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Abfallwirtschaft:Bayern steckt in der Müll-Krise

Die städtische Müllentsorgung in München.

Gut 706 000 Tonnen Müll wurden in der größten Verbrennungsanlage München im vergangenen Jahr verbrannt.

(Foto: Florian Peljak)
  • Weil die Müllverbrennungsanlagen in Bayern voll sind, bekommen Firmen und Handwerken ihre Abfälle kaum mehr los.
  • Der Preis für die Entsorgung einer Tonne hat sich in den vergangenen zwei Jahren verdoppelt.
  • Viele Entsorger haben lange darauf gesetzt, den Abfall nach Asien zu exportieren. Doch China und andere Länder haben begonnen, ihre Grenzen dicht zu machen.

Olaf Zimmermann hat ein Platzproblem. All die Pappen, das Plastik, das Styropor - wo soll das hin? Sein Heizungs- und Sanitärbetrieb sitzt mitten in München, im dicht bebauten Stadtteil Lehel, der Hinterhof ist eng, aber Müll fällt viel an bei Zimmermann. Immerhin, ein Kollege hat einen Lagerplatz angemietet, der hilft ihm gelegentlich aus, wie Zimmermann sagt. Manchmal muss er das Zeug in einem Container ein Vierteljahr lang zwischenlagern, bis es abgeholt wird. Seine Monteure schickt er deshalb von der Baustelle am liebsten direkt zur Entsorgungsfirma, in kleinen Mengen wird der Müll dort "leichter angenommen als ein Container", hat er festgestellt. Denn auch die Entsorger haben das Problem: Sie werden den Abfall nicht los. Bayern hat ein Müllproblem, gerade in diesen Wochen.

Und das trifft vor allem die kleinen Gewerbebetriebe. Landauf, landab schimpfen Handwerker, vor allem Dachdecker und Spengler. "Die haben den ganzen Lagerplatz voller Styropor, das sie nicht losbekommen", sagt Zimmermann. Auch als Obermeister der Innung Spengler, Sanitär- und Heizungstechnik bekommt er den Ärger der Kollegen mit. Und wenn sie den Abfall loswerden, dann nur für viel Geld. "Die Preise explodieren massiv", sagt Zimmermann.

Entsorgung des Restmülls in München von der Abholung vor der Haustüre bis zur Verbrennung im Heizkraftwerk Unterföhring

Im Heizkraftwerk Unterföhring wird der angelieferte Müll entsorgt.

(Foto: Florian Peljak)

Oder drastischer formuliert: "Der Markt steht kurz vor dem Kollaps." Dieses Zitat hat Euwid, der wichtigste Informationsdienst der deutschen Entsorgungsbranche, seinem jüngsten Marktbericht vorangestellt. Er klingt alarmierend, insbesondere für Süddeutschland. In manchen Regionen sei die Lage "mitunter dramatisch" - und zwar bei allem Müll, der nicht recycelt, sondern verbrannt wird, ob er nun aus Haushalten kommt oder aus Gewerbebetrieben. Deutschlands Müllverbrennungsanlagen sind alle randvoll. Und Pascal Hugo, der Autor des Marktberichts, sagt: "In Bayern ist es besonders eng."

Der Müllmarkt ist ein komplizierter, entsprechend vielfältig sind die Ursachen. Da ist zum einen das Bevölkerungswachstum und die (noch) gut laufende Wirtschaft: Die Bayern konsumieren mehr, die Handwerker haben gut zu tun - so fällt viel Müll an. Noch liegen keine genauen Zahlen vor, aber das Landesamt für Umwelt (LfU) kann bereits sagen, dass das Restabfallaufkommen im vergangenen Jahr erneut leicht gestiegen ist.

