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Arbeitsmarkt:Fachkräftemangel droht die bayerische Wirtschaft auszubremsen

  • Die Zahl der Jobsucher in Bayern ist im Juni weiter gesunken, auf knapp 198 000 Personen.
  • Die Schattenseite: 131 305 Stellen sind derzeit laut Arbeitsmarktbericht unbesetzt, 11,2 Prozent mehr als noch vor einem Jahr.
  • Politik, Wirtschaft und Jobcenter versuchen, mit vielen Einzelmaßnahmen gegenzusteuern.

Regelmäßig darf in Bayern gejubelt werden. Meist am Monatsende, dann verschickt die Arbeitsagentur ihre neuesten Zahlen für den Freistaat. Auch an diesem Freitag wurde wieder gejubelt: Die Zahl der Jobsucher ist im Juni weiter gesunken, auf knapp 198 000 Personen. Das waren 4600 Erwerbslose weniger als im Monat zuvor und 18 700 weniger als im Mai 2017. Wichtiger für den Jubel ist diesmal allerdings ein anderer Vergleich: So wenige Arbeitslose gab es zuletzt im Jahr 1991. Erstmals seit 27 Jahren ist ihre Zahl unter die Marke von 200 000 gesunken. Ein Rekord. Und in gewisser Weise auch ein Problem. Unternehmern bleibt deshalb der Jubel manchmal im Halse stecken. Sie leiden unter Fachkräftemangel.

Das ist die Schattenseite des bayerischen Arbeitsmarkts: Er ist vielerorts wie leergefegt. Ob Konzern, Mittelständler oder Handwerksbetrieb, Metallbauer, Dienstleister oder Einzelhändler - aus fast allen Branchen ist zu hören, dass es immer schwieriger werde, Personal zu finden. Neu sind die Klagen nicht. Neu sind die Dimensionen. 131 305 Stellen sind derzeit laut Arbeitsmarktbericht unbesetzt, 11,2 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Die Folge: In Betrieben bleiben Aufträge liegen oder werden erst gar nicht angenommen, weil Kapazitäten fehlen. Der Fachkräftemangel droht die bayerische Wirtschaft auszubremsen.

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Was das bedeutet, rechnete jüngst der Bayerische Industrie- und Handelskammertag (BIHK) vor. Einmal im Jahr erhebt er den "Fachkräftemonitor", eine Art Wasserstandsmelder. Demnach entgeht dem Freistaat in diesem Jahr eine Wirtschaftsleistung von geschätzten 23 Milliarden Euro, weil Mitarbeiter fehlen. Bis 2030 könnte die Lücke auf bis zu 542 000 Menschen wachsen. Die jährlichen Wertschöpfungsverluste könnten sich dann auf bis zu 50,8 Milliarden Euro belaufen. Das wären laut BIHK 8,6 Prozent der gesamten bayerischen Wirtschaftsleistung. Hinzu kommt noch die demografische Entwicklung: Weil zu wenige Junge nachkommen, dürfte sich das Durchschnittsalter der Belegschaften deutlich erhöhen: von derzeit 43,7 Jahren auf 48,6 Jahre im Jahr 2030.

Politik, Wirtschaft und Jobcenter versuchen, mit vielen Einzelmaßnahmen gegenzusteuern. Das größte Problem am Fachkräftemangel ist seine Komplexität, einfache Lösungen gibt es nicht. Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage passen oft nicht zusammen. Wer zum Beispiel einen Abschluss im Bereich Mediengestaltung hat, eignet sich schwerlich als Installateur - und andersherum. Allerdings, das ist die gute Nachricht, bietet der Arbeitsmarkt ein paar ungenutzte Potenziale. So gelten derzeit 292 483 Personen in Bayern als unterbeschäftigt, könnten also zumindest theoretisch mehr arbeiten. Rund 20 100 Menschen mit Behinderung sind auf Jobsuche - der Rückgang der Arbeitslosigkeit war in diesem Bereich zuletzt unterdurchschnittlich. Und auch wenn die Integration von Flüchtlingen Fortschritte macht, gibt es noch viel zu tun. Jeder Vierte, der seit 2015 aus Krisenländern nach Deutschland gekommen ist und sich im erwerbstätigen Alter befindet, arbeitet.

All diese Potenziale zu heben, ist allerdings aufwendig. Je nach Personengruppe sind andere Maßnahmen nötig; oft müssen mehrere Zahnräder ineinander greifen, damit der Berufseinstieg gelingt. Das bayerische Sozialministerium verweist zum Beispiel auf spezielle Förderprogramme, die Langzeitarbeitslose wieder fit für den ersten Arbeitsmarkt machen. Dabei arbeiten Jugendhilfe und Jobcenter zusammen, um die ganze Familie zu unterstützen. Das soll verhindern, dass sich Arbeitslosigkeit "verfestigt", wie es im Ökonomen-Sprech heißt: dass sie von den Eltern an die Kinder weitergegeben wird, weil diese nichts anderes kennen. Laut Sozialministerium betrifft diese Gefahr derzeit rund ein Viertel der Arbeitslosen.

Ein anderer Schlüssel ist Weiterbildung, gerade mit Blick auf die Digitalisierung. Sie ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits könnte sie helfen, die Fachkräftelücke zu schließen: Wo Algorithmen die Arbeit übernehmen, sind weniger Menschen nötig. Andererseits sind viele Arbeitnehmer kaum vorbereitet auf die Herausforderungen der Digitalisierung. Helfen soll ein "Pakt für Berufliche Weiterbildung 4.0", den Vertreter der Staatsregierung und der Wirtschaft vergangene Woche unterzeichnet haben. Er sieht unter anderem Bildungsgutscheine vor.

Andere Möglichkeiten werden nach Ansicht von Arbeitsmarktexperten noch zu wenig genutzt. So würde weniger Teilzeitarbeit neue Kapazitäten freisetzen. Wenn Mitarbeiter ganz- statt halbtags im Büro sitzen, schaffen sie auch mehr Arbeit. Dazu müssten Unternehmen aber ihren Angestellten bessere Angebote unterbreiten, damit diese aufstocken wollen. Spielraum gibt es auch bei Instrumenten der staatlich gesteuerten Zuwanderung. Bislang sind es vor allem Einzelprojekte, die um Fachkräfte im Ausland werben. Ein Zuwanderungsgesetz könnte hier helfen, wenn es da nicht ein anderes Problem gäbe: Sobald das Schlagwort Zuwanderung fällt, bleibt der Politik derzeit der Jubel im Halse stecken.

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