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Software-Tricksereien:Wie Speditionen bei den Lkw-Abgasen schummeln

Polnischer Polizist mit AdBlue-Emulator

Ein polnischer Polizist zeigt einen 'AdBlue"-Emulator, mit dem man die Abgaswerte von Lastwagen manipulieren kann.

(Foto: ZDF)
  • Einem Fernsehbericht zufolge lässt sich die Software von Lastwagen recht einfach manipulieren - und damit ihr Emissionsverhalten.
  • Viele Spediteure sparen sich so den Zusatzstoff 'AdBlue', der bei der Abgasnachbehandlung wichtig ist.
  • Bisher kommen Polizei und BAG dem Betrug nur schwer auf die Spur. Das soll sich nun ändern.

Abendnachrichten. Millionen Zuschauer zur besten Sendezeit. Was hier als Meldung läuft, ist meinungsbildend. Nach NPD-Verbotsverfahren und Brexit-News strahlt " ZDF heute " am 17. Januar eine Exklusivmeldung aus: Emissionsbetrug und Software-Manipulationen bei Diesellastwagen. "20 Prozent aller Lkw aus Osteuropa sind auffällig. Das heißt: bis zu 14 000 Tonnen mehr Stickoxide pro Jahr in Deutschland - das Doppelte des VW-Abgasskandals in den USA", verkündet das Zweite Deutsche Fernsehen. Die Nachrichtensprecherin verweist auf die ausführliche Dokumentation am selben Abend. Dann weitere Nachrichten, Wetter.

Durch verdeckte Recherchen in Rumänien und bei polizeilichen Kontrollen in Polen sei ein ZDF-Team einer offenbar weit verbreiteten, kriminellen Manipulation von Lkw auf die Spur gekommen, heißt es in einer Pressemeldung des Senders. "Mit Hilfe sogenannter Emulatoren sparen sich die Betreiber der Lkw den Zusatzstoff 'Ad Blue' und erzielen dadurch illegale Mehrgewinne, betrügen bei Mautzahlungen und emittieren vermehrt giftige Stickoxide." Etwa 1,6 Milliarden Kilometer würden die manipulierten Lkw jährlich auf deutschen Autobahnen herunterspulen.

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Ein Thema, das jedem stinkt. Nicht nur wegen der Abgase und des Maut-Betrugs, sondern auch aufgrund der Lkw-Kolonnen. Die Staubilder, die den ZDF-Beitrag begleiten, kann jeder auf der Autobahn erleben. Lastwagen aus Osteuropa machten bereits 2013 ein Viertel des Mautverkehrs aus. Tendenz steigend, das gilt besonders für bulgarische und rumänische Laster. Mit zweistelligen Wachstumsraten bei der Kilometerleistung setzen sie deutsche Transporteure unter Druck. Einerseits. Andererseits gehörten 70 Prozent der rumänischen Lkw im internationalen Transport zu westeuropäischen Firmen, meldet die Zeitschrift Fernfahrer. Sie beruft sich auf Marilena Matei vom rumänischen Branchenblatt Tranzit.

Unter den Top-50-Flotten mit mehr als 150 Lkw in Rumänien seien allein 23 Niederlassungen von westeuropäischen Firmen, wird Matei zitiert. Die großen Speditionen hätten meist einen relativ modernen Fuhrpark mit abgasarmen Lkw - gerade weil sie häufig in Deutschland fahren. Darunter viele Brummis nach dem neuesten Reinheitsstandard Euro 6, die Maut sparen - auch wenn sie die Abgasreinigung nur vortäuschen. "Manipulierte Lkw zahlen pro Kilometer sechs Cent weniger Maut, als sie müssten. Das bedeutet: rund 110 Millionen Euro Mautbetrug pro Jahr", rechnet das ZDF vor. Kritiker halten die Zahl der vermuteten Betrugsfälle für übertrieben. Offizielle Zahlen gibt es nicht.

In Osteuropa ist AdBlue Mangelware

Sind moderne Diesel-Lkw also Saubermänner - oder Serienbetrüger, weil sich die Abgasreinigung relativ einfach ausknipsen lässt? Nötig wird so ein Eingriff, wenn Euro-6-Brummis außerhalb der EU fahren sollen. In der Ukraine, Moldawien oder Russland kann man sich nicht auf eine sichere Versorgung mit dem Additiv für die Abgaswäsche verlassen. Hierzulande verkauft fast jede Tankstelle die klare Flüssigkeit unter dem Namen Ad Blue. Ohne den wässrigen Harnstoff funktioniert der SCR-Katalysator nicht. Dann sind Euro-6-Laster bei Stickstoffoxiden nicht mehr 80 Prozent besser als Euro-5-Modelle, sondern um ein Vielfaches schlechter. Denn die neuen Motoren werden nicht vornehmlich auf geringe Rohemissionen, sondern auf niedrigen Kraftstoffverbrauch optimiert. Ohne funktionierende Abgasreinigung sind sie Dreckschleudern.

"Trucks you can trust" - mit diesem Versprechen wirbt Mercedes für seine Laster. Hans-Otto Hermann, Leiter der Antriebsentwicklung der Daimler-Nutzfahrzeuge, legte vor einem Jahr im SZ-Gespräch Wert darauf, dass die Bordelektronik der Euro-6-Trucks einbruchssicher sei. "Sollte ein Fehler identifiziert werden, dann wird dieser im Steuergerät und im Instrument angezeigt und führt zu unterschiedlichen Eskalationsmaßnahmen." Beispielsweise werde die Motorleistung reduziert bis hin zu einer Herabsetzung des Fahrzeugtempos auf 20 Stundenkilometer. Auf Nachfragen muss aber auch der Marktführer zugeben, dass sich Manipulationen "nicht in Gänze ausschließen" lassen.