Amberg Vision aus Sichtbeton

Glaskathedrale Architekt Walter Gropius, Bauhaus, Architektur, Bayern, Amberg

(Foto: Sebastian Beck)

Die Stadt Amberg entdeckt die Glaskathedrale des weltberühmten Bauhaus-Gründers Walter Gropius neu

Von Sebastian Beck, Amberg

Der erste Eindruck: brutal. Grauer Beton. Blindes Glas. Verwitterte Fassade. Drumherum Grasland, ein paar Wohnblöcke aus der Nachkriegszeit. So könnte der Hangar von Raumschiff Orion ausgesehen haben: Science-Fiction aus den Sechzigern, eine Zukunftsvision, die inzwischen selbst in die Jahre gekommen ist. Nein, das Gebäude am Stadtrand von Amberg macht es dem Betrachter auf den ersten Blick nicht leicht.

Und dennoch zählt die hundert Meter lange Giebelhalle mit ihren Anbauten zu den bedeutendsten Zeugnissen der Industriearchitektur Deutschlands. Es ist das letzte Werk des Bauhaus-Gründers Walter Gropius. Als die Glasfabrik 1970 in Betrieb ging, schwelgte nicht nur die SZ über die "Kathedrale", in der eine neue Auffassung der Arbeit zelebriert werde: Hell sollte es sein, luftig, menschenfreundlich - so wie es sich der Unternehmer und Sozialdemokrat Philip Rosenthal von seinem weltberühmten Architekten gewünscht hatte.

"It was a fun project" - ein Spaßprojekt, sagt Alex Cvijanovic, der damals als Partner von Gropius den Entwurf realisierte. Der Mann ist mittlerweile 92 Jahre alt und lebt in Boston. Ende Mai erhielt Cvijanovic Besuch aus Amberg: Kulturreferent Wolfgang Dersch und Baureferent Markus Kühne hatten ihn zuvor in den USA ausfindig gemacht.

Die beiden arbeiten im Auftrag der Stadt an einer Dokumentation des Gebäudes, um dessen Bedeutung nur noch wenige Fachleute wissen. "Es ist völlig in Vergessenheit geraten", sagt Dersch, der erst einmal staunte, als er die Wohnung von Cvijanovic betrat: Da hängen immer noch zwei Fotos des Amberger Glaswerks - und daneben eins vom PanAm-Building in New York, das Cvijanovic ebenfalls zusammen mit Gropius entwarf. Die Delegation durfte auch die Originalpläne einsehen.

Dumm bloß, dass das Glaswerk allenfalls ausnahmsweise und dann auch nur von Architekten besichtigt werden kann. Denn dort arbeiten immer noch 150 Beschäftigte rund um die Uhr im Schichtbetrieb. In den Anfangszeiten waren es einmal bis zu 500 Menschen, die mundgeblasene Gläser herstellten. Inzwischen ist die Produktion voll automatisiert, ein riesiger Schmelzofen spuckt Gläser für die österreichische Firma Riedel aufs Fließband.

Hier sieht man es nicht so gerne, wenn Leute durch die Halle latschen und womöglich auch noch Fotos von der geheimen Technik machen. Dabei ist der Anblick durchaus imposant. Denkt man sich Maschinen und Kisten weg, gleicht die Fabrik mit ihrem hohen Mittelschiff eher einem Kirchenbau. Die markante Form hat eine durchaus praktische Funktion: Über Öffnungen im Dachgiebel zieht die enorme Hitze des Schmelzofens ab.

Betriebsleiter Armin Reichelt ist trotzdem nicht wirklich glücklich mit der denkmalgeschützten Weltarchitektur: "Von der praktischen Seite her ist es nicht so doll", sagt er. An einen Kran hatten die Architekten damals nicht gedacht, er lässt sich wegen der fragilen Statik auch nicht nachrüsten. Die zahlreichen Fenster können nur mit einer Hebebühne gereinigt werden, die in der Hitze schon mal streikt. Und das genial einfache Lüftungssystem macht der Maschine zu schaffen: Zugluft, sagt Reichelt, sollte man im maschinellen Prozess tunlichst vermeiden. Heute würde man es anders bauen.

Das ist allerdings genau das Problem: Industriearchitektur orientiert sich inzwischen ausschließlich an der Effizienz. Sie ist insofern ein Spiegelbild ihrer Zeit. Heraus kommen dabei Schachtelbauten, die überall gleich hässlich aussehen. Mit dem Glaswerk in Amberg hat sich Rosenthal aber auch ein Denkmal seiner kunst- und menschenfreundlichen Gesinnung errichtet. Es war eben mehr als eine reine Produktionsstätte.

Dieser visionäre, ganzheitliche Ansatz verband Rosenthal mit Gropius. Mitte der Sechzigerjahre hatte Gropius für Rosenthal in Selb bereits die Porzellanfabrik gebaut. Die Glaskathedrale in Amberg war die letzte große Arbeit des Mitbegründers der Moderne. Sein revolutionärer Anfang, das Fagus-Werk im niedersächsischen Alfeld aus dem Jahr 1911, steht inzwischen auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes. Auf das Glaswerk in Amberg hingegen weist nicht einmal ein Schild hin.

Dass zeitgenössische Industriebauten genauso wie Kirchen oder Schlösser zu den schützenswerten Kulturgütern zählen, dringt nur schwer ins Bewusstsein von Politikern und Bürgern. Ein paar Kilometer nördlich von Amberg verfällt seit Jahren das grandiose Stahlwerk Maxhütte, in der Bayerns Industrialisierung begann. Für den Erhalt fehlt das Geld, auch deswegen, weil es nach gängigen Maßstäben nicht "schön" ist.

Auch dem Glaswerk haftet aus heutiger Sicht etwas durchaus Abweisendes an. Das Image von Beton hat arg gelitten in den vergangenen Jahrzehnten. Schuld daran sind die Wohnsilos in den Vorstädten, die Gropius oder Le Corbusier in bester Absicht errichteten, die aber inzwischen für Armut und Gewalt stehen. In den Sechzigerjahren war die radikale Architektur indes ein Zeichen des gesellschaftlichen und technischen Aufbruchs. Daran erinnert die Glaskathedrale.

In Amberg lernt man gerade erst zu schätzen, was da draußen im Gewerbegebiet steht. Die örtliche CSU-Bundestagsabgeordnete Barbara Lanzinger setzt sich jetzt dafür ein, dass sich Bayern wie die anderen Bundesländer am internationalen Bauhaus-Jubiläum 2019 beteiligt. Kulturreferent Wolfgang Dersch berichtete dem Stadtrat unlängst von der USA-Reise. "Die waren hellauf begeistert", sagt er.

Bis 2019 will er mit dem neuen Material aus den USA eine Dokumentation in Buchform erstellen. Dann soll es dazu auch eine Ausstellung im Stadtmuseum von Amberg geben. Und vielleicht findet sich bis dahin das Geld dafür, dass neben dem Pförtnerhaus am Werkseingang wenigstens ein paar Schautafeln aufgestellt werden.