SPD-Parteispitze:Die leise Vorsitzende

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Ronja Endres

In ihrer Partei umstritten: die SPD-Vorsitzende Ronja Endres.

(Foto: Lennart Preiss/oh)

Die neue SPD-Landesvorsitzende Ronja Endres will in die verschlafene Partei "Power reinbringen". Doch im Tandem mit dem lautstarken Florian von Brunn tut sich die Gewerkschafterin noch schwer.

Von Johann Osel

Trommeln, Tröten, Sprechchöre, sogar Pyrotechnik wie im Fußballstadion. Ein gewaltiger Rabatz überzieht den Marktplatz von Feuchtwangen, das eher bekannt ist für gediegene Erholung als für Klassenkampf. Auf dem Steinpflaster stehen Hunderte Beschäftigte der Baubranche, junge Männer vornehmlich, mit orangefarbenen Westen oder im Rot ihrer Gewerkschaft. Und sie sind stinksauer. "Alle Räder stehen still, wenn unser starker Arm es will", verheißt ein Plakat in bester Tradition, es ist eine von bundesweit mehreren Kundgebungen der IG Bau für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen.

"Geile Plakate", sagt Ronja Endres, die bayerische SPD-Vorsitzende, als sie mit ihrer Rede dran ist. "Geil, dass hier so viele junge Leute anwesend sind, die sagen, unsere Arbeitsbedingungen sind uns nicht egal, wir haben eine Stimme, wir haben eine Kraft in dieser Gewerkschaft und wir wollen dafür kämpfen." Sie genießt das zustimmende Tröten und Klatschen. Ihre Botschaft: "Heizt den Arbeitgebern ein!" Auf ihre SPD als "Partner auf Augenhöhe" sei Verlass.

Eigentlich ist das hier in Mittelfranken ein Heimspiel für sie. Nicht örtlich, die Parteichefin wohnt in Regensburg. Aber ideell: Die 34-Jährige ist Gewerkschafterin, arbeitet im Hauptberuf bei einem Institut der IG Bau. Die gelernte Chemielaborantin, die auf dem zweiten Bildungsweg Abitur gemacht und studiert hat, war früher Azubi-Vertreterin und Stipendiatin einer gewerkschaftsnahen Stiftung. Ihr "politisches Fundament", sagt sie gerne.

Doch ist es auch ein Heimspiel für die SPD? Da freilich wird es heikel, die Partei als Sprachrohr der Gewerkschaften ist augenscheinlich ebenso ein Relikt der Vergangenheit wie die Vertretung der klassischen Milieus oder der sogenannten kleinen Leute. Überhaupt der Volkspartei-Charakter, zumal in Bayern: Auf 9,7 Prozent kam die SPD 2018 bei der Landtagswahl, ein historisches Debakel. Doch genau das ist der Grund, warum Endres an der Parteispitze steht. Und jetzt hier in Feuchtwangen auftritt.

Als Doppelführung mit dem Landtagsabgeordneten Florian von Brunn setzte sie sich im April bei einem Parteitag durch. Das Versprechen, mit dem sie knapp gewannen: mehr Sichtbarkeit der SPD, ein neues Selbstbewusstsein, ein "Ende der Leisetreterei". Kurzum: nichts weniger als eine "Trend-Umkehr". Mit "Wumms".

Von Brunn lässt es bei seinen Auftritten gerne knallen - und Endres?

Die ersten 100 Tage des Duos im Amt sind vorüber. Brunns Wummshaftigkeit steht völlig außer Frage. Der 52-Jährige hat sich nach dem Parteiamt via Kampfabstimmung auch den Fraktionsvorsitz gekrallt. Seitdem: viel Sichtbarkeit und Hörbarkeit. Das Mikrofon oder Kamerateam, das Brunn ausschlüge, dürfte kaum zu finden sein, Pressemitteilungen gibt es im Stakkato, sein Stil im Landtag ist konfrontativ.

Im Plenum nannte er etwa die CSU-Vorgängerparteien Hitlers "Steigbügelhalter", in den Maskenaffären der Union reklamiert er für sich die Rolle eines Chef-Aufklärers ("Abgrund von Abzocke, Amigogeschäften und CSU-Filz"); was in der restlichen Opposition nicht nur Freude auslöst. Hört man sich um in der SPD, von Mandatsträgern über Kommunalpolitiker bis hin zum einfachen Mitglied, ist viel Zufriedenheit darüber zu spüren, dass durch Brunns Manöver endlich wieder über die Partei geredet werde; auch wenn er es "mit seiner Krawallo-Linie nicht übertreiben" dürfe.

9,7 Prozent

erreichte die SPD bei der Landtagswahl 2018. Fünf Jahre zuvor waren es noch etwas mehr als 20 Prozent, mit dem früheren Münchner Oberbürgermeister Christian Ude als Spitzenkandidat. Als sich vor drei Jahren die neue Fraktion erstmals im Maximilianeum traf, war der Saal viel zu groß; man war um 20 Leute geschrumpft. Das Gefühl laut Teilnehmern: "gedemütigt und amputiert".

