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Tornado über Schwaben:Acht Sekunden Hölle

Unwetter in Nordschwaben

Diese Luftaufnahme vom 14.05.2015 zeigt die Unwetterschäden in der Gemeinde Affing.

(Foto: dpa)
  • Am Tag zwei nach dem Tornado sind in Schwaben die Aufräumarbeiten in vollem Gange.
  • Hunderte Freiwillige helfen den Betroffenen in den Landkreisen Aichach-Friedberg und Augsburg.
  • Aber auch Schaulustige kommen in die Orte und schießen Fotos, um sie ins Internet zu stellen.

Am Tag zwei nach dem Tornado ist die freiwillige Hilfe generalstabsmäßig aufgezogen. Vor der Einfahrt zum Affinger Ortsteil Gebenhofen, auf einer Wiese beim Sportplatz, parken Hunderte Autos. Die Menschen steigen aus und werden mit einem weißen Shuttle-Bus der Freiwilligen Feuerwehr Mühlhausen in den Ortskern gebracht. Dorthin, wo der Tornado in der Nacht zum Donnerstag am schlimmsten wütete. Unterwegs gibt der Fahrer erste Tipps. "Geht einfach rum und sucht euch jemand, dem ihr helfen könnt." Die Passagiere, zwei Männer und eine Frau, machen besorgte und fassungslose Gesichter angesichts des Ausmaßes der Zerstörung. "Und passts auf euch auf", ruft der Fahrer, "ihr seid nur selbst versichert!" Die Versicherung der Hauseigentümer übernehme nichts.

Vor dem Gebenhofener Feuerwehrhaus steht ein rotes Zelt. Der Infopoint. Bis dahin schafft es der Shuttle-Bus gar nicht. "Zu viel Halli-Galli", sagt der Fahrer. Er lässt seine Passagiere eine Kreuzung früher aussteigen.

Auf dem Gehweg liegen verbogene und zerrissene Photovoltaik-Paneele herum. Auf dem Zigarettenautomat klebt ein Zettel: "OBI hat heute ab 6 Uhr geöffnet." In jeder Einfahrt steht ein Container oder gar ein Kipper. Wer Glück hat, der hat auch einen Bagger, der den Schutt wegschaufelt. Wer Pech hat, der muss die Trümmer mit der Hand in die Container werfen. "Die Halle war erst ein Jahr alt", sagt Manfred Haas, einer der betroffenen Hauseigentümer. "Jetzt muss ich sie abreißen." Versichert sei sie nur gegen Feuer und Wasser gewesen. "Ich habe mir gedacht, wenn ein Sturm ein paar Dachziegel runterreißt, dann mach ich die halt wieder hin. Wer denkt denn schon, dass gleich der ganze Bau einstürzt." 100 000 Euro Material habe er wohl investiert, die kann er jetzt abschreiben.

"Die wenigsten hier am Ort sind gegen Sturm versichert"

In der Garage sitzt sein Vater Andreas Haas, 72. Gebückt mit den Unterarmen auf den Knien. Als müsste er sich immer noch vor den herumfliegenden Dachziegeln schützen. Er blickt dem Aufräum-Geschehen mit offenem Mund zu: "Die wenigsten hier am Ort sind gegen Sturm versichert, so was hat es doch seit Menschengedenken nicht gegeben." Dann reißt er die Augen auf und ruft: "Acht Sekunden hat der ganze Spuk gedauert, acht Sekunden." Danach sei er sofort rausgegangen. "Dann habe ich den Verhau gesehen. Was sollsch da no denken?", fragt er. Und gibt keine Antwort.

Seit Donnerstag 19 Uhr haben sie wieder Strom. Das Dach ist mit Planen und Holzlatten bedeckt. Es wurde am Donnerstag gerade noch rechtzeitig wasserdicht gemacht, bevor der Starkregen einsetzte. "Es regnet aber schon rein", sagt Mutter Sofie Haas, "wir haben da jetzt Eimer und Bottiche hingestellt." Sie steht da mit roten Augen. "Zwei Tage lang habe ich nicht geschlafen", sagt sie. Zwischen den zahlreichen Helfern laufen Hühner umher. "Gestern haben hier 30 Leute mitgeholfen", erzählt Manfred Haas ,"Von denen hatte ich die Hälfte noch nie gesehen."

Schaulustige machen Fotos und stellen sie ins Internet

Aber es gibt auch ungebetene Gäste. Schaulustige etwa, die nichts anderes zu tun haben, als Fotos zu schießen und dann ins Internet zu stellen. Und es gibt die "Kriegsgewinnler", wie Manfred Haas sagt. Ein Vertreter einer Solarfirma läuft ein. Er versucht Manfred Haas zu überreden, eine Vollmacht zu unterschreiben. Zur Klärung der Angelegenheit mit der Versicherung. "Ja nix unterschrieben!", ruft Haas seiner Frau zu. Dann kommt ein anderer und will Schrott wegbringen. Aber nur das Eisen. "Holz wäre wichtiger", sagt ihm Haas und schickt ihn weiter. "Tja, Alteisen ist viel wert", sagt er augenzwinkernd. "Viele Helfer sind da, alle zum Wohle der Betroffenen."

Gebenhofen bietet skurrile Straßenszenen: Auf der einen Seite der Affinger Straße steht in einem Vorgarten eine zehn Meter hohe Fahnenstange. An ihr baumelt lustig eine rot-weiße FC Bayern-Flagge im Wind. Auf der anderen Straßenseite steht ein Gehöft. Vom gesamten Dachstuhl ist nur auf einer Seite der Giebel übrig geblieben. Der Rest liegt im Obstgarten. Zwischen den flachgelegten Bäumen und einem rot-weißen Teppich aus zertrümmerten Dachziegeln und Steinen. "Dieser Wind ist durch Affing gegangen wie eine Rasierklinge", sagt eine Helferin.

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