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Boom:Immer mehr Menschen kaufen eine Waffe

Weniger Schusswaffenbesitzer in Thüringen

Die Polizeigewerkschaft warnt: Privatwaffen erhöhen mitunter sogar die Gefahr.

(Foto: Oliver Killig/dpa)
  • Pfeffersprays, Tierabwehrpistolen, Signalwaffen und Gaspistolen: Immer mehr Menschen in Bayern legen sich Waffen zu.
  • Auch in den Ordungsämter steigt die Nachfrage nach dem "kleinen Waffenschein".
  • Die Gründe dafür sind diffus - doch immer wieder berichten Bürger, sie hätten Angst.

Die Bayern besorgen sich verstärkt mehr Waffen. Vor allem in den vergangenen zwei Monaten sind die Umsätze für Pfeffersprays, Tierabwehrpistolen, Signalwaffen und Gaspistolen rapide nach oben gegangen. Das belegen Zahlen des Verbandes Deutscher Büchsenmacher und Waffenfachhändler.

Auch die Ordnungsämter in verschiedenen bayerischen Städten melden eine gesteigerte Nachfrage nach dem kleinen Waffenschein, den man zum Führen von Signal- und Schreckschusswaffen braucht. Was löst diesen Run auf die Waffen aus? "Über die Ursachen für diese Zunahme lässt sich nur spekulieren", sagt ein Sprecher des bayerischen Innenministeriums. Auf SZ-Anfrage sprechen Händler und Behördenvertreter von diffusen Ängsten der Käufer.

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Ein Morgen unter der Woche in einem Waffengeschäft. Eine ältere Frau hat Probleme mit ihrer Taschenlampe und fragt nach neuen Batterien, zwei Kunden schauen sich zwischen Flinten um, sonst ist wenig los. Hinter dem Verkaufstresen steht der Geschäftsführer. Wie läuft das Geschäft in den letzten Monaten? "Sorry, keine Auskunft, schlechte Erfahrungen mit der Presse." Die erste Lektion bei diesem Thema: Die Beteiligten reden ungern. Nicht nur die Waffenhändler.

Deutlich mehr kleine Waffenscheine

Dafür sprechen die Zahlen für sich. In Bayern wurden innerhalb der vergangenen zwölf Monate 3161 kleine Waffenscheine beantragt. Das ist deutlich mehr als im vergangenen Jahr, bestätigt der Ministeriumssprecher.

Deutlicher wird der Trend, wenn man Zahlen von einzelnen Ordnungsämtern vergleicht. In Nürnberg waren es von Januar bis November 118 neue Scheine, im vergangenen Jahr im gleichen Zeitraum lediglich 61. In München ist der Anstieg von 155 (2014) auf bisher 222 (2015) moderater. In Regensburg hat das Ordnungsamt in diesem Jahr schon 44 neue kleine Waffenscheine ausgegeben (2014 waren es 18), davon 36 im zweiten Halbjahr. In Straubing waren es in den Jahren 2012, 2013 und 2014 jeweils um die sieben Scheine, jetzt sind es schon 27, die meisten ausgestellt seit September.

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Auch Gaspistolen können tödlich sein

Um einen solchen Schein zu bekommen, darf man keine Vorstrafen über 60 Tagessätzen haben, darf nicht drogenabhängig sein und muss über 18 Jahre sein. Kostenpunkt: um die 50 Euro. Ziemlich einfach, ein Sachkundenachweis ist zum Beispiel nicht erforderlich, er ist auch zeitlich nicht befristet. Was man mit so einem Waffenschein und der dazugehörigen Waffe machen kann, das zeigt der Geschäftsführer im Laden.

An der Wand sind die verschiedenen Signal- und Gaspistolen aufgereiht. Wer keine Ahnung hat, kann sie nicht von echten Waffen unterscheiden. Allerdings feuern diese Waffen keine Projektile ab, sondern heiße Gase. Was kann man damit anrichten? "Da ist schon Druck drauf", sagt der Geschäftsführer. "Wenn Sie die Waffe einem anderen an die Schläfe halten und abdrücken, kann er hin sein."

Angst ist selten rational

Nicht nur die Ausgabe von Waffenscheinen, auch der Absatz von Sprays und Pistolen geht in die Höhe - in ganz Deutschland. Der Verband Deutscher Büchsenmacher und Waffenfachhändler (VDB) stellt eine steigende Nachfrage fest. "Die Verkäufe gehen in diesem Jahr deutlich nach oben", sagt VDB-Geschäftsführer Ingo Meinhard.

Die Zahl der großen Waffenscheine (Erlaubnis für Schusswaffen) steigt in Bayern dagegen nicht an. Ende Oktober besaßen nach Angaben des Innenministeriums etwa 220 000 Menschen die Erlaubnis für insgesamt knapp 1,14 Millionen Schusswaffen. Nach dem Amoklauf von Winnenden im Jahr 2009 und der folgenden Verschärfung der Gesetze waren beide Zahlen nach Ministeriumsangaben stark zurückgegangen. Inzwischen sinken sie in Bayern im zweiten Jahr in Folge nur noch leicht.

Keine Erklärung notwendig

Wer nach den Gründen für die Aufrüstung fragt, trifft auf Schweigen. Offiziell antworten die Ordnungsämter, dass man einen Antrag auf einen kleinen Waffenschein nicht begründen muss und die Ämter darum keine Erklärung haben. "Es ist aber so, dass wir von manchen ganz klar die Aussage bekommen, dass sie wegen der Flüchtlinge Angst haben", sagt einer unter der Bedingung, dass Name und Amt nicht in der Zeitung stehen werden. "Bei mir standen schon Leute, die sagten: 'Ich will meine Familie schützen'. Wir haben das auch so dem Ministerium gemeldet."

Auch die Händler schweigen offiziell zu den Gründen. Anruf in einem kleinen Waffenladen. Viele Flüchtlinge kamen von Ende August an, seit September gehen die Zahlen nach oben, ob es da nicht doch einen Zusammenhang gibt? "Wenn Sie meinen Namen raushalten: Klar, was denn sonst?", sagt der Mann am Telefon. Die Leute, die in den Laden kämen, hätten Angst. Sie glaubten, unter den Flüchtlingen seien "schwarze Schafe". Einige Kunden gäben das offen zu. "Ich kann das nicht so ganz verstehen", sagt der Mann, "in Deutschland gibt's ja auch die ganze Zeit schon schwarze Schafe."

Polizeigewerkschaft sorgt sich

Rechtsradikale Gruppen verbreiten im Internet gerne Meldungen über Straftaten von Flüchtlingen. Demgegenüber stellte das Bundeskriminalamt kürzlich klar, dass Flüchtlinge genauso häufig straffällig werden wie Deutsche. Was in den letzten Monaten rapide anstieg, ist aber die Zahl der Delikte gegen Flüchtlingsheime. Angst ist selten rational.

Die Deutsche Polizeigewerkschaft beobachtet die steigende Nachfrage "mit großer Sorge", wie ihr Vorsitzender Rainer Wendt sagt. Dass der private Waffenbesitz die Sicherheit erhöhe, sei "ein Trugschluss", betont er. Denn oft verhielten sich Menschen unvorsichtiger, wenn sie Waffen mitführten.

Zudem könne der Besitz von "Anscheinswaffen", die wie echte Pistolen aussehen, zu "schrecklichen Verwechslungen" führen - etwa wenn die Polizei einen Geschädigten für den Täter halte. Als einen möglichen Grund für den Waffenkauf nennt Wendt die allgemeine Angst, "in diesen unsicheren Zeiten nicht genug geschützt zu sein".