Gehörlose Wahlkämpferin:Politischer Coup für die Inklusion

Heike Heubach

Heike Heubach verschafft sich mit den Händen Gehör auf dem Marktplatz. Sie hat Chancen, für die SPD in den Bundestag einzuziehen.

(Foto: Viktoria Spinrad)

Heike Heubach kandidiert im Wahlkreis Augsburger Land für die SPD. Jetzt hat sie gute Chancen, die erste gehörlose Abgeordnete überhaupt zu werden. Ihr zentrales politisches Thema ist aber ein anderes.

Von Viktoria Spinrad

Heike Heubach lächelt die Passantin an und greift in ihr Körbchen. Ob sie Taschentücher bräuchte? Zum Schnäuzen, ja, sagt die Frau mit den grau-gewellte Haaren und einem Stück Käse in der Hand. Heike Heubach, 41 Jahre, offener Blick, rotes Körbchen am linken Arm, reicht ihr eine Packung rot-weißer Taschentücher. Im verkaufspsychologischen Sinne hat sie jetzt den Fuß in der Tür. Sie legt nach. "Wie gefällt es Ihnen, hier zu leben und hier jeden Freitag einzukaufen? "Sehr gut. Hier bekommt man ja alles", sagt die Frau. Es ist eine höfliche Antwort. Heubach spürt, dass die Frau weiter will. "Schön", sagt sie, "ich will Sie nicht aufhalten", und tritt zur Seite. Und schon ist die Frau weg, weiter zum Fischstand.

Straßenwahlkampf war noch nie einfach. Vor allem nicht als Politnovizin, und erst recht nicht als Sozialdemokratin in einer Gegend, die seit 1949 ununterbrochen von der CSU im Bundestag vertreten wird. Die Bundestagskandidatin Heubach fällt dennoch auf auf dem Friedberger Marienplatz. Neben ihr steht eine Frau, die ihre Gebärden übersetzt. Denn Heike Heubach ist gehörlos.

Aber deswegen nicht chancenlos. Als sie sich im Frühjahr für die Bundestagswahl aufstellen ließ, "aus Spaß und Solidarität", wie sie sagt, da dümpelte die SPD in Umfragen noch bei 14 Prozent. Mittlerweile hat der Scholz-Zug kräftig Fahrt aufgenommen, sich die Umfragewerte fast verdoppelt. Bis zu 27 Abgeordnete könnte die Bayern-SPD aktuell nach Berlin entsenden. Heubach steht auf Platz 24, wäre also drin. Als erste gehörlose Abgeordnete im deutschen Bundestag. Es wäre ein historischer Sieg. Doch wie kämpft es sich als gehörlose Frau in den Bundestag?

Bevor Geschichte geschrieben werden kann, muss erst die Fleißarbeit verrichtet werden. Also wandert Heubach an diesem frischen Herbstmorgen mit SPD-Körbchen und Dolmetscherin über den Dorfplatz, spricht die Menschen zwischen Käse-, Gemüse- und Fischstand an. Wie es ihnen hier ergehe, dass sie die SPD-Kandidatin sei, dass die Dolmetscherin ihr ihre Stimme leihe. Doch viele wissen zunächst gar nicht so recht, wo sie hinschauen sollen. Zur Kandidatin? Zur Dolmetscherin? Die erste Frage ist oft: Wie das denn funktioniere, gehörlos im Bundestag?

Wie sie das machen würde im Bundestag? Mit Dolmetscherin

Was sie nicht wissen: Heubach lebt wie die meisten der etwa 8 000 Gehörlosen in Bayern ein relativ normales Leben. Sie wohnt in der 15 000-Einwohner-Stadt Stadtbergen, zusammen mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern, 16 und 18 Jahre. Morgens fährt sie zur Arbeit in die Bayernwerke, koordiniert als Industriekauffrau die Einsätze von Technikern. Dabei telefoniert sie viel, nur eben über einen telefonischen Dolmetschservice.

Wie so vieles in ihrem Leben musste sie sich dessen öffentliche Finanzierung erst einmal erkämpfen. Sie wollte nicht, dass die Firma mit Blick auf die Kosten andere Menschen mit Behinderung nicht mehr einstelle, sagt sie. Auf ihrem Facebook-Konto steht ihr Motto geschrieben, es ist das Brecht'sche "Wer nicht kämpft, hat schon verloren."

