1. Mai:Dort, wo das schönste Mädchen wohnt ...

Maibäume in Bayern: Maibaum-Aufstellen in München-Allach, 1. Mai 2019

In nahezu jedem Dorf in Bayern steht ein Maibaum. Selbst in der Millionenstadt München sind einige zu finden - wie hier im Stadtteil Allach.

(Foto: Robert Haas)

... errichtete man früher Maibäume. Und mitunter führte das zu kriegsähnlichen Zuständen. Inzwischen aber wird der Brauch oft für schlechte Werbung missbraucht.

Hans Kratzer

"Mild, von Schimmer sanft umgeben, blickt die Sonne durch die Düfte", frohlockte einst der alte Goethe, als er an einem Maientag in seinem Garten wohlig seine Glieder streckte. Da aber das Erwachen der Natur vermutlich nicht jeden so euphorisch stimmt wie den Dichter, wurden zur Erbauung eben Frühlingsfeste, Dulten und Maibäume erfunden, deren Existenz lediglich durch einen Wermutstropfen getrübt wird: An oberbayerischen Stammtischen wird nämlich bei fortgeschrittenem Bierpegel gerne vorgetragen, dass die Maienzeit ihre Weihe erst bekomme, wenn der Teufel seine Pratzen drauflege. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, dass der Teufel weniger bei der Maiandacht mitmischt als vielmehr beim Maibaumbrauch und dem untrennbar damit verknüpften Maibaumstehlen.

Nicht selten haben sich daraus kriegsähnliche Zerwürfnisse entwickelt. Erinnern wir uns kurz an die Burschen aus den Chiemgau-Dörfern Surberg und Lauter, die 1912 bei einem Maitanz so heftig gerauft haben, dass nach den Worten der Chronistin "selbst die folgenden Ereignisse der Weltgeschichte die Erinnerung daran nicht in Vergessenheit geraten ließen". Die Feindschaft nahm dramatische Formen an. Wenn Surberger und Lauterer sich auf Frankreichs Schlachtfeldern begegneten, so heißt es in der Chronik, dann schlugen sie nicht dem Feind, sondern sich untereinander die Schädel ein.

Dabei war der Maibaumbrauch im damaligen, sich gerade in einen Krieg stürzenden Königreich Bayern schon fast zum Erliegen gekommen. Hundert Jahre vorher stand der Maibaum indessen hoch in Ehren. Dies lag wohl daran, dass die Dörfer im Jahr 1808 durch Montgelas' Verwaltungsreform erstmals selbständig handeln konnten. Die neue Freiheit stärkte das Zusammengehörigkeitsgefühl der Bürger, was unter anderem durch das Aufrichten eines Maibaums zum Ausdruck kam. Der Brauch wurde zum Symbol eines neuen kommunalen Selbstbewusstseins, und so verschiedenartig die Dörfer waren, so unterschiedlich schauten auch ihre Maibäume aus.

Die Vielfalt dieser "Prachtstangerl", wie sie im Heile-Welt-Bayern der Nachkriegszeit tituliert wurden, ist auch in der Deutung ihrer Herkunft zu erkennen. Solange der Maibaumbrauch nur im dörflichen Mikrokosmos gepflegt wurde, war seine Abstammung Nebensache. Nachdem ihn aber die Nationalsozialisten als Hakenkreuz-Fahnenstange missbraucht hatten, stellte sich die Frage nach seinem Woher immer drängender. Die ideologisch geprägten Quellen aus der Nazi-Zeit führen das Maibaumaufstellen bis zu den Fruchtbarkeitsriten der Kelten zurück, und dummerweise wurde diese These in der Nachkriegszeit von vielen Journalisten noch lange Jahre unbedarft unters Volk gebracht.

1. Mai - Maibaumaufstellen Olching

Ein Maibaum wird vielerorts mit einem Kran aufgestellt. Traditionell aber nur mit Muskelkraft - und mit Hilfe der "Schwalben" genannten Holzstangen.

(Foto: matthiasdoering.com)

Dies brachte freilich die Historiker auf die Palme. "Völliger Quatsch", sagt beispielsweise der Brauchtumsexperte Michael Ritter vom Landesverein für Heimatpflege, und auch Albrecht A. Gribl von der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen wundert sich darüber, dass in so manchem Zeitungsbericht immer noch das sagenumwobene Alter des Maibaums gepriesen wird.

