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Führungswechsel:Vor der Zerreißprobe

Der Jagdverband gilt als tief zerstritten. Ein Grund ist der Führungsstil des früheren Präsidenten. Die Wahl des Nachfolgers entscheidet auch über den inneren Frieden

Von Christian Sebald

Der Bayerische Jagdverband (BJV), der mit seinen 50 000 Mitgliedern gut zwei Drittel der Jäger im Freistaat vertritt, steckt seit Monaten in einer tiefen Krise. Grund ist ein wüster Streit um den Führungsstil und das Finanzgebaren des langjährigen Jägerpräsidenten Jürgen Vocke. So wie es aussieht, kommt der BJV nicht so schnell aus der Krise heraus, obwohl Vocke das Präsidentenamt vor einiger Zeit abgegeben hat. Zwar endet nun das Vakuum an der Verbandsspitze. Am Freitag soll feststehen, wer der neue Jägerpräsident ist: der Vorsitzende der oberbayerischen Jäger und langjährige BJV-Sprecher, Thomas Schreder oder der CSU-Landtagsabgeordnete Ernst Weidenbusch. Ob damit aber Frieden in den BJV einkehrt, ist zweifelhaft. Etliche Funktionäre halten sogar eine Spaltung des BJV für möglich, so tief reichen angeblich die Feindschaften im Jagdverband inzwischen. Deshalb kommt auch kaum einer aus der Deckung.

Schon allein das Procedere bei der Wahl des neuen Präsidenten ist ungewöhnlich. Wegen der Corona-Pandemie kann der BJV keine Wahlversammlung abhalten. Die Delegiertenkonferenz im Oktober in Nürnberg, auf der eigentlich der Präsident neu bestimmt werden sollte, war wegen des hohen Infektionsrisikos abgesagt worden. Daraufhin entschieden sich die Jäger für eine Briefwahl. Einsendeschluss für die Stimmzettel ist an diesem Donnerstag. Das Ergebnis soll am Freitag bekannt gegeben werden. Das Problem bei der Briefwahl ist aus Sicht etlicher Funktionäre, dass die Aussprache entfällt, die bei Verbandswahlen üblich ist. Ein offenes Austragen des Streits sei aber die Voraussetzung für einen echten Neuanfang, heißt es.

Hegeschau in Grafing, 2019

Stolz der Jäger: Bei Hegeschauen werden die Geweihe abgeschossener Wildtiere präsentiert.

(Foto: Christian Endt)

Der Streit um den Führungsstil im BJV schwelt schon seit langer Zeit. In voller Härte ausgebrochen ist er im August 2019, als der Chef der Jäger-Kreisgruppe Memmingen, Andreas Ruepp, Vocke wegen Verdachts der Untreue und Unterschlagung anzeigte. Bei den Vorwürfen geht es um die knapp 5000 Euro Aufwandsentschädigung, die Vocke pro Monat steuerfrei und ohne Sozialabgaben für sein Ehrenamt bezogen hat, seinen Dienstwagen, die Beschäftigung seiner Tochter bei einer Tochtergesellschaft des Jagdverbands, Spesen und dergleichen mehr. Die Rede war von bis zu 450 000 Euro Schaden für den BJV. Die Unregelmäßigkeiten und Gesetzesverstöße sollen laut Wirtschaftsprüfern ein solches Gewicht haben, dass die Gemeinnützigkeit des BJV gefährdet sei.

Vocke, 77, Finanzrichter a. D. und langjähriger CSU-Abgeordneter im Landtag, hat die Vorwürfe stets vehement bestritten. Und strafrechtlich hat er offenbar wenig zu befürchten. Laut Kripo ist die mögliche Summe des Schadens, den er seinem Verband zugefügt haben soll, im Zuge ihrer Ermittlungen auf weniger als 1800 Euro geschrumpft. Vockes Anwalt spricht denn auch von einer "Hexenjagd" gegen seinen Mandanten, andere werfen Vockes Kritikern Intrigen und Putsch vor. Die Staatsanwaltschaft München I indes hat ihr Ermittlungsverfahren noch nicht abgeschlossen.

