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Affing in Schwaben:Zwei Wochen nach dem Tornado

Verwüstung nach Windhose

Verwüstung nach dem Tornado: In Gebenhofen fassen alle mit an.

(Foto: lukasbarth.com)
  • In Affing ist der meiste Schutt weggeräumt, den der Tornado vor zwei Wochen hinterlassen hat.
  • Doch die Menschen in dem kleinen Ort in Schwaben werden noch lange mit den Folgen des Unwetters zu kämpfen haben.
  • Viele Einwohner wissen nicht, für welche Schäden die Versicherungen aufkommen. Zahlreiche Kinder sind traumatisiert.

Die Uhr am Affinger Kirchturm geht inzwischen wieder. Sie war am Mittwoch vor zwei Wochen stehen geblieben. Exakt um 22.28 Uhr, als der Tornado ankam und Bäume flachlegte, Häuser abdeckte und den Strom ausknipste. Heute ist in dem 5000-Einwohner-Ort im Kreis Aichach-Friedberg der meiste Schutt wieder weggeräumt. Aber die Folgen des Unwetters werden die Menschen noch lange mit sich herumtragen: Die Erwachsenen wissen noch nicht, ob und wie viel die Versicherungen zahlen. Noch mehr haben die Kinder zu knabbern. Viele werden psychiatrisch betreut, eines muss sogar stationär behandelt werden. Ein Rundgang durch ein verwüstetes Dorf, das versucht, die zerstörten Häuser und die verstörten Gemüter wiederaufzurichten.

Das Kinderzimmer

Dieser Anblick lässt einen erschaudern. Die Wand ist übersät mit Kratzern und Löchern. Hier schlugen Scherben, Steine und Dachplatten ein. Und normalerweise liegt hier der Kopf des fünfjährigen Elia, wenn er in seinem Bett schläft. "Nur das Nachtkästchen und das Bettgestell waren noch da", sagt Vincenzo Sarcone, der Vater. "Den Lattenrost und die Matratze hat der Tornado weggefetzt." Beides ist bis heute verschwunden. Die Dachschräge über dem Bett ist auf der ganzen Breite des Zimmers aufgerissen. Drei Meter Zimmerdecke sind einfach weggeflogen. Das Loch ist notdürftig mit einer grünen Plane abgedeckt. "Was wäre passiert, wenn der Kleine hier wie sonst immer gelegen wäre?", fragt Sarcone und schluckt.

Er berichtet von der Tornado-Nacht. "Ich bin da eigentlich sehr streng, um Punkt acht Uhr muss Elia ins Bett." Doch an diesem Abend machte er eine Ausnahme. Weil die Mama mit einer Freundin beim Essen war, weil im Fernsehen Fußball lief und weil am nächsten Tag Vatertag war, erzählt der Papa augenzwinkernd. "Wir wollten unseren ersten Männerabend machen." Irgendwann gegen acht sagte Elia, er könne heute nicht schlafen und er wolle beim Papa bleiben. "Es war das erste Mal, dass ich nachgegeben habe", sagt Sarcone. Deshalb erlebte Elia den Tornado im Erdgeschoss. Die Schaukel aus dem Garten schlug im Wohnzimmer-Fenster ein, der Vater warf sich schützend über seinen Sohn. "Seit Christi Himmelfahrt 2015 glaube ich an Fügung."

Die Verletzungen

Das Landratsamt spricht von sieben leichtverletzten Personen. Viele werten diese geringe Zahl als "Wunder". Was dabei aber vergessen wird sind die psychischen Verletzungen, die erst allmählich zu Tage treten. Auch und vor allem bei den Kindern, die den Tornado in ihren Zimmern unter dem Dach erlebt haben. "Meine Tochter hatte an ihrem ersten Tag in der Schule einen Nervenzusammenbruch", erzählt Marlen Haas. "Und der Große hat ständig Kopfweh und Bauchschmerzen." Sie berichtet auch von einem Nachbarsmädchen, das seit Tagen in stationärer Behandlung ist, "weil sie es nervlich nicht packt".

Der Sachschaden

40 bis 60 Millionen Euro Sachschaden, das ist bislang die offizielle Bilanz. Auch hinter diesen Zahlen verbergen sich heftige Schicksale. Mit am schlimmsten hat es Marlen und Stefan Haas erwischt. Das Foto seines zerstörten Stalles ging am Tag nach dem Tornado durch die Republik. Seine 84 Bullen haben überlebt, er hat sie teilweise verkauft und teilweise im Nachbardorf untergebracht. Die Reste des Stalls sind bereits weggeräumt.