Und Ronja Endres? Unter Genossen gibt es ein gemischtes Stimmungsbild. "Motiviert" ist ein gängiges Urteil, "umtriebig" ebenfalls. Ein Blick auf ihren Terminplan, frühere und anstehende Reisen, lässt daran keinen Zweifel: Treffen mit Betriebsräten, Erzieherinnen, Sozialverbänden quer durch Bayern. Ständig in der Liste: Gespräche mit SPD-Ortsvereinen und Gewerkschaften. Doch manche in der SPD sind verstimmt: "Sie schmiert ab" neben Brunn, sei "schmückendes, weibliches Beiwerk" zum neuen starken Mann der SPD; wobei der ohne Frau im Tandem nie Chef geworden wäre. Endres fehle die mediale Präsenz, bekritteln andere. Ihr bleibe die Rolle einer Innenministerin zum "Betüdeln der Ortsvereine und Gewerkschaften".

Wer so rede, sagt Endres auf Nachfrage, verkenne die Notwendigkeiten - ja, sie wolle nach innen wirken, "bis in den kleinsten Ortsverein", dort "Power reinbringen" und "wieder den Stolz entfachen, der uns zusteht". Und sie werde klarmachen, dass die SPD für alle kämpfe, "die nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurden", dass es um den Grundwert soziale Gerechtigkeit gehe, erst recht in Verbindung mit Klimaschutz. Gleichwohl sei sie "Newcomerin", habe kein Mandat. Dass es weniger Schlagzeilen gebe als für den Fraktionschef, sei logisch. Das sieht auch Brunn so: "In einer so großen Organisation ist immer jemand, der ein Haar in der Suppe sucht." Die Doppelsitze sei gleichberechtigt, "alles andere wäre absurd". Es gebe keine Aufteilung in Innen- und Außenministerium. Sie seien aber auf den Feldern unterschiedlich aktiv, Endres durch ihre Biografie etwa bei Gewerkschaften.

Demonstration IG Bau in Feuchtwangen

Von den Teilnehmern einer Demonstration der IG Bau in Feuchtwangen Anfang August ist die Gewerkschafterin Ronja Endres sehr angetan.

(Foto: Nicolas Armer/dpa)

Praxis-Test in Feuchtwangen. Schwarze Hose, der Rest an der SPD-Chefin ist rot, sogar der Mundschutz. Die rote Ronja ist mittenmang, applaudiert mit einer Hand und ihrem Oberschenkel; die andere benötigt sie zum Schwenken einer IG-Bau-Fahne. Die Gewerkschafter auf der Bühne begrüßen die "liebe Ronja", die in ihrer Rede wiederum Exkurse bietet, zu tödlichen Unfällen am Bau, "dem gefährlichsten Sektor Deutschlands", und zu Berufskrankheiten wie weißem Hautkrebs oder Schwerhörigkeit durch den Lärm.

Die SPD stehe "immer" an der Seite der Arbeiter - und nicht mit dem "Bla bla bla", das von allen Parteien komme. Sie wisse, sagt Endres dann leiser und wirkt dabei, als bäte sie um Verzeihung, dass ihre SPD "immer wieder ein rotes Tuch" sei. Man habe "in der Vergangenheit Fehler gemacht, und das war Mist", sei aber bereit, die Fehler zu verbessern. Sie selbst sei "zuallererst Gewerkschafterin", dann die SPD-Vorsitzende.

"Zu viel im Allgemeinen, zu wenig Konkretes", heißt es über Endres

Nachgefragt unter Orange-Westen, auf dem Marktplatz und später beim Busparkplatz: Wie kam Endres an? Man trifft einige SPD-Mitglieder, wohl wären es zu früheren Zeiten mehr gewesen. Weil das so ist, entstehen kuriose Dialoge. "Ronja wer?", fragen Teilnehmer den Reporter - Endres, von der SPD, die vorhin sprach - "Ach, das find' ich gut, dass eine von der SPD aus Feuchtwangen dabei ist", sagt einer. Gelächter, als sich aufklärt, dass sie die Landeschefin ist. Ein anderer taxiert die Rede: "Zu viel im Allgemeinen, zu wenig Konkretes." Ein älterer Herr, Genosse, hätte zum "kürzeren Grußwort" geraten. Wichtig sei aber, dass seine Partei da sei, "als einzige".

Unterm Strich Wohlwollen. Wobei auch deftige Thesen kommen: "SPD ist für mich vorbei, die können reden, so viel sie wollen", meint ein Jungspund in oranger Weste. Von "Hartz-IV-Politik" und "Kumpanei mit dem Kapital" spricht er, auch innerhalb von Betrieben. Nicht ohne Grund sind wohl auf der Kundgebung eine Fahne der kommunistischen DKP zu sehen oder radikale Plakate wie "Kapitalisten enteignen!"

Endres ist zufrieden mit der Visite, die Blaskapelle am Marktplatz spannt zum Abschied die "Feinschmeckerpolka" auf die Notenständer. Die SPD-Chefin fährt weiter nach Landshut zum Wahlkampf, dort stellen sie ein rotes Sofa in einen Park und hoffen, dass die Bürger stehen bleiben. Die berühmte Sichtbarkeit, wieder. Am Wahlergebnis im September lässt sich das neue Spitzenduo kaum seriös messen. Eindeutig aber an der Landtagswahl 2023. Brunn und Endres hatten zur Bewerbung 15 Prozent als Ziel genannt, "mindestens 15", ergänzt Brunn. Erster Aufwind sei sichtbar, betont Endres, "mittlerweile zweistellig".

Tatsächlich gab es bei Umfragen zuletzt eine, die nicht sieben, acht oder neun Prozent auswies - sondern zehn. "Mit Glück werden wir nichts erreichen", meint Endres, "nur mit harter, sorgfältiger Arbeit."

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