Bei der Wahl zum BJV-Präsidenten wird mit einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Ernst Weidenbusch (im Bild) und Thomas Schreder gerechnet. Ernst Weidenbusch ist 57 Jahre, Jurist und seit 17 Jahren für die CSU im Landtag.

(Foto: Claus Schunk)

Die Krise trifft den BJV in einer für ihn sehr schwierigen Zeit. Zwar sind die Jäger vor allen auf dem Land nach wie vor angesehene Leute. Außerdem hat der BJV in der CSU und bei den FW traditionell starken Rückhalt. Denn die allermeisten BJV-Mitglieder sind politisch konservativ. Das macht sie attraktiv für beide Parteien. Auch sind viele prominente Landespolitiker leidenschaftliche Jäger. Der Chef der CSU-Landtagsfraktion, Thomas Kreuzer, etwa oder Vize-Ministerpräsident und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW). Wirtschaftsstaatssekretär Roland Weigert (ebenfalls FW) wollte sogar BJV-Präsident werden - bis Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ihn aufforderte, davon abzulassen, weil Kabinettsmitglieder in der Corona-Pandemie so gefordert seien, dass sie nicht noch eine andere Spitzenfunktion ausfüllen könnten.

Trotz seines politischen Gewichts wirkt der BJV aber wie aus der Zeit gefallen. Das hat vor allem mit seinem betont traditionalistischen Verständnis von Jagd zu tun. Unter Experten herrscht Einigkeit, dass es in Bayern wohl noch nie so viel Wild gab wie derzeit - gleich ob Rehe, Rotwild, Gämsen oder Wildschweine. Sie richten in den Wäldern und auf den Feldern hohe Schäden an. Doch der BJV wehrt sich gegen moderne und effiziente Jagdmethoden, die auch die Interessen der Waldbesitzer, der Förster, der Bauern und der Naturschützer zu ihrem Recht kommen lassen. Und auch den Tierschutz achten.

Delegiertenversammlung Bayerischer Jagdverband

Thomas Schreder, 54, ist Biologe und seit 2018 BJV-Vizepräsident.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Der neue Jägerpräsident steht also vor zwei großen Herausforderungen. Er muss den BJV nach innen befrieden und ihn zugleich so modernisieren, dass er wieder besser ins Gespräch kommt mit den anderen Interessensgruppen auf dem Land und Anschluss findet an die Debatten über die Zukunft der Wälder in der Klimakrise. Beide Aufgaben werden nicht leichter dadurch, dass auch die beiden Kandidaten für das Spitzenamt umstritten sind.

Schreder, 54 und Biologe, gilt zwar wegen seiner vielen ehren- und hauptamtlichen Funktionen, die er seit Jahren im BJV innehat, als ausgezeichneter Kenner des Verbands und bestens vernetzt. Aber auf ihm lastet der Vorwurf, zu lange Vockes Führungsstil und Finanzgebaren mitgetragen zu haben. Deshalb werde ein Neuanfang schwer werden unter ihm, heißt es. Schreder hält dagegen, dass er erst seit 2018, als er zum BJV-Vizepräsidenten gewählt worden ist, zum "engsten und tatsächlichen Führungsgremium" des Verbands zähle. Seither habe er für "Klarheit und Transparenz" gearbeitet.

Weidenbusch, 57, Jurist und seit 17 Jahren für die CSU im Landtag, nimmt für sich in Anspruch, unbelastet zu sein von der Vergangenheit des BJV und deshalb für den Neuanfang zu stehen. Tatsächlich ist er bisher nur einfaches BJV-Mitglied. Aus Sicht seiner Kritiker ist aber gerade das ein große Manko. Weidenbusch fehle Führungserfahrung, heißt es. Zudem steht er in dem Ruf, seine Positionen hart zu vertreten und eher wenig zum Ausgleich zu neigen. In den zurückliegenden Wochen hat sich Weidenbusch freilich als ausgesprochener Teamplayer gegeben. So zerstritten der BJV denn auch ist, in einem Punkt herrscht Einigkeit: Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Schreder und Weidenbusch, die Wahl um das Präsidentenamt geht womöglich denkbar knapp aus.

© SZ vom 10.12.2020/van
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