S-Pedelecs im Test Wenn der Radweg zum Sehnsuchtsort wird

Das bis zu 45 Stundenkilometer schnelle ST5 der Schweizer Firma Stromer.

(Foto: Daniel Hofer)

Schnelle E-Bikes schaffen bis zu 45 Stundenkilometer. Für Pendler kann so ein Rad großartig sein. Doch wer damit in einer Großstadt fahren möchte, stellt mitunter fest: Es ist schwierig, sich legal zu verhalten.

Von Hans von der Hagen

Der Hupton ist laut. Der Fahrer eines Mercedes GLE Coupé will, dass das E-Bike vor ihm von der Straße weicht. Alternativ könnte er einfach daran vorbeifahren, doch lieber will er mir klar machen, dass ich auf den Radweg gehöre. Weil ich nicht wie gewünscht reagiere, fährt der Mercedesfahrer dicht auf. So dicht, dass ich mühelos meinen Sitz direkt vom Sattel auf die Motorhaube des Fahrzeugs verlegen könnte, dessen Form einer Panzerschildkröte gleicht.

Nun ist es so, dass ich keineswegs aus Trotz so reagiere, sondern mir keine Wahl bleibt, als auf der Straße zu fahren. Das weiß der Mercedesfahrer vermutlich nicht, zumal es ihm schwer fallen dürfte, angesichts der großen Nähe noch das über den Niederungen des Asphalts schwebende Nummernschild am Schutzblech des Rades zu erkennen.

Das Schild würde ihm deutlich machen, dass das Rad ein sogenanntes S-Pedelec ist, ein schnelles E-Bike, das kraft seines Elektromotors bis zu 45 Stundenkilometer schnell fahren kann. Und wenn etwas ein Nummernschild oder besser: Versicherungskennzeichen trägt, ist es eben kein normales Fahrrad mehr, sondern muss als Kleinkraftrad auf die Straße - selbst wenn es wie ein ganz normales Fahrrad aussieht.

Genau wie der Mercedes transportiert das Fahrrad übrigens in diesem Moment eine Person, wiegt aber nur 28 Kilogramm (Mercedes GLE Coupé: um die 2300 Kilogramm), ist inklusive Rückspiegel 70 Zentimeter breit (Mercedes: 2,12 Meter). Entsprechend gering ist der Energiebedarf des Rades - das Laden des Akkus kostet nur wenige Cent, zudem produziert es im Betrieb keine Schadstoffe. Ein schnelles E-Bike scheint also im Vergleich zum Auto ein gutes Gefährt zu sein, um den Weg zur Arbeit zu bewältigen. So weit, so persönlich.

Akkukapazität ist wichtig

Zwei Räder wurden getestet: Das ST5 der Firma Stromer, das für erstaunliche 9500 Euro angeboten wird, sowie ein X-Speed von Klever, das 4900 Euro kostet - also knapp halb so viel Geld. Stromer sitzt in der Schweiz, Klever ist die Tochter von Kymco, eines taiwanesischen Herstellers von Motorrädern und -rollern.

Das Klever X-Speed hat ein orignelles Design.

(Foto: André Silva/Klever Mobility)

Was macht Räder dieser Art so teuer? Vor allem sind es Motor und Akku, die den Preis in Höhen treiben, in denen man auch schon eine gut ausgerüstete Vespa bekommt. Beide Hersteller verwenden Antriebe, die in der Hinterrad-Nabe sitzen. Das ist erwähnenswert, weil die Branche mittlerweile eher den Motor in der Mitte favorisiert. Begründet wird das etwa mit der günstigeren Gewichtsverteilung und besserer Kraftübertragung, vor allem, wenn es mal bergauf geht. Auf grader Strecke aber soll der Heckmotor mehr Kraft haben und zudem die Kette weniger verschleißen. Das mag man nach den ersten Fahrten auch gerne glauben: Die Motoren sind sehr agil, beschleunigen nach einem Stop zügig und arbeiten - anders als die Mittelmotoren - lautlos. Beide Hersteller betonen, dass die Motoren Eigenentwicklungen sind, produziert werden sie von TDCM in Taiwan.

Formell ist die Leistung des ST5-Motors mit 850 Watt höher als beim Klever-Bike (600 Watt), doch zumindest beim Fahren über flaches Land ist der Unterschied kaum zu bemerken. Beide Räder erreichen die Höchstgeschwindigkeit von 45 Stundenkilometer zügig, der Klever-Motor ruckelt beim Anfahren nur manchmal etwas.

