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Tourismus im Allgäu:Der Kampf um den Grünten

Das Problem des Overtourism im Allgäu

Einig sind sich Gegner und Befürworter nur in einem Punkt: Es geht um sehr Grundsätzliches. (Illustration: Zsuzsanna Schemberg)

An den Hängen des 1738 Meter hohen Bergs bei Sonthofen soll für 30 Millionen Euro ein Freizeitzentrum entstehen. Befürworter argumentieren mit Arbeitsplätzen, Gegner warnen vor Naturzerstörung.

Eigentlich sind sie sich alle einig, wenn es um die Zukunft des Tourismus im Allgäu geht. Die Familie Hagenauer, die am Grünten neue Lifte und einen Sommerbetrieb aufbauen will, spricht von Nachhaltigkeit, wenn sie von ihrem Projekt redet. Klaus Holetschek, CSU-Landtagsabgeordneter und Chef der Allgäu GmbH, des zentralen Tourismusverbands, will das Allgäu "nachhaltig entwickeln". Und Thomas Frey, Alpenbeauftragter des Bundes Naturschutz (BN) und Kommunalpolitiker der Grünen, sagt sowieso: "Wir müssen nachhaltig denken."

Damit könnte die Debatte schon beendet sein. Aber so einfach ist es nicht. Nachhaltigkeit ist ein dehnbarer Begriff, den Unternehmer so gerne benutzen wie Naturschützer, nur versteht jeder etwas anderes darunter. Die einen wollen den Berg zubauen, gerne mit Rücksicht auf die Natur. Die anderen wollen den Vorrang für die Natur, gerne mit Rücksicht auf den Tourismus. Deshalb ist im Allgäu die ganz große Debatte entbrannt, am Grünten, in Oberstdorf, rund ums Schloss Neuschwanstein sowieso: Wie viel Tourismus verträgt das Land - und vor allem auch: wie viel Verkehr?

Proteste gegen Bergbahnprojekt am Grünten im Allgäu

Rote Linie am Grünten: Teilnehmer einer Demonstration gegen die neuen Bergbahnen bildeten im Oktober eine Menschenkette.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Anja Hagenauer sitzt mit ihrer Mutter Sabine im alten Kassenhaus der Grüntenlifte, die seit zwei Jahren still stehen und Mitte Dezember wieder in Betrieb gehen sollen. Draußen vor der Tür steht ein alter Sessellift, daneben ein Schlepper. Gegen mehr Touristen hätten Tochter und Mutter nichts einzuwenden, die Familie hat die alten Anlagen gekauft und will 30 Millionen Euro investieren.

Sieben dieselbetriebene Lifte sollen durch drei elektrische ersetzt werden. Oben am Grat würde der neue Lift nicht so weit hinauf führen wie der alte, nicht bis zur Schutzzone. Die Unternehmer wollen die Wanderwege ordnen. Von "minimalen Eingriffen" spricht Sabine Hagenauer. Kritik von Vogelschützern hin oder her: Die Vögel, sagt sie, hätten es nach dem Umbau besser. Wo weniger Lifte sind, hängen weniger Seile.

So geht die Argumentation der Hagenauers, so sehen es auch ihre Unterstützer. Als Reaktion auf die Projektgegner hat sich eine Initiative in Rettenberg am Fuß des Grünten gebildet. Sie trifft sich am Abend im Gasthof Adler. Es sind Geschäftsleute da, es sind Bürger da, für sie alle hat das Geschäft mit den Skiliften früher gut funktioniert. Sie würden gerne wieder profitieren, vor allem mit den Hagenauers, die aus der Gegend kommen. Auch der Oberallgäuer Landrat ist da, Anton Klotz, nicht als Diplomat bekannt: "Wir können nicht das Allgäu zusperren und keinen mehr reinlassen. Der Grünten war immer ein Skiberg."

Podiumsdiskussion in Schwangau

Der Streit über neue Skilifte am Grünten, die jüngste Debatte über das Hotel am Forggensee: Immer wieder werden Projekte kontrovers diskutiert. Doch wann ist eine Grenze erreicht - und gibt es die überhaupt? Die Süddeutsche Zeitung lädt zu einer Podiumsdiskussion über das Phänomen des "Overtourismus". An diesem Donnerstag, 28. November, debattieren Professor Alfred Bauer, Tourismusexperte an der Hochschule Kempten, Thomas Frey, Alpenbeauftragter und Regionalreferent Schwaben des Bundes Naturschutz, sowie Augustin Kröll, langjähriger Skiliftchef und Seilbahnunternehmensberater. Moderiert wird die Veranstaltung im Schlossbrauhaus Schwangau (Gipsmühlweg 5) von Katja Auer, der Teamleiterin der SZ-Bayernredaktion. Der Eintritt ist frei, Begin ist um 19.30 Uhr. Eine Anmeldung unter events@sueddeutsche.de wird erbeten. SZ

Diesen Skiberg nutzt auch Max Stark gerne, Sprecher der Initiative "Rettet den Grünten", die das Vorhaben der Hagenauers zum derzeit meistdiskutierten Thema im Allgäu gepuscht hat. Stark ist passionierter Skitourengeher, dafür braucht er keine neuen Lifte. Er und seine Mitstreiter stören sich an der geplanten großen Kabinenbahn und am Ausbau der Grüntenhütte für mehr Gäste und Gastronomie. Da nützt auch der laut Werbung "alpenländliche Baustil" nichts.

Stark will keine Streicheltiere oben in der Gaststätte, er will nicht mehr Parkplätze unten im Tal, er will keine neuen Schneekanonen auf dem Berg. Und er sieht nicht ein, dass das alles mit Steuergeldern gebaut werden soll. Ein Drittel der Investition, also zehn Millionen Euro, will die Familie Hagenauer aus dem Seilbahnförderprogramm finanzieren.