen Regionen ansteuern. Dass es aber sogar derselbe Ort ist, war neu für uns." Die Erkenntnis wird schnell Folgen haben. Bisher stellen die Vogelschützer weitläufige, oft viele Kilometer lange Zäune um die Gebiete herum auf, in denen sie Brachvogel-Nester vermuten. Damit wollen sie Menschen, aber auch Füchse und andere kleine Raubtiere fernhalten. "Solche Riesen-Zäune werden wir uns nun sparen", sagt Lindeiner. "Wenn wir wissen, dass Brachvögel immer an praktisch derselben Stelle nisten, können wir die Zäune viel gezielter aufstellen."

"Dieses Jahr war kein gutes Brachvogel-Jahr"

Andreas von Lindeiner ist der oberste Artenschützer des Landesbundes für Vogelschutz.

(Foto: LBV)

Die Höhepunkte des Jahres mit der Schnepfingerin waren freilich ihre beiden Flüge zwischen ihrer niederbayerischen Heimat und Südspanien. Sie waren extrem verschieden. Im Frühjahr legte die Schnepfingerin einen Rekord hin. Sie legte die 2150 Kilometer lange Strecke vom Guadalquivir ins Königsauer Moos in nur 36 Stunden zurück. 200 Kilometer weit flog sie direkt über dem offenen Mittelmeer - geleitet von ihrem inneren Kompass. Lindeiner erklärt die gigantische Leistung mit Schnepfingerins Fortpflanzungsdrang. "Er ist im Frühjahr so dominant, dass offenbar sie nur eins im Kopf hat: so schnell wie möglich zurück ins Königsauser Moos - unter Aufbietung aller Kräfte." Im Juli dagegen hat sich die Schnepfingerin für den 2300 Kilometer langen Flug ins Winterquartier zehn Tage Zeit gelassen. In der Extremadura hat sie sogar einen sechstägigen Stopp eingelegt. Lindeiners Erklärung: "Auf dem Flug ins Winterquartier drängt sie nichts, sie kann sich Zeit lassen."

Zumal ihre Jungen, die sie geboren hatte, von einem Fuchs oder einem anderen Raubtier aufgefressen worden sind. Zwar hat niemand das Brachvogel-Weibchen und ihren Nachwuchs direkt beobachten können. Aber die Daten von Schnepfingerins GPS-Sender ließen Rückschlüsse zu. Lindeiner geht davon aus, dass die Schnepfingerin mindestens ein Junges, womöglich aber auch vier ausgebrütet hat. In dieser Zeit war sie täglich am Nest und zeigte das typische Verhalten einer Brachvogel-Mutter mit Jungen. Eines Morgens verließ sie dann völlig abrupt den Nistplatz und kehrte nicht mehr zurück. "Damit war klar, dass etwas mit den Jungen passiert war, dass sie nicht mehr am Leben waren", sagt Lindeiner. "Nach Lage der Dinge sind sie aufgefressen worden."

Auch wenn das zynisch klingt: Dieses Schicksal ist offenbar typisch für Brachvogel-Junge. Im Königsauer Moos haben die LBV-Leute dieses Jahr Lindeiner zufolge 45 Brachvogel-Brutpaare gezählt. Trotz aller Mühen der Vogelschützer wurden allerhöchstens drei Jungvögel flügge. "Das ist viel zu wenig, damit die Brachvögel eine Perspektive haben", sagt Lindeiner. Zumal die Bilanz in den anderen Brachvogel-Gebieten in Bayern ähnlich ernüchternd ist. Gleichwohl wird der LBV nicht locker lassen. "Dieses Jahr war kein gutes Brachvogel-Jahr", sagt Lindeiner. "Aber wir sehen noch so viel Potenzial für die Tiere, dass wir nicht aufgeben."

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