Altenpflege in der Diakonie:Christliches Personal gesucht

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Pflegekräfte werden inzwischen von vielen Heimträgern umworben; ihre Zahl reicht nicht.

(Foto: Sina Schuldt/dpa)

In der Pflege herrscht Mangel an Fachkräften. Dennoch gilt in der Diakonie die Klausel, dass Mitarbeiter der Kirche angehören sollen. Wie passt das zusammen?

Von Gregor Grosse

Dass in Bayern und auch sonst wo in Deutschland ein Mangel an Pflegepersonal vorherrscht, ist allgemein bekannt. Das Diakonische Werk Bayern der Evangelischen Kirche spielt im Bereich der Altenpflege eine maßgebliche Rolle. Als zweitgrößter Wohlfahrtsverband in Bayern stellt sie allein 202 vollstationäre Pflegeeinrichtungen mit 16 206 Plätzen. Dazu kommen 57 teilstationäre Tagespflegeeinrichtungen und 79 Einrichtungen des Betreuten Wohnens. Auch innerhalb der immer wichtigeren ambulanten Pflege, ist die Diakonie ein "big player". Deutlich mehr als 200 Sozialstationen sind über den gesamten Freistaat verteilt. Die Diakonie nimmt dementsprechend eine herausragende Stellung innerhalb der bayerischen Altenpflege ein.

Dennoch gelten für Pfleger in einer Diakonieeinrichtung strengere Voraussetzungen als anderswo. Die sogenannte ACK-Klausel besagt, dass Mitarbeiter im Regelfall einer Kirche - bevorzugt der evangelischen - angehören sollten. Das Grundgesetz gesteht den Kirchen und folglich der Diakonie zu, bestimmte Fragen eigenständig zu regeln. Darunter fällt ebenfalls die Auswahl von "geeigneten" Mitarbeitern. In den Worten der Diakonie klingt das dann so: "Es braucht Mitarbeitende, die die christlichen Grundlagen kennen und auch zu ihnen stehen."

Laut Diakonie hat die ACK-Klausel nicht mehr den Stellenwert wie früher

Selbst ein Kirchenaustritt während der Beschäftigungszeit kann zu einer Beendigung des Arbeitsverhältnisses führen, da es als eine "aktive und bewusste Distanzierung von den Grundlagen der Diakonie gewertet" wird. Dirk Spohd sagt, dass ihm kein solcher Kündigungsfall bekannt sei. Der Geschäftsführer von "Hilfe im Alter", eine Tochtergesellschaft der Diakonie München und Oberbayern, fügt hinzu, dass in dieser Situation zunächst das Gespräch gesucht werde. "Wenn jemand aber die evangelische Kirche ablehnt und die Haltung der Nächstenliebe, Barmherzigkeit und das Eintreten für soziale Gerechtigkeit in Frage stellt, müssen wir handeln", sagt Spohd.

Der Verband Deutscher Alten- und Behindertenhilfe (VDAB) möchte das Vorgehen der Diakonie nicht bewerten. Die stellvertretende Bundesgeschäftsführerin Anna Klein teilt jedoch mit, dass es den privaten Unternehmen in dem angespannten Wettbewerb um Pflegekräfte in die Hände spiele, "da die Diakonie mit der Einschränkung auch einen Teil des Arbeitnehmermarktes für sich ausschließt".

Ein vom bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege in Auftrag gegebenes Gutachten zeigt, dass die zukünftige Entwicklung der Pflege und Pflegekräfte in Bayern alles andere als rosig aussieht. Die Pflegebedarfsprognose bis zum Jahr 2050, erstellt vom WifOR Institut, stimmt nicht unbedingt optimistisch. Demnach wird die Bevölkerung in Bayern in den nächsten 20 Jahren um 484 000 Menschen wachsen - das ist mehr als in den meisten anderen Bundesländern. Damit nimmt auch die Zahl der pflegebedürftigen Personen zu. Der Anteil der über 80-Jährigen an der Gesamtbevölkerung soll, nach den Berechnungen des WifOR, im Jahr 2050 von derzeit vier Prozent auf rund zwölf Prozent klettern.

Bereits jetzt aber wird das Angebot an ambulanten Pflegediensten in 60 Prozent der bayerischen Landkreise als "nicht ausreichend" angesehen. Das Gesundheitsministerium schreibt in einer Zusammenfassung des Gutachtens, dass "aufgrund des rückläufigen Erwerbspersonenpotenzials bereits in den nächsten fünf Jahren mit einem erheblichen Fachkräftemangel in der Pflege zu rechnen ist". Auch bei den Einrichtungen der bayerischen Diakonie zeigt sich das. "Bei Neuausschreibungen ist eine Stelle im Schnitt für 120 Tage unbesetzt", lässt ein Sprecher der Bayerischen Diakonie mitteilen. Es gebe große Probleme, die Stellen zu besetzten.

Wohl auch aufgrund dieser Umstände wird die ACK-Klausel seit 2017 deutlich lockerer ausgelegt. Seitdem ist es den kirchlichen Einrichtungen erlaubt, unter Umständen auch Fachkräfte zu beschäftigen, die keiner christlichen Konfession angehören.

Bei Kranken- und Altenpflegern können beispielsweise Ausnahmen gemacht werden, wenn ein Mangel an Fachkräften das notwendig macht. Laut der bayerischen Diakonie hat die ACK-Klausel nicht mehr den gleichen Stellenwert wie früher. Das hänge auch mit Urteilen der Arbeitsgerichte zusammen, die eine strenge Auslegung der Klausel als unzulässig einschätzen. Dennoch werde von Mitarbeitern erwartet, dass sie "die Ziele und Werte von Kirche und Diakonie vertreten", so der Sprecher. Dirk Spohd von der oberbayerischen Diakonie sagt, dass die Zugehörigkeit zu einer Kirche zwar begrüßt werde, aber die Diakonie mit der Zeit gehe und daher "Vielfalt auch als Bereicherung für unser Unternehmen" angesehen werde.

Die Vereinigung der Pflegenden in Bayern (VdPB) sieht in der Öffnung der ACK-Klausel "prinzipiell ausreichend Spielraum für Einrichtungen, der Personalnot im pflegerischen Bereich durch die Einstellung von Fachkräften ohne konfessionelle Zugehörigkeit zu begegnen".

Trotzdem wünschen sich einige Einrichtungen der Diakonie eigentlich christliche Pfleger - wäre da nicht der Pflegenotstand. So ist es auch bei Anke Möglinger, Leiterin des evangelischen Pflegezentrums Ebersberg. "Es ist schon wünschenswert, dass Bewerber eine christliche Konfession haben, aber aufgrund der Knappheit des Personals können wir nicht frei wählen - wenn ich die Wahl hätte, würde ich das wohl so machen", sagt sie.

© SZ vom 26.08.2021/sonn
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