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Asylbewerber im Hungerstreik:Im Januar hat sich einer erhängt

Viele hören ihm an diesem Morgen nicht zu. Obwohl das Zeltlager der Iraner auf dem zentralen Platz in Würzburg steht. Obwohl sie ihr Zelt mit Bildern beklebt haben, die dokumentieren, wie es Menschen in Iran ergeht, die ein anderes Leben führen wollten als es das Regime will - man sieht viele Galgen auf diesen Fotos.

Und obwohl sie eine Tafel aufgestellt haben, auf der mit Kreide die Tage angeschrieben sind, wie lange die Iraner hungern wollen für bessere Bedingungen in ihrer Kaserne: "Seit zwei Tagen im Hungerstreik", steht auf der Tafel. 14 Tage wollen sie zelten und hungern. Ein Foto von Mohammad Rahsepar hängt auch an dem provisorischen Zelt. Rahsepar ist der 29 Jahre alte Iraner, der sich im Januar in der Gemeinschaftsunterkunft in Würzburg erhängt hat. Hosseinzadeh kannte Rahsepar, natürlich.

Ein kräftiger Mann sei das anfänglich gewesen, erzählt Hosseinzadeh, mit Lust am Leben. Irgendwann nach ein paar Monaten in der ehemaligen Kaserne am Würzburger Stadtrand habe ihn Rahsepar - er wurde in Iran gefoltert - gefragt, wie lange Hosseinzadeh eigentlich schon in dieser furchtbaren Umgebung sein Leben friste. Beinahe, sagt Hosseinzadeh, tue es ihm im Nachhinein leid, die Wahrheit gesagt zu haben. Rahsepar habe es nicht fassen können. Er lebte zu der Zeit erst ein paar Monate dort, nicht vier Jahre. Kurz vor seinem Suizid ließ sich Rahsepar wegen Depressionen behandeln.

In den Wochen nach dessen Tod musste Hosseinzadeh zweimal ins Krankenhaus. Hosseinzadeh ist Sportler, 1,95 groß, er wirkt so, als könnte ihn wenig umhauen. Plötzlich aber hatte er Herzrasen. Ein anderes Mal weinte er drei Stunden am Stück. Hosseinzadeh holt ein Foto aus seinem Geldbeutel. Seine Tochter. Auf dem Bild ist sie drei Jahre alt, inzwischen ist sie acht. Hosseinzadeh war Beamter, wäre er nicht in einem Land geboren worden, das seine Bürger misshandelt, wäre er jetzt Beamter und Familienvater.

In zwölf Tagen wird er in die Gemeinschaftsunterkunft an den Würzburger Stadtrand zurück müssen.

© SZ vom 21.03.2012/wib
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