Bayern:Zug ins Unglück

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Bayern: Zahlreiche Einsatz- und Rettungskräfte sind nach dem schweren Zugunglück im Landkreis Garmisch-Partenkirchen im Einsatz.

Zahlreiche Einsatz- und Rettungskräfte sind nach dem schweren Zugunglück im Landkreis Garmisch-Partenkirchen im Einsatz.

(Foto: Josef Hornsteiner/dpa)

Am letzten Tag vor den Pfingstferien entgleist in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen eine voll besetzte Regionalbahn. Die Tragödie wirft viele Fragen auf.

Von René Hofmann

Wieder ein schweres Zugunglück in Bayern: Am Freitagmittag entgleiste auf der Strecke zwischen Garmisch-Partenkirchen und München eine voll besetzte Regionalbahn. Von den fünf Waggons, die von der Lok Richtung München geschoben wurden, kippten zwei eine Böschung hinunter, ein dritter sprang halb aus dem Gleis.

Vier Tote und 15 Schwerverletzte, so lautete die Bilanz der Rettungskräfte, als sie gegen Abend meldeten, dass die Bergung der Fahrgäste vorläufig abgeschlossen sei; viele Menschen erlitten Blessuren. Unter ihnen befänden sich "alle Altersgruppen", sagte ein Sprecher der Bundespolizei - mit anderen Worten: auch Kinder. Am Freitagabend galten noch Menschen als vermisst: Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sprach zunächst von zwölf Vermisstenmeldungen. Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) ging später davon aus, dass nur zwei Menschen vermisst werden.

Der Zug entgleiste gegen 12.15 Uhr - also zum Schulschluss, wenn viele Jugendliche auf dem Heimweg sind. Am Samstag beginnen in Bayern die Pfingstferien. Und noch aus einem anderen Grund dürfte das Unglück in besonderem Maße bewegen: Aufgrund des Neun-Euro-Tickets zieht es im Moment besonders viele Menschen in die Züge. Über das Pfingstwochenende wird auf etlichen Strecken mit einem Ansturm gerechnet. Auch die Verbindung von der bayerischen Landeshauptstadt in den bekannten Wintersportort gehörte zu diesen. Bis auf Weiteres geht auf der Strecke jetzt aber erst einmal nichts. "Möglicherweise bis ins Wochenende", so ein Polizeisprecher, sollen die Gleise und die parallel verlaufende Bundesstraße 2 gesperrt bleiben. Der Weg in den Urlaub dürfte deshalb für viele ein anderer werden.

Der Unfallgrund war zunächst nicht ersichtlich

Der Unfallgrund war in den ersten Stunden nach dem Unglück nicht ersichtlich. Laut einem Augenzeugenbericht kippte der Zug plötzlich um. Die Unfallstelle befindet sich im Ortsteil Burgrain, ungefähr 500 Meter vom Bahnhof der wichtigen Schulstadt Garmisch-Partenkirchen entfernt, wo der Zug losfuhr. Der nächste Halt wäre in Farchant gewesen. An der Unglücksstelle macht die Strecke eine leichte Linkskurve. Ein denkbarer Unfallgrund wären Schäden am Gleis. "Wir werden genau untersuchen, was die Ursache des Zugunglücks ist", versprach Bayerns Verkehrsminister Bernreiter: "Es war kein zweiter Zug und kein anderes Fahrzeug beteiligt."

Das Unglück schreibt eine traurige Serie fort: Von den letzten schweren Bahnunfälle, bei denen Fahrgäste starben, ereigneten sich auffallend viele in Bayern. Erst im Februar dieses Jahres stießen in Schäftlarn bei München zwei S-Bahnen auf einer eingleisigen Strecke frontal zusammen. Dabei kam ein Mann ums Leben, 18 Fahrgäste wurden verletzt. Einer der Lokführer hatte offenbar ein rotes Signal überfahren. Zu den Details des Unfallhergangs laufen noch Ermittlungen.

Im Mai 2018 war bei Aichach eine Regionalbahn ungebremst auf einen stehenden Güterzug gefahren. Zwei Menschen wurden getötet, 14 verletzt. Die Unfallursache damals: menschliches Versagen. Bereits im Februar 2016 waren in Bad Aibling zwölf Menschen ums Leben gekommen, als auf einer eingleisigen Strecke wegen der Unaufmerksamkeit eines Fahrdienstleiters zwei Nahverkehrszüge ineinander gekracht waren. Zufällige Häufung oder Ausdruck systemischer Fehler? Auch um diese Frage wird es bei der Aufarbeitung des Unglücks von Garmisch-Partenkirchen gehen.

Was am Freitag Lob fand: die schnelle Arbeit der Retter. Etwa 650 Helfer aus dem gesamten süddeutschen Raum waren mit 120 Fahrzeugen im Einsatz, 17 Notärzte versorgten die Verletzten. In nur 45 Minuten wurden diese abtransportiert. "Hervorragend" sei dies gewesen, strich Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) an der Unfallstelle heraus und betonte, wie "hilfreich" auch 15 Bundeswehrsoldaten gewesen seien, die sich in dem Zug befunden hatten. Sie hätten "kräftig mitgeholfen, Personen heraus zu bergen".

Bundeskanzler Scholz sprach von "bedrückenden Bildern"

Von "erschütternden Nachrichten" und "bedrückenden Bildern" sprach Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD): "Unser Mitgefühl ist bei den Angehörigen, bei den Verletzten, denen wir eine baldige Genesung wünschen." Welche Bedeutung die Bundesregierung dem Unglück beimisst, zeigt auch, dass Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) noch am Freitag den Unfallort besuchte. Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) und Bahnchef Richard Lutz wollten am Samstag zur Unglücksstelle reisen.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) übermittelte über den Kurznachrichtendienst Twitter Anteilnahme mit den trauernden Angehörigen und Genesungswünsche. Bayerns evangelischer Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm strich heraus: Das Unglück habe diese Opfer in einer Situation getroffen, "in der sie sich auf das Pfingstwochenende oder zwei Wochen Pfingstferien gefreut hätten". Er hoffe, die Angehörigen der Toten und die Verletzten spürten, "wie viele Menschen jetzt an sie denken und Anteil nehmen an ihrem Leid".

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