Jetzt wartet eine planierte Grube auf den Wiederaufbau. "500 000 Euro sind weg", sagt Haas. "Das Vieh und die Maschinen waren versichert, aber das Gebäude nicht." In seinem Wohnhaus hat es den Dachstuhl aufgerissen und um mehrere Zentimeter verschoben. "Eigentlich muss er weg, aber das kann ich mir nicht leisten", sagt der 38-jährige Vater dreier Kinder. "Wie es weitergeht, weiß ich nicht." Dabei zuckt seine linke Wange.

Wenn man sich im eigenen Haus nicht mehr sicher fühlt

Die freiwilligen Helfer

Die Zettel hängen auf zerstörten Scheiben von Schaukästen oder auf einem Stromkasten. "Statt Gaffen Spenden!!" Man sieht jedem Buchstaben an, welch große Wut im Schreiber kochte. Schon am Tag nach dem Tornado kamen viele Menschen nach Affing. Einige nur zum Schauen und Fotografieren. Die meisten allerdings zum Helfen.

"Das war wirklich gigantisch", sagt Manfred Haas, der Cousin und Nachbar von Marlen und Stefan Haas. Teilweise wildfremde Menschen aus anderen Orten packten bei ihm mit an, um den Schutt wegzuräumen. "Leider kenne ich die Namen nicht, aber ich möchte mich ganz herzlich bedanken", sagt Manfred Haas.

Noch heute rufen Leute bei ihm an und bieten Hilfe an. "Diese positive Erfahrung hilft den Menschen bei der Verarbeitung des Geschehens unheimlich", sagt Edgar Krumpen von der Psychosozialen Notfallversorgung. Auch der Fußball-Bundesligist FC Augsburg unterstützt die Betroffenen. Torhüter Marwin Hitz versteigert sein Trikot, in dem er gegen Leverkusen in letzter Sekunde sein Tor des Monats erzielte. Die Auktion läuft bis Mittwoch, das Höchstgebot lag am Dienstagnachmittag bei 1009,07 Euro. Angebote nimmt der FCA unter der Mailadresse aktionen@fcaugsburg.de entgegen.

Vor dem Sturm stand hier ein Stall, danach türmte sich Schutt auf. Heute ist alles aufgeräumt, was die Zukunft bringt, weiß Manfred Haas nicht.

(Foto: Stefan Mayr)

Die Härtefälle

Nur einer von vielen Härtefällen ist Michael Lichtenstern, der Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Affing. Er arbeitete nach dem Unwetter drei Tage und Nächte quasi durch. Was er dabei vergessen hat: sein eigenes Haus. Es regnete hinein, jetzt muss der Boden rausgerissen werden.

Die Zukunft

Es ist eine traumatische Erfahrung, die zumindest Opfer von Wohnungseinbrüchen ansatzweise nachvollziehen können: Wenn man in den eigenen Wänden keinen Schutz mehr findet und sogar um sein Leben fürchten muss, wo kann man sich dann überhaupt noch sicher fühlen? Mit 250 Kilometern pro Stunde schlug die Naturgewalt zu, nach Angaben von Betroffenen war nach acht Sekunden alles vorbei. "Ob ein Trauma bleibt oder nicht, kann man bei jedem Einzelnen frühestens in eineinhalb Monaten beurteilen", sagt Krumpen von der Psychosozialen Notfallversorgung.

Marlen Haas erzählt, wie vor Kurzem die Lampe ihrer Dunstabzugshaube geflackert hat. "Sofort hatte ich wieder die Bilder und die Blitze vor Augen", sagt sie und schüttelt den Kopf. Ob ihre und all die anderen Kinder jemals wieder bei stärkerem Wind unter dem Dach schlafen werden? Das weiß niemand. "Es gibt gute und schlechte Phasen", sagt Vincenzo Sarcone über seinen Sohn Elia. Die Eltern sind mit ihm zu einem Psychologen nach Augsburg gefahren, um mit ihm über die Windhose zu sprechen. Bis vor zwei Wochen kannte der Bub das Wort Tornado gar nicht. Neulich hat er seinen Papa gefragt: "Kommt der Tornado wieder?"

© SZ vom 27.05.2015/vewo
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