Retro-E-Bike Ruffian Die Harley für Radler

Das Design des Ruffian orientiert sich an Motorrädern der Dreißigerjahre.

(Foto: Ruff Cycles)

Das Ruffian sieht aus wie ein Motorrad und ist auch genauso unpraktisch. Es ist schwer, unhandlich und passt in keinen Fahrradständer. Trotzdem macht das Fahren so viel Spaß wie mit keinem anderen Rad.

Von Felix Reek

Bereits nach 200 Metern brüllt der Erste. Ein Kastenwagen fährt vorbei, drosselt das Tempo, das Fenster auf der Beifahrerseite öffnet sich. Ein Kopf schiebt sich heraus. "Ist das ein Ruffian?", ruft er. "Ja!", die heisere Antwort. Der Arm des Mannes schiebt sich auch heraus, der Daumen geht nach oben. Weitere 400 Meter das gleiche Spiel. Ein älterer Herr in voller Radmontur hält nebenan auf dem Radweg. "Wos issen des?", fragt er in breitem Bairisch. "Wie bitte?" "Wos issen des? A Radl oder a Motorradl?" "Ein Pedelec. Ein Fahrrad mit Elektromotor." "Aha. Na dann: Guade Fahrt!" Wer mit einem Ruffian, so der Name des Gefährts, unterwegs ist, sollte nicht kommunikationsscheu sein. Denn das Pedelec ist nicht wie jedes andere Fahrrad. Es fällt auf. Und zwar jederzeit und an jedem Ort.

Das liegt vor allem an seiner ungewöhnlichen Optik. Das Ruffian orientiert sich nicht an den üblichen Fahrraddesigns, sondern an Motorrädern aus den 1930er-Jahren. Indian, Harley-Davidson, all jene Maschinen, die zu großen amerikanischen Klassikern wurden. Überdimensionierte Weißwandreifen, ein breiter Ledersattel, ein großer runder Scheinwerfer und ein Benzintank in der Form eines Torpedos, in dem beim Ruffian die Batterien verborgen sind.

Die Experten glaubten nicht an den Erfolg

Hergestellt wird das Rad von Ruff Cycles aus Regensburg. Vor 14 Jahren begann das kleine Unternehmen mit der Fertigung von Custom-Rahmen, einem Trend, der aus der Motorradszene stammt. Das Bike soll so individuell wie möglich sein. Teile und Rahmen von der Stange sind verpönt. 2012 kam Pero Desnica, der Chef des Unternehmens, darauf, auch ein Fahrrad mit Elektromotor zu entwickeln. An den Erfolg glaubten die wenigsten Experten. "Ihr könnt froh sein, wenn ihr davon 100 Stück verkauft", prognostizierten sie. Auf den den Markt ist das Ruffian seit 2016 - ,ittlerweile hat das Unternehmen weltweit fast 1000 Exemplare verkauft - bei einem Preis von 5500 Euro pro Stück.

Der Erfolg lässt sich vor allem durch das ungewöhnliche Design erklären, da das Ruffian nicht nur explizit Radler anspricht. Viele Harley-Fahrer sind unter den Kunden, genauso wie die Besitzer von Oldtimern. Menschen eben, die klassische Fahrzeuge lieben. Die Hardcore-Biker kommen trotzdem nicht zu kurz. Penibel wurde darauf geachtet, dass die verwendeten Materialien stimmen. Denn: "Die Fahrradprofis gehen als Erstes hin und schauen sich die Schweißnähte an", erklärt Mark Ngauvv grinsend. Er ist zuständig für das Marketing bei Ruff Cycles. Deswegen produzieren sie nicht in Asien, sondern im Maschinenbauwerk der Familie von Firmenchef Pero Desnica in Bosnien-Herzegowina. Zu den Kunden dort gehören unter anderem auch Siemens und BMW. Auch beim Motor wurde darauf geachtet, ein besonders leistungsstarkes Modell von Bosch in das Design zu integrieren. Das braucht das Retro-Bike auch, denn all die geschwungenen Formen aus Aluminium sorgen für enormes Gewicht. 33 Kilogramm wiegt das Fahrrad.

Schwer, großer Wendekreis, macht trotzdem Spaß

Beim Fahren ist das dem Ruffian aber kaum anzumerken. Bereits in der niedrigsten Stufe "Eco" schiebt der Bosch-Motor so überzeugend an, dass es sich mühelos treten lässt. Hier ist auch die Reichweite am höchsten. Bis zu 110 Kilometer in unserem Test. Je stärker die elektrische Unterstützung, desto schneller schmelzen allerdings die Restkilometer auf dem Display. Mit "Turbo" etwa ist keine längere Radtour zu bewältigen. Dummerweise macht dieser Fahrtmodus am meisten Spaß. Hier schiebt das Retro-Bike besonders rabiat aus dem Stand an.

Dafür wurde das Ruffian aber nicht entworfen. Es ist ein entspannter Cruiser, der eine kurze Eingewöhnungszeit erfordert. Wer zum Beispiel den aufrechten Sitz auf einem normalen Fahrrad gewohnt ist, wird von der gleichzeitig zurückgelehnten als auch nach vorne gebeugten Haltung auf dem Ruffian überrascht sein. Der Fahrer sieht dabei nämlich ungefähr so aus, als wolle er mit Armen und Beinen gleichzeitig einen weit entfernten Baum umarmen. Weder der Lenker noch der Sattel sind höhenverstellbar. Das höchste der Gefühle: Der Sitz lässt sich auf einer Leiste vor- oder zurückschieben. Und natürlich besitzt das Ruffian auch all die Nachteile eines klassischen Motorrads. Einen vollkommen unpraktikablen Wendekreis, der eher aus vor- und zurückschieben besteht. Viel zu breite Reifen, um es in einem Fahrradständer abzustellen. Ein zu hohes Gewicht, um es geschützt in den Keller zu tragen. Ausladende Dimensionen, so dass es in kein Auto passt, das kleiner ist als ein VW-Bus.

Aber wer erst mal auf dem Ruffian Platz genommen hat, dem dürfte das gerade egal sein. Ins Schwitzen gerät der Fahrer dank elektrischer Unterstützung selbst auf längeren Strecken nicht. Zwar ist das Treten im Sitzen mit dem Tank zwischen den Knien gewöhnungsbedürftig, aber dafür fährt es sich mit einem ganz anderen Selbstverständnis durch die Stadt. So müssen sich wohl Biker auf ihren schweren Maschinen fühlen, denen Gewicht und Beschleunigung ihres Gefährts gleich sind. Es ist ein Fahren um des reinen Fahren willens. Ohne Hast, ohne Eile, ohne Stress. Eine zeitgemäße Variante des Motorradfahrens, minus Abgase und das Dröhnen eines Motors. Das nächste geplante Projekt von Ruff Cycles ist deswegen auch keine große Überraschung: ein elektrisches Motorrad. Das Ziel: "Wir wollen die Harley-Davidson der E-Mobilität werden", so Mark Ngauv selbstbewusst. Wenn das so aussieht wie das Ruffian, könnte das tatsächlich gelingen.

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