Spürbarer werden die Unterschiede zwischen beiden Rädern zuallererst bei der Kapazität des Akkus. Beim Klever-Testbike liegt diese bei eher durchschnittlichen 570 Wattstunden, beim ST5 sind es hingegen fast 1000 Wattstunden. Auf der fast ebenen Teststrecke von etwa 38 Kilometern hielt das Klever in der höchsten Unterstützungsstufe nicht ganz durch, während das ST5 noch reichlich Kapazität hatte. Der Hersteller gibt die Reichweite beim X-Speed mit 30 bis 60 Kilometern an. Optional gibt es einen größeren Akku, der 45 bis 90 Kilometer schafft. Der Stromer-Akku soll den Angaben zufolge 60 bis 180 Kilometer schaffen. Die Testfahrten zeigen: Wer zügig unterwegs ist, sollte sich bei solchen Zahlen am unteren Ende orientieren, zumal die Akkus mit zunehmender Lebensdauer an Kapazität verlieren. Wer die Akkus mal ersetzen will, zahlt übrigens nach dem Kauf des Fahrrades ein weiteres Mal viel Geld: Der größere Klever-Akku kostet 1250 Euro, der Stromer-Akku knapp 2000 Euro.

Optisch sind S-Pedelecs gewöhnungsbedürftig, weil der mächtige Akku irgendwo untergebracht werden muss und Details wie der vorgeschriebene Rückspiegel die Räder nicht eleganter machen. Stromer versucht, dem mit einem sehr aufgeräumten Design entgegenzuwirken, Klever hingegen mit einem eher originellen Entwurf.

Das ST5 hat eine eindrucksvolle Physiognomie bekommen. Alles wirkt wie aus einem Guss, Kabel sind weitgehend im Rahmen versteckt worden, genauso die putzige Hupe, die S-Pedelecs statt einer Klingel haben. Die Schaltung funktioniert elektronisch und auch die Lampen leuchten teuer aussehend vor sich hin. Der Scheinwerfer, natürlich auch in den Lenker integriert, passt sich sogar automatisch den Helligkeitsverhältnissen an. Das ist vor allem bei stark wechselnden Lichtverhältnissen - etwa bei Fahrten durch teils bewaldete Gebiete an Abenden - unerwartet praktisch. Ein herkömmmliches Schloss gibt es am ST5 nicht - Rad und Akkufach können am Display oder via Handy entsperrt werden.

Städte können Radwege für S-Pedelecs öffnen

Das Design des X-Speed hingegen erinnert an eine Kreuzung von Damen- und Herrenrad: Ober- und Unterrohr laufen parallel abwärts, dazwischen ist der Akku platziert. Die Ausstattung ist beim Klever einfacher gehalten, angefangen beim Licht bis hin zum Display. Doch man vermisst eigentlich nichts. Im Gegenteil: Das Display sitzt direkt am Lenker und ist daher auch während der Fahrt gut lesbar - beim Stromer ist das schwieriger, da das Display im Oberrohr untergebracht ist. Erfreulich ist zudem, dass das Klever eine Federgabel hat, zur der man sich spätestens nach der ersten Schlaglochdurchquerung beglückwünscht. Beim Stromer gibt es die nur optional - sie kostet dann noch einmal 990 Euro.

Doch diese Fragen treten in den Hintergrund, wenn man mit Bikes wie diesen in einer Großstadt unmittelbar vor einem Mercedes GLE Coupé unterwegs ist und sich zu allererst fragt, wo man denn mit dem Rad alternativ und legal fahren könnte. Auf wenig befahrenen Straßen ist das kein Problem, auf mehrspurig dicht befahrenen Routen schon. 45 Stundenkilometer sind zwar schnell, aber für den fließenden Verkehr eben doch zu wenig. Das Rad wird zum Hindernis, um dass die Autos mäandern müssen. In solchen Situationen weichen S-Pedelec-Fahrer gerne mal auf Radwege aus, lassen womöglich sogar noch Nummernschilder und Rückspiegel verschwinden. Doch es drohen nicht nur ein Verwarnungs- oder Bußgeld, sondern im Falle eines Unfalls auch Probleme mit der Versicherung.

Dürften diese Räder wie zum Beispiel in der Schweiz regulär auf dem Fahrradweg fahren, geschwindigkeitsbegrenzt natürlich, könnten ST5, X-Speed und all die anderen S-Pedelecs den Weg zur Arbeit zum Vergnügen machen und zugleich den Straßenverkehr entlasten.

Immerhin: Vielleicht ändert sich mancherorts etwas an dieser Situation. Nach Auskunft des Verkehrsministeriums haben örtlich zuständige Straßenverkehrsbehörden durchaus die Möglichkeit, "Radwege auch für Kleinkrafträder im Einzelfall mittels Zusatzzeichen zu öffnen". Die Schilder sind freilich bislang derart selten zu sehen, dass sie kaum jemand kennt. Womöglich auch die Behörden in den Städten nicht.

Hinweis: Die in einer früheren Fassung des Texts abgebildeten Verkehrszeichen zur Freigabe von Radwegen für bestimmte E-Bike-Varianten beziehen sich nicht auf S-Pedelecs. Darum wurden sie aus dem Artikel wieder herausgenommen.

Die Test-E-Bikes wurde vom Hersteller zur Verfügung gestellt.

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