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SZ unterwegs:"Da ist jedes Maß verloren gegangen"

Schwaben-Korrespondent Florian Fuchs interviewte die Gäste im Saal.

(Foto: SZ)

"Overtourismus", der Kampf um den Grünten und die steigenden Besucherzahlen: In Schwangau diskutieren Bürger mit der SZ-Bayernredaktion über den Konflikt zwischen Wirtschaft und Umwelt.

Für gewöhnlich wissen Professoren ja genau, wie etwas am besten funktioniert. Alfred Bauer, Professor für regionale Tourismuswirtschaft und umweltorientierten Tourismus an der Hochschule Kempten, ist da anders. "Ich kann Ihnen keine Patentrezepte liefern", sagte der Hochschullehrer am Donnerstagabend ein ums andere Mal. "Die Konzepte müssen Sie selbst entwickeln. Und zwar, indem Sie möglichst alle miteinander reden." Also die Bergbahnchefs, die Hoteliers, die Kommunalpolitiker, die Naturschützer und vor allem die ganz normalen Einheimischen im Allgäu. Nur in so einem umfassenden und grundsätzlichen Dialog können trag- und vor allem konsensfähige Konzepte für eine gute Zukunft des Tourismus im Allgäu entstehen werden. Das ist Bauers Credo.

Fast 200 Gäste sind zu der Podiumskussion über "Overtourismus" gekommen, die die Süddeutsche Zeitung unter Leitung von Katja Auer, der Teamleiterin der SZ-Bayernredaktion, im Schlossbrauhaus in Schwangau veranstaltet hat. Auf dem Podium saßen außer Professor Bauer Thomas Frey, der Alpenbeauftragte und Regionalreferent Schwaben des Bundes Naturschutz (BN), und Augustin Kröll, langjähriger Bergbahnchef am Nebelhorn, am Fellhorn und im Kleinwalsertal. Es debattierten aber nicht nur die Experten. Auch die Gäste, unter ihnen Hoteliers und andere Touristiker, Kommunalpolitiker und Naturschützer, schalteten sich immer wieder in die zweistündige Diskussion ein. Wie sehr das Thema die Allgäuer beschäftigt, zeigte sich denn auch an den durchaus emotionalen Wortmeldungen etwa zu den Plänen für neue Bergbahnen und andere Freizeiteinrichtungen am Allgäuer Paradeberg, dem Grünten.

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Einigkeit herrschte darin, dass der Tourismus eine immense Bedeutung hat für das Allgäu, allein schon in wirtschaftlicher Sicht. Fast vier Millionen Feriengäste sind 2018 in die Region gekommen, dazu 36,5 Millionen Tagesausflügler, die Branche erzielte über drei Milliarden Euro Umsatz. Ebenfalls Einigkeit herrschte darin, dass der Tourismus nach wie vor eine sehr hohe Akzeptanz bei den Einheimischen hat. Bergbahn-Experte Kröll war denn auch voll des Lobs für die Region. "Wir alle können sehr stolz sein auf die wunderschöne Landschaft und die vielen hochwertigen Angebote für die Gäste, die wir hier geschaffen haben", sagte er. Die "gesunden Steigerungsraten" der Branche von zwei bis drei Prozent im Jahr zeigten, dass auch die Touristen und die Tagesgäste sehr zufrieden seien.

Genau diese Steigerungsraten sind für den BN-Mann Frey das Problem. "Denn das Allgäu wächst ja nicht mit", sagte er. "Deshalb müssen wir sehr aufpassen." Der Naturschützer Frey stimmt dem Bergbahn-Experten Kröll ausdrücklich darin zu, dass es die einzigartigen Landschaften und die intakte Natur sind, die das Allgäu so attraktiv machen. "Aber wir müssen uns darum kümmern, dass sie in ihrer Besonderheit erhalten bleiben, wir müssen sie bewahren." Und da erkennt Frey durchaus Probleme, und zwar nicht nur bei den umstrittenen Modernisierungs- und Ausbauplänen am Grünten. Sondern zum Beispiel auch in Bad Hindelang, "wo oben im Skigebiet Oberjoch der Bär steppt und unten in der Gemeinde die Gästehäuser leer stehen". Aber auch die Mountainbiker, Schneeschuhgeher und anderen Outdoorsportler, die von Jahr zu Jahr mehr werden, sind für Frey ein Problem.

Auf dem Podium saßen der frühere Bergbahnchef Augustin Kröll, SZ-Moderatorin Katja Auer, Thomas Bauer von der Hochschule Kempten und Thomas Frey, Regionalreferent des Bundes Naturschutz.

Auf dem Podium saßen der frühere Bergbahnchef Augustin Kröll, SZ-Moderatorin Katja Auer, Thomas Bauer von der Hochschule Kempten und Thomas Frey, Regionalreferent des Bundes Naturschutz.

(Foto: SZ)

Der Tourismus-Professor Bauer warnte freilich davor, Phänomene wie diese sogleich mit dem Schlagwort Overtourismus zu belegen. Für den Forscher rechtfertigt sich die Rede davon nur dann, "wenn Einheimische und Gäste gleichermaßen beklagen, dass ihre Lebens- und Aufenthaltsqualität beeinträchtigt sind". Solche Klagen gebe es im Allgäu aber allenfalls in ersten Ansätzen und auch nur an einigen Orten - rund um die Königsschlösser in Schwangau zum Beispiel. Bauer beruft sich dabei auf seine aktuelle Studie über die Sicht der Einheimischen auf den Tourismus im Allgäu. Danach steht die übergroße Mehrheit der Allgäuer zum Tourismus. Zugleich beklagen aber knapp 60 Prozent Belastungen durch ihn. Die meiste Kritik entzündet sich an der Verkehrsflut. Bergbahn-Experte Kröll forderte unter dem Beifall der Kommunalpolitiker und Touristiker den schnellen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und die überfällige Modernisierung der Bahnlinien. Sonst werde man den Blechlawinen nie Herr.

Für Bauer ist das freilich "zu kurz gesprungen". Nach seiner Studie ist der Tourismus für viele Allgäuer auch der Grund für "überteuerte Immobilienpreise und Mieten", "Zerstörungen der Umwelt", eine "erhöhte Lärmbelästigung" und anderes mehr. "Ganz klar, wir müssen das Verkehrsproblem lösen", sagte Bauer. "Aber der Verkehr ist nicht alles - wir müssen darüber reden, wie wir unseren Lebensraum insgesamt so gestalten, dass sich Einheimische und Gäste in Zukunft hier wohl fühlen." Und wie kam Bauers Credo an, dass es die Allgäuer selbst sind, und zwar möglichst alle, die miteinander reden und Konzepte entwickeln sollen?

Am Grünten stehen sich die Fronten weiter verhärtet gegenüber. Zwar hat der Investor, die Allgäuer Familie Hagenauer, ihren Kritikern eine Zusammenarbeit angeboten. "Denn wir wollen dort ein Vorzeigeprojekt realisieren, das Naturschutz und Tourismus vereint", sagte Anja Hagenauer. Die Kritiker sehen die Pläne nach wie vor ganz anders. "Da ist jedes Maß verloren gegangen", konterte BN-Mann Frey. "Mit einer Bergbahn, die pro Stunde 1100 Passagiere hinauf befördert, und Bergrutschen, an denen sie mit Gekreisch hinunterrasen können, wird der Grünten zum Funpark. Das ist nicht der richtige Weg."

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