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Gymnasium:Abschluss nach Paragraf 5

Für Abiturfeiern zählen dieses Jahr Kreativität und Spontanität

Von Anna Günther

Dass ihr Finale am Gymnasium einzigartig ist, dürfte den 35 000 bayerischen Abiturienten am 18. März klar geworden sein, als nach der coronabedingten landesweiten Schulschließung die Prüfungen verschoben wurden. Wie einzigartig, dürften viele nun auch an diesem Freitag erleben, wenn sie ihre Abschlusszeugnisse bekommen. Und es an den meisten Schulen anders läuft als im Nachbarort - und anders als je zuvor.

Eine Blaupause gibt es für nichts in diesen Zeiten, Sars-CoV-2 schafft neue Realitäten, der Umgang damit fällt manchem leichter als anderen. Die Infektionsschutzverordnung bestimmt alles, ist aber an den Schulen oft nur der Rahmen. Sie bestimmte, wie die Abiturprüfungen ablaufen sollten. Das klappte. Große Klagen blieben aus, der vorläufige Abischnitt 2020 fällt besser aus als zuletzt. Ob das die Schüler tröstet, deren Traum von Festnächten, Fernreisen und feuchtfröhlichen Abenteuern zerschossen wurde? Wahrscheinlich nicht.

Damit wenigstens ihr Abschied vom Schülerleben nett und festlich ausfällt, ließen sich die Schulleiter der 430 Gymnasien einiges einfallen. Heraus kamen, notgedrungen, kreativste Konzepte. Denn statt Klarheit zu schaffen, stiftete die Verordnung der Staatsregierung diesmal Chaos: Paragraf 5 befasst sich mit Veranstaltungen, erwähnt Schulabschlussfeiern und erlaubte bis vor einer Woche 50 Personen innen und 100 draußen. Nun sind es doppelt so viele. Dagegen schreibt Paragraf 16 bei "sonstigen Schulveranstaltungen" nur 1,5 Meter Abstand vor, keine Personenzahl. Was für die Zeugnisverleihung gilt, stand da nicht und brachte Schulleiter wochenlang zur Verzweiflung. "Das beschäftigt alle Gymnasien ununterbrochen", sagte Walter Baier, Chef der Direktorenvereinigung. Die Aufregung sei enorm, ständig änderten sich die Bedingungen. "Man rechnet täglich und wird wahnsinnig."

Heraus kam ein hübsches Potpourri von Feiern, die keine Partys werden dürfen. Sonst fallen sie unter P wie Privatvergnügen. Viele Schulen zelebrieren die Zeugnisverleihung nun in Schichten, mehrmals hintereinander mit kleinen Schülergrüppchen und - nur falls Platz ist - einem Elternteil. Direktorenrede, Schülersprecher, Anekdoten, alles Gute. Die Nächsten, bitte. Andere sperren die Eltern ganz aus oder in den Nebenraum, mit Glück gibt's einen Livestream oder später ein Video zum Nacherleben. In Eggenfelden übergeben sie die Zeugnisse gleich bei einem Gottesdienst, da ist mehr Platz und mehr erlaubt.

Acht Tage vor den Feiern schickte das Kultusministerium dann ein Schreiben an die Gymnasien: Paragraf 5 gilt bei "Musik, Tanz und Bewirtung". Da hatten die Schulleiter längst Einladungen verschickt und Konzepte vom Gesundheitsamt absegnen lassen. Kaum ein Direktor schmiss so kurzfristig noch um. Dafür gibt es nun 430 Blaupausen für eine Zeugnisverleihung.

© SZ vom 16.07.2020

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