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Bildungspolitik:Rechenspiele an den Schulen

Gewerkschaft: Länder stellen trotz PISA zu wenig junge Lehrer ein
(Foto: Jochen Lübke/dpa)

Nach der Grippewelle scheint der Lehrermangel gebannt zu sein. Von grundsätzlichen Problemen will die CSU nichts hören

Der Frühling kommt, die Grippewelle ist vorbei. Also ist die Welt an Bayerns Schulen wieder in Ordnung? Für die CSU-Fraktion war das offenbar so: Stundenlang diskutierten CSU und Opposition am Donnerstag im Bildungsausschuss des Landtages die Situation an den Grund- und Mittelschulen. Von prekärer Lage war die Rede, von Notprogrammen und Hilfeschreien, denn die Volksschulen klagen über massiven Lehrermangel. Im Februar war die Situation in einigen Teilen Bayerns wegen der Grippewelle und 400 Pensionierungen so kritisch, dass Schulleiter vom schlimmsten Jahr seit Dekaden sprachen, in dem wochenlang nicht an normalen Unterricht zu denken gewesen sei. Von 30 000 Klassen mussten 1000 anderweitig versorgt werden, weil auch die Mobile Reserve, also Lehrer, die bei kurzfristigen Ausfällen einspringen, bereits fest verplant war. Verbände und Opposition forderten deshalb im Landtag schnelle Hilfen und Notprogramme. Die CSU-Bildungspolitiker verwiesen auf die Bemühungen des Ministeriums, beschwerten sich über Wirbel und Wortwahl der Opposition - und lehnten alle Anträge ab.

Zwar ist das Schlimmste laut Kultusministerium mittlerweile vorbei, denn die Grippewelle ist abgeklungen. Momentan sind noch 60 Stellen unbesetzt. Die Grundprobleme aber bleiben weiter ungelöst: Wegen allgemein steigender Schülerzahlen und der 700 Integrationsklassen werden seit Jahren alle Lehrer für Grund- und Mittelschulen eingestellt. Es gibt niemanden mehr, der während des Jahres nachgezogen werden könnte. Deshalb schulen mittlerweile 900 angehende Realschul- und Gymnasiallehrer, die an ihren Schularten keine Chance auf Jobs haben, zum Berufs- und Mittelschullehrer um. Außerdem werden Pensionisten aus dem Ruhestand zurückgeholt und teilweise sogar Laien in die Klassenzimmer gestellt. Im Februar kamen dann laut Ministerium noch viele Schwangerschaften und 400 Pensionierungen dazu, von denen 300 kurzfristig erst Ende Januar angemeldet wurden.

Um das alles irgendwie aufzufangen, durften zum Halbjahr wieder angehende Gymnasiallehrer an die Mittelschulen gehen, an denen sie Aussicht auf Beamtenstellen haben. Aber mit den Diskussionen um das neunjährige Gymnasium könnte auch dieses Mittel bald wirkungslos sein: Von 700 Absolventen sagten nur 37 zu, die anderen dürften auf die Rückkehr des G 9 hoffen. Dafür wären auch deutlich mehr als 1000 Lehrer nötig. Trotz dieser ungelösten Probleme lehnte die CSU die Forderung der Opposition ab, grundsätzlich über die Personalplanung nachzudenken.

"Wenn die CSU den Begriff Notsituation nicht mag, dann nehmen Sie halt einen anderen Begriff. Aber Fakt ist, dass wir handeln müssen", sagte Michael Piazolo (Freie Wähler) und forderte bessere, vorausschauende Personalplanung. Faktisch seien aber kaum Stunden ausgefallen, sagte Peter Tomaschko (CSU) und zählte auf, dass die Staatsregierung zum Schuljahresbeginn mehr Springer der Mobilen Reserve eingestellt und gerade 2000 zusätzliche Pädagogen an die Volks- und Berufsschulen geschickt habe. Diese aber waren gezielt für die Integration der Flüchtlinge gedacht - zusätzlich zum normalen Budget.

"Die Kinder irgendwie zu versorgen, ist aber nicht der Unterricht, den Eltern und Lehrer sich wünschen", entgegnete Kathi Petersen (SPD). "Es ist nicht fair, Personalprobleme mit den Flüchtlingen zu verknüpfen", sagte Thomas Gehring (Grüne), derzeit kämen kaum neue Kinder und die Probleme mit der Mobilen Reserve habe es vorher schon gegeben. "Wir haben keine Zeit mehr, es brennt an den Schulen und wenn die Flüchtlinge jetzt gegen die anderen Kinder ausgespielt werden, passiert gesellschaftlich richtiger Mist", sagte Simone Fleischmann aufgebracht. Eine Neiddebatte hatte die Präsidentin des Bayerischen Lehrerverbandes genauso wie Schulminister Ludwig Spaenle stets vermeiden wollen. Nach drei Stunden Diskussion fühlte sie sich "vertröstet" - und kündigte an, sich nun direkt an Ministerpräsident Horst Seehofer zu wenden.