In Friedberg spricht sie jetzt zwischen Fisch- und Eierstand mit einem Mann. Auch er will als allererstes wissen, wie sie das denn machen würde, im Bundestag. Mit Dolmetscherin, erklärt Heubach, doch der Mann wirkt skeptisch. Grundsicherung, bezahlbarer Wohnraum, Mindestlöhne, es geht dann doch noch um die typischen SPD-Themen. Im Anschluss sagt der Mann, er könne sich schon vorstellen, sie zu wählen. Nur mit dem Spitzenkandidaten Olaf Scholz, da habe er so sein Thema.

Dass Heubachs Gesicht hier im Augsburger Land, dem schwarzen Wahlkreis 253 auf den roten Wahlplakaten prangt, ist das Ergebnis einer verzweifelten Partei auf Talentsuche. Zwei Jahre ist es her, dass der SPD-Vorsitzende ihres Wohnorts, Roland Mair auf sie zuging. Damals dümpelte die Partei im einstelligen Umfragebereich. Er kannte sie über die Töchter in der Schule. Und wusste, dass seine Partei mit besonderen Kandidaten auffahren müsse. Ob sie sich vorstellen könne, für den Stadtrat zu kandidieren? Konnte sie. Und trat mit 39 Jahren in die SPD ein. Der Solidaritätsgedanke, das passe zu ihr, sagt sie. Sie sei so offen, so fröhlich, so optimistisch, schwärmt er. Und: Dass sich jemand so für eine Kandidatin einsetze, habe er unter den Genossen noch nie erlebt.

Bei der Kommunalwahl wurde das nichts, aber vielleicht jetzt. Behindertenwerkstatt, Podiumsdiskussion, Häuserwahlkampf - Bundestag? Es wäre nicht nur eine politische Blitzkarriere, sondern auch ein politischer Coup für die Inklusion, in einem Parlament, das regelmäßig für seine mangelnde Vielfalt kritisiert wird. Entsprechend gut gelaunt klingt die SPD-Landesvorsitzende Ronja Endres, wenn man sie zur Kandidatin Nummer 24 befragt. Fleißig, ausdrucksstark, viel unterwegs sei Heubach, so klingt politische Schützenhilfe. Und es klingt nach einem Joker, der die Politik von innen heraus zwingen würde, sich noch ernsthafter mit dem Thema Inklusion auseinanderzusetzen.

Ihr Thema Nummer eins: der Klimaschutz

Dass Heubach gehörlos ist, liegt wohl an einer Mittelohrentzündung in der frühen Kindheit. Und nun: Die gehörlose Frau, die auszieht, sich für Menschen mit Behinderungen einzusetzen? Auf dem Friedberger Marktplatz schüttelt Heubach energisch den Kopf. Natürlich gehe es auch um Inklusion. Ihr Thema Nummer eins sei aber der Klimaschutz. Was bringt schon Teilhabe, wenn die Erde kaputt geht? Ins Gespräch darüber kommt sie an diesem Freitag aber kaum mit den Leuten. Immerzu geht es um die schwierige Situation von Menschen mit Behinderungen.

Ganz überrascht wirkt ein älteres Pärchen, als sie ihm sagt, dass sie bereits zwei erwachsene Töchter hat. Heubach ist eine, die man leicht unterschätzen kann. Manchmal, wenn sie die potenziellen Wähler gleich wieder ziehen lässt, scheint sie sich aber auch selbst ein wenig kleinzumachen. Es sei nicht ihre Art, sich aufzudrängen, sagt sie. Eine Rampensau sei sie nicht, ist aus ihrem Team zu hören. Und auch bei den Themen müsse sie sich noch mehr reinfuchsen.

Was man ihr kaum absprechen kann, ist Beharrlichkeit, vor allem wenn es um Papierkram geht. Was nicht zuletzt daran liegt, dass ihr Leben von Behördenkämpfen durchzogen ist. Schule, Ausbildung, Arbeit: Immerzu musste sie für ihre Teilhabe kämpfen. Ein Jahr dauerte es, bis ihr die Dolmetscherinnen für den Wahlkampf vom Bezirk genehmigt wurden, sagt sie. Die kosten etwa 80 Euro in der Stunde, plus Fahrtkosten. Offen ist noch, wer die Kosten übernimmt, sollte sie es in den Bundestag schaffen.

In Friedberg deutet sie an, die Ärmel hochzukrempeln. "Ich kämpfe immer", sagt sie. Und macht dabei eine V-Geste unter ihrem Kinn. Ihr Gebärdenname ist die Gebärde für das Lächeln. Die Dolmetscher in der Fraktion stünden bereit, sagt sie. Und selbst wenn nicht: Dann gehe sie eben trotzdem nach Berlin.

© SZ vom 21.09.2021
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