Blick in die Tonne

München, dein Müll

14 Müllverbrennungsanlagen gibt es im Freistaat. Sie alle werden von Kommunen betrieben. Und Vorrang hat nach dem Gesetz stets die Entsorgung des Hausmülls, dafür sind schließlich die Kommunen zuständig. Diese Aufgabe "wird zuverlässig erledigt, ein Entsorgungsengpass ist hier nicht gegeben", beteuert eine LfU-Sprecherin. Gewerbebetriebe hingegen müssen sich selbst um ihren Abfall kümmern, mithilfe privater Entsorgungsfirmen. Wer von denen längerfristige Verträge mit einer Verbrennungsanlage geschlossen hat, hat weniger Probleme als diejenigen, die kurzfristig auf freie Kapazitäten in den Öfen spekulieren. Seit Ende Mai nimmt zum Beispiel die Müllverbrennungsanlage Schwandorf Gewerbeabfall nur noch von Firmen an, mit denen sie einen Vertrag hat. Eine Folge: Die Entsorger zahlen laut Euwid in Bayern inzwischen bis zu 180 Euro je Tonne Restmüll, doppelt so viel wie noch vor zwei Jahren. Bei diesen Preisen rechnet es sich für sie sogar, den Müll bis nach Skandinavien zu transportieren, damit er dort verbrannt wird. Dort müssen sie nur etwa ein Drittel zahlen.

Abfall ist ein internationales Geschäft, er wandert immer dorthin, wo es am billigsten ist. Und dahinter verbirgt sich eine weitere Ursache der bayerischen Krise: Viele Entsorger haben lange darauf gesetzt, ihn in Asien loswerden zu können. Doch vor zwei Jahren hat China damit begonnen, die Grenzen dicht zu machen, andere Länder folgen. Kann aber weniger exportiert werden, bleibt mehr im Land. Ein Dominoeffekt. Inzwischen häuften sich die Anfragen privater Entsorger, berichtet Günther Langer vom Abfallwirtschaftsbetrieb München, der am Nordrand der Landeshauptstadt die größte Müllverbrennungsanlage Bayerns betreibt. Gut 706 000 Tonnen Müll wurden dort im vergangenen Jahr verbrannt, mehr als ein Fünftel des Gesamtaufkommens in Bayern. Der Gewerbemüll machte davon beinahe ein Siebtel aus.

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Entsorgung

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Die Betreiber der Müllverbrennungsanlagen sind nicht immer gut auf Industrie und Gewerbe zu sprechen: Er könne es nicht belegen, aber vielleicht sei es mit dem Recycling von Gewerbeabfällen doch nicht so weit her, "wie es die Industrie glauben machen will", sagt Langer. Stimmt nicht, entgegnen andere - was getrennt werden könne, werde längst getrennt. "Die private Entsorgungswirtschaft hat sich verkalkuliert", sagt wiederum Gerhard Meier mit Blick auf die Exportprobleme. Ende Februar ist er als Chef der Müllverbrennungsanlage Ingolstadt in Rente gegangen, sitzt aber weiter der Interessenvertretung der "Thermischen Abfallbehandlungsanlagen" auf Landes- und Bundesebene vor.

Bei denen sind Gewerbeabfälle auch deswegen nicht so sonderlich beliebt, weil sie zunehmend aus Kunststoffen bestehen. Die brennen einfach zu gut. Denn die Öfen sind auf einen bestimmten Heizwert ausgelegt, der sich an normalem Hausmüll orientiert. Bei Kunststoffen liegt er oft um ein Mehrfaches höher - dann aber kann insgesamt weniger Müll in den Ofen geworfen werden, damit der nicht zu heiß wird. Mithin wird weniger verbrannt und auch verdient. "Die Müllverbrenner wollen viel Durchsatz, die verdienen ihr Geld an der Waage", sagt Marktexperte Hugo, weniger mit dem Strom oder der Fernwärme, die die Heizkraftwerke produzieren. Manche Anlage senkt den Heizwert wieder, indem sie dem Müll Klärschlamm beifügt. Aber damit verringert sich die Kapazität für normale Abfälle weiter.