Architektur:Wo bleibt der Witz beim Bauen?

Lesezeit: 4 min

Architektur: Der Architekt Peter Haimerl, hier einmal nicht in seiner eigenen Architektur, sondern auf der Treppe am Münchner Friedensengel.

Der Architekt Peter Haimerl, hier einmal nicht in seiner eigenen Architektur, sondern auf der Treppe am Münchner Friedensengel.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der Architekt Peter Haimerl kritisiert die erstarrten Positionen bei der Planung von Kulturbauten. Die müssten vor allem eines sein, um Sinn zu haben: verrückt!

Von Susanne Hermanski

Wenn Helmut Schmidt, die Götter haben ihn selig, Bayer gewesen wäre, könnte man wenigstens ihm die Schuld geben. "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen", hat er gesagt. Nun, beim Arzt, beim PCR-Test & Co sind wir viel in diesen Zeiten. Um die Visionen aber, da ist es schlecht bestellt. Besonders wenn man an die Kulturbauten denkt im Freistaat und die Visionen, die für sie im Raume stehen. Die alten, einstmals stolzen Gebäude rotten vor sich hin. Die neuen werden gar nicht erst gebaut.

Die Neue Pinakothek etwa, durch deren Dach es regnet, wurde vor drei Jahren geschlossen, die Sanierung hat noch nicht begonnen. Im Haus der Kunst wird es auch die nächsten Jahre nicht "Renovate/Innovate" heißen, auch wenn der Architekt David Chipperfield bereits seit 2013 im Auftrag der Staatsregierung daran sitz. Nürnberg hat seinen Konzerthausbau abgeblasen, in der Landeshauptstadt ringt man weiter um ein Konzerthaus für Bayern, das als erstes ganz dem digitalen Zeitalter und der Musik-Education verschrieben sein soll. Aber auch dies - eine Vision, die immer wieder torpediert und versenkt zu werden droht.

Dabei gibt es sie, die Sehnsucht nach dem Gestalten. Der Architekt Peter Haimerl steht für die Sehnsucht und mehr noch für das tatsächliche Gestalten. Haimerl hat den viel gefeierten Konzertsaal in Blaibach gebaut, er hat für das alte Kraftwerk in Aubing eine kulturelle Nutzung ersonnen, die nun zwar anders, aber dennoch kommen wird.

Und er hat für die Sanierung des Gasteigs eine Idee ins Rennen geschickt, die von einer großen Umnutzung träumte: In die Philharmonie eine gewaltige, offene Bibliothek einzupassen und im Gegenzug an der alten Stelle der Stadtbibliothek eine neue, besser klingende Philharmonie erstehen zu lassen. Sein schachhaftes Motto dabei: "Eine Rochade kann auch ein Gewinn sein."

Der Bayerische Kulturpreisträger rief es aus in dieser Woche: "Mutig und verrückt muss sie sein, die Architektur, sonst ist sie bedeutungslos!" Besonders gelte das bei Kulturbauten. Ein Forum für diese Exclamtio bot ihm ausgerechnet die Oper. Denn die Bayerische Staatsoper, die noch unter Nikolaus Bachler selber einen Mindestsanierungsbedarf in Höhe von 160 Millionen Euro anmeldete, hat gemeinsam mit der Deutschen Oper am Rhein, der Komischen Oper Berlin, dem Opernhaus Zürich sowie den Staatstheatern Stuttgart eine digitale Vortrags- und Debattenreihe aufgelegt: die "Initiative Kulturbauten der Zukunft". In deren Rahmen soll endlich einmal über anderes gesprochen werden als über die Dauerleier der hohen Kosten von Kulturbauten, und das, weil überall gleich: länderübergreifend.

