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Bodenmais:Das System darf draußenbleiben

Vorbei an kleinen Bächen und hohen Felsen führt Schreils Weg durch den Wald zu einer riesigen Buche, die quer über dem Weg liegt und das Weiterkommen behindert. Der tote Baum ist zu hoch, um einfach rüberzuklettern, darum sucht sich Schreil kurzerhand eine passende Stelle und kriecht unter dem Stamm hindurch. Unwegsames Gelände scheut der Woid Woife nicht, am liebsten bewegt er sich fernab der Wanderwege. "Wenn ich dem Trubel entgehen will, dann komme ich hierher", sagt er und schiebt Ast um Ast im immer dichter werdenden Wald sanft zur Seite. Plötzlich bleibt er stehen, biegt einen letzten Ast nach hinten und es öffnet sich ein atemberaubender Ausblick auf die Weite des Bayerischen Waldes.

An diesem Platz hat er schon viele Stunden verbracht. Ganz ruhig sitzt Schreil dann auf einem Felsen oder im Laub, lauscht den Vögeln und dem Wind. Er wartet auf nichts. Auf kein Tier, kein Ereignis. Langeweile kennt er nicht. "Ich fühle mich dann als Teil des Ganzen", sagt er. "Was wirklich wichtig ist, geht immer mehr verloren. Der Mensch beutet die Natur aus und vergisst dabei, dass er die Natur zum Leben braucht." Wenn er könnte, wäre er immer im Wald.

Mit dem "System", wie Schreil es nennt, habe er kaum Berührungspunkte, doch ganz lossagen kann er sich nicht: "Geld ist mir absolut unwichtig, ich weiß nicht mal, wann mein Lohn kommt. Ganz ohne geht es aber leider auch nicht." Deswegen arbeitet der gelernte KFZ-Mechaniker seit zehn Jahren als Totengräber in der Nachbarstadt. "Ohne den Tod gibt es kein Leben", sagt er und streicht im Vorbeigehen sanft über die Blätter der Farne, "wie hier im Wald eben auch."

Das Handy ist nur für den Notfall

Wie wertvoll das Leben ist, musste Schreil vergangenes Jahr am eigenen Leib erleben. Innerhalb von neun Monaten hatte er zwei Schlaganfälle, andere gesundheitliche Probleme kamen dazu. "Darum versuche ich heute umso mehr, mein Leben so zu führen, wie ich es für richtig halte", sagt er. Das einzige, das sich seither verändert hat: Seiner Frau zuliebe hat er sich ein kleines Handy gekauft - für Notfälle.

Viel mehr als telefonieren kann es nicht, doch das reicht dem Woid Woife. Ein "Handy zum Wischen" brauche er keines. Trotzdem hat es der Technik-Verweigerer auf Facebook geschafft: 1400 Fans zeigt er regelmäßig seine Fotografien und teilt mit ihnen seine Gedanken. Das habe aber alles einen guten Grund: "Vielleicht denken manche ein bisschen um. Es wäre besser, wenn jeder ein bisschen mehr Wert auf die Natur legen würde und weniger Wert darauf, was für ein Auto er fährt oder welche Marke er trägt", sagt Schreil.

Zurück in der Wohnung sieht der Tierfreund gleich nach dem Rehkitz. Schreils Frau konnte dem kleinen Geschöpf mittlerweile mit einer Saugflasche etwas Ziegenmilch schmackhaft machen. Jetzt schläft das Wildtier und atmet ruhig. Der Woid Woife ist erleichtert, doch die Nacht wird er neben dem Kitz verbringen und noch heute Abend in Facebook darum bitten, Hunde an die Leine zu nehmen. "Wir sind nur Gäste auf dieser Welt. Und ich versuche ein guter Gast zu sein", sagt Schreil.

© SZ vom 05.07.2016/vewo
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