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Bildung:Geschlechterkunde

Anne-Frank-Realschule Muenchen

Unter sich: Ob Mädchen ohne Buben an der Schule besser lernen oder nicht, ist umstritten.

(Foto: Theodor Barth/RB Stiftung)

Mädchen und Buben lernen unterschiedlich: Das ist aber auch schon der einzige Konsens bei der Debatte zu gender-spezifischer Förderung an Schulen

Kleine Muttis und Raufbolde - das Thema Gender kann in wenigen Sätzen Fronten verhärten und Prinzipienstreits auslösen. Sinn und Unsinn dieser Debatten über gesellschaftlich vorgegebene Rollenbilder sei dahingestellt. Fakt ist, dass es Unterschiede im Verhalten von Mädchen und Buben gibt. Und diese Unterschiede wirken sich in blanken Zahlen aus: Mehr Mädchen als Buben gehen nach der vierten Klasse in Bayern an Realschulen und Gymnasien, beim Übertritt an die Mittelschule ist es genau andersherum. Junge Frauen lernen nach der 10. Klasse an Mittel-, Real- und Wirtschaftsschulen öfter weiter als ihre männlichen Mitschüler. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der weiblichen Sitzenbleiber an allen Schularten deutlicher gesunken. Mehr Frauen als Männer machen Abitur, aber mehr Schüler als Schülerinnen gehen ohne Hauptschulabschluss von der Schule. So weit die Fakten.

In der jüngsten Sitzung des Bildungsausschusses stellte das Ministerium erstmals Untersuchungen zu Leistungsunterschieden zwischen Buben und Mädchen vor. SPD und Freie Wähler hatten einen Bericht zur aktuellen Situation und zu gezielten Fördermöglichkeiten in Bayern beantragt. Schon 2012 wurde im Rahmen der Pisa-Studie deutlich, dass Deutschland beim Lesen zu den Ländern gehört, in denen die Leistungsunterschiede zwischen den Geschlechtern am größten sind. Nicht ganz so dramatisch ist es im Fach Mathematik, aber trotzdem deutlich. Auch im Bildungsbericht Bayern 2012 zeigt sich, dass das Geschlecht die Wahl von Schule, Ausbildungszweig und Beruf beeinflusst. Obwohl sie bessere Abschlüsse haben, wählen junge Frauen oft soziale Berufe und studieren seltener als Männer. Das gilt als ein Teil des Problems, denn bis zur fünften Klasse werden die Kinder größtenteils von Frauen betreut. Buben fehlen in Kitas und Grundschulen männliche Vorbilder. Möglicherweise prägten Lehrer die Kinder unbewusst durch ihr Verhalten, wenn sie brave Mädchen mehr loben als wilde Buben.

Aber was sind die richtigen Mittel, um die Unterschiede auszugleichen? Die Antwort fiel im Bildungsausschuss wenig überraschend aus. Ein allgemeines Zurück zu monoedukativem Unterricht, also nach Geschlechtern getrennter Schule, wollte niemand. Aber man müsse die Unterschiede akzeptieren und in Sprachen sowie Naturwissenschaften über getrennten Unterricht nachdenken. Dass sich die Trennung bewährt, zeigen laut Ministeriumsbericht einige Projekte an bayerischen Schulen, wie dem Münchner St.-Anna-Gymnasium. Dort werden die Klassen in Latein und den MINT-Fächern separiert.

In der Forschung gibt es zwei Lager. Die einen sehen Trennung als ideale Lösung, um in der Pubertät auf die unterschiedlichen Lernbedürfnisse einzugehen. Nicht zuletzt daraus dürfte der Zulauf der Privatschulen resultieren. Andere Wissenschaftler attestieren diesen Kindern eine verzögerte Auseinandersetzung mit dem anderen Geschlecht, die sich auf die Persönlichkeitsbildung auswirkt. Dabei spielt gerade da das Leben nach der Schule eine Rolle.

Um für gezielte Förderung von Buben und Mädchen in Bayern mehr Fakten zu bekommen, regte Thomas Gehring (Grüne) an, monoedukativen Unterricht genauer zu untersuchen. Das Ministerium lehnte das ab, die bisherige Erfahrung habe das ohnehin bestätigt. Die Schulen sollten Trennung im Rahmen ihrer Möglichkeiten umsetzen. Das aktuelle Allheilmittel der Bildungslandschaft gilt auch für das Gender-Problem: individuelle Förderung. Geschlecht spiele eine geringere Rolle als Selbstvertrauen, heißt es im Bericht, und das könne durch gezieltes Arbeiten mit jedem Kind gepusht werden. Allerdings klagten alle bayerischen Lehrerverbände zuletzt über fehlende Stellen, die für individuelle Förderung dringend nötig seien.

"Aber reicht die Individualisierung überhaupt?", fragte Simone Strohmayr (SPD), man müsse eher die Struktur des Schultages an die Bedürfnisse der Kinder anpassen, etwa durch Bewegungseinheiten für Buben. Martin Güll (SPD) nannte die Ergebnisse des Berichts "alarmierend", das Kultusministerium dürfe das Thema Gender nicht nur freiwilligen Fortbildungen überlassen. Er forderte einen "Masterplan" der allen Lehrern die Grundzüge von gender-unabhängigem Unterricht vermittelt. Die CSU-Fraktion attestierte dem Kultusministerium wenig überraschend, den richtigen Weg zu beschreiten. Statt in einen neuen Schulversuch solle die Energie besser in Berufsberatung und intensive Fortbildung der Pädagogen gesteckt werden, sagte Carolina Trautner (CSU). Jede Fortbildung sei nur so gut wie sie angenommen wird, hieß aus dem Ministerium. Der Lehrplan Plus sei eine Chance, bei der Gestaltung von Lernaufgaben auch auf Geschlechterunterschiede einzugehen.

© SZ vom 28.05.2015
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