Der neue Bayerische Staatsintendant Serge Dorny, der das Projekt unterstützt, will aber auch nicht nur oberflächlich über die "Chancen" etwa zur Integration reden, die aus Kulturstätten erwachsen und die gern beschworen werden: "Opernhäuser und Kulturinstitutionen müssen sich immer wieder selbst befragen, wie sie Stadtgesellschaften mitprägen und -verändern können, welche Wechselwirkungen und Dynamiken hier denkbar sind", sagt er und fordert mehr konkrete Selbstanalyse.

Zusammen mit Peter Haimerl, der seit dem Wintersemester 2019/20 auch eine Professur an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz innehat, diskutierten Christos Chantzaras und Stefan Höglmaier. Chantzaras, der Betriebswirt und Architekt an der Technischen Universität München ist, hat gemeinsam mit Professoren-Kollegen vor einigen Jahren die Initiative "Make Munich Weird" aus der Taufe gehoben. Deren Überzeugung, die auf der Grundlage wissenschaftlicher Daten basiert: nur eine Stadt, die Räume offen lässt für das Improvisierte, das Unerwartete und Schräge, wird sich dauerhaft weiterentwickeln und kreative Geister anziehen, die am Ende auch für die Prosperität dieser Stadt sorgen werden.

Stefan Höglmaier gründete bereits mit 24 Jahren seine eigene Firma für Immobilienentwicklung und hat in München so spektakuläre Projekte umgesetzt wie die Verwandlung des Schwabinger Hochbunkers aus der NS-Zeit in Appartments und eine Kunstgalerie, die sich vor allem mit Architekturthemen befasst.

Haimerl und seine Mitstreiter destillierten wesentliche Probleme, die bei kulturellen Bauten in und außerhalb Bayerns immer wieder auftauchen. Das sind zum einen die "starren öffentlichen Wettbewerbsverfahren", wie Haimerl kritisiert. Mit ihren eng formulierten Aufträgen reichten sie nicht aus, um nachhaltige, partizipative, kreative und mutige Orte zu schaffen. Und besonders perfide dabei: Eben diese Wettbewerbe wälzten die eigentliche Stadt- und Regionsentwicklung ab auf die kreativen Ideen einzelner Architekten und Architektinnen. Und deren Mut, so er denn vorhanden.

Es braucht ein gemeinsames Entwickeln von Visionen aus der Politik und von Vordenkern

Viel wichtiger wäre es, dass die Politik gemeinsam mit engagierten Vordenkern Visionen entwickelten. Die könnten dann als Grundlage für partizipative Prozesse mit der breiten Öffentlichkeit dienen. Häufig fehle es ja genau daran. Es gebe eine Leerstelle - etwa einen großen Bauplatz, der dann ohne Blick für den größeren städtischen Kontext mit Wohnbebauung nach dem Prinzip funktional und billig zugestellt würde. Eine Vision für das zu bebauende Gelände, aber auch für einen einzelnen zu sanierenden Bau fehle oft völlig. Das rächt sich dann gerade, wenn eigentlich bedeutende Kulturbauten vor der Transformation in neue Zeitalter stünden.

Aber nicht nur der Staat, auch privatwirtschaftliche Unternehmen einer Region oder Stadt müssten sich ihrer Rolle als Gestalter bewusster werden. Darauf verwiesen besonders Christos Chantzaras und Stefan Höglmaier. "Selbst dann, wenn sich dieser Beitrag nicht unmittelbar rentiert, sondern langfristig einen Standort erst für kommende Generationen attraktiv werden lässt", sagt Chantzaras. Was würde wohl Helmut Schmidt dazu sagen?

Kulturbauten der Zukunft, die einzelnen Vorträge stehen im Anschluss für jedermann verfügbar weiterhin online. Die Teilnahme ist kostenfrei. Anmeldung ist erforderlich unter www. kulturbauten. net; Der Architekt als Künstler? Vortrag: Matthias Sauerbruch, Akademie der Schönen Künste, Max-Joseph-Platz 3, Mi., 15. Dez, 19 Uhr, Eintritt frei, 2-G-plus-Nachweis

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