Eine zufriedenstellende Klärung des Problems konnte aber bis heute nicht herbeigeführt werden. Trotz aller Zweifel am hohen Alter der Maibäume darf man beispielsweise die seit 1994 zum Weltkulturerbe gehörenden "Hällristnings" nicht übersehen. Das sind prähistorischen Felsritzungen in Schweden, die vermutlich vor 3500 Jahren entstanden sind. Eine 1997 in einem wissenschaftliche Aufsatz veröffentlichte Ritzung könnte tatsächlich als geschmückter Maibaum gedeutet werden. Allein diese Abbildung zeigt, wie schwierig es ist, zur Kernwahrheit vorzudringen. Auch die These, dass die Maibäume nach der französischen Revolution in Bayern als Freiheitsbäume populär geworden seien, wird nicht von allen Experten geteilt.

Die ersten gesicherten Belege aus Bayern finden sich nämlich schon 250 Jahre früher, etwa in einer Notiz aus dem Jahr 1531 aus der Nähe von Wasserburg. Der Kartograph Philipp Apian (1531-1589) zeichnete um 1550 vor der Kirche von Inchenhofen (Landkreis Aichach-Friedberg) einen bis zum Gipfel entasteten Baum. Und auch bei der 1585 von Hans Donauer gemalten Starnberger Ortsansicht in der Münchner Residenz ist ein Baum mit Boschen zu erkennen.

Eine populäre Erwähnung des Maibaums findet sich in Schmellers Bayerischem Wörterbuch (1827), in dem bereits geschrieben steht, man verwende eine Fichte oder Tanne, "welche mit allerley Emblemen gezieret, durch gemeinschaftliches Zuthun des lebenslustigen Theils einer Landgemeinde, bey Sang und Klang und Tanz auf dem Dorfplatz oder auch vor dem Haus, wo das schönste Mädchen wohnt, errichtet wird". Der Text bestätigt, dass der Brauch rein dörflichen Charakter hatte und der Selbstreflexion in einem Staatswesen diente, das den einfachen Bürger im Vorfeld der Revolution langsam in die Freiheit und in die freie Selbstverantwortung entließ.

Was ist das für ein krasser Gegensatz zu heutigen Gepflogenheiten, die den Maibaum zum traurigen, sich auf öden Möbelhausparkplätzen in die Höhe reckenden Werbeträger umfunktionieren. So wie die bayerische Sprachfärbung fernseh- und marktgerecht auf Plattitüden wie "ozapft is" reduziert wird, so wird längst auch das Brauchtum in der medialen Vermittlung auf das Oktoberfest, auf ein paar Schuhplattler im Musikantenstadl und auf den Event-Maibaum zurechtgestutzt, dessen ursprünglicher Sinn ins glatte Gegenteil verkehrt wird. "Gerade das Maibaumstehlen lebt doch von der Heimlichkeit und vom verschwiegenen Miteinander", sagt Martin Wölzmüller vom Landesverein für Heimatpflege.

Stattdessen wird der Maibaum unter dem Getöse von Radiosendern und von nach Publicity strebenden Politikern medial verwurstelt. "Dafür aber ist ein Brauch ungeeignet", sagt Wölzmüller. Aber ausgerechnet im Maibaumland Bayern dominieren nun Kameras, Scheinwerfer und Auslösesummen für Stangerldiebe, die mehr an den aufgeschwemmten Fußball-Transfermarkt erinnern als an die solide Brotzeit, wie sie früher ausgehandelt wurden. Die Versuche, mit einem Maibaum in Brüssel politisch zu punkten, ihn aus Werbezwecken wie einen schrillen Kaufhaus-Christbaum zu behängen, ein Massenpublikum mit organisierten Maibaum-Diebstählen nach TV-Superstar-Art zu unterhalten und mit High-Tech-Geräten händische Kraftproben zu ersetzen, rühren an den Grundfesten eines Brauchs, der Bayern seit Jahrhunderten prägt. "Wenn die Entwicklung so weitergeht, wird es das Maibaumaufstellen im Dorf nicht mehr lange geben", glaubt Wölzmüller.

Dieser Text ist am 30. April 2010 in der Süddeutschen Zeitung erschienen.

© SZ vom 30.04.2010/wolf/kast
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