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Radfahren in Warschau:Gottgegebene Vorfahrt

May 11 2018 Warsaw Poland A cyclist is seen during rush hour traffic on Jerusalem Avenue in Wa

Fahrradwege enden in Warschau oft mitten im Autoverkehr.

(Foto: imago/ZUMA Press)

In der polnischen Hauptstadt hatten Autofahrer lange Zeit kategorisch Vorrang vor Radlern. Das zeigt sich auch noch heute im Verkehr. Die Geschwindigkeitsbegrenzung beachten sie höchstens bei der Führerscheinprüfung.

Von Florian Hassel

Es war am letzten Tag seines Sommerurlaubs, als Warschaus Vize-Bürgermeister Michał Olszewski sich davon überzeugte, dass Fahrradfahren in Polen nicht ungefährlich ist. Olszewski wurde Mitte August von einem unachtsamen Autofahrer umgemäht und mit einer Wirbelsäulenverletzung für mehrere Wochen in den Krankenstand geschickt.

Gewiss, Fahrradfahren ist auch in Polen im Aufwind - vor allem als Freizeitsport. Doch wer das Zweirad als tägliches Fortbewegungsmittel nutzt, braucht in vielen polnischen Städten starke Nerven. Das gilt auch in der Hauptstadt Warschau, einem Spitzenreiter der Fahrradbewegung in Polen. Zwar rühmt sich Warschau, 544 Kilometer Fahrradwege zu besitzen und erweitert sein Netz stetig, meist finanziert mit Fördermillionen der EU. Die Fahrradnutzung steigt jährlich um ein Fünftel, zog Lukasz Puchalski, Leiter des Warschauer Straßenamtes, im Mai Bilanz. Doch die Statistik ist nur die halbe Wahrheit in der Flächenstadt, die über Jahrzehnte vor allem auf Autoverkehr ausgelegt wurde.

Immer noch fehlen Fahrradwege. Und wo es sie gibt, folgen sie mitunter abenteuerlichen Verläufen. Auf der Puławska-Straße zum Beispiel, einer kilometerlangen Nord-Süd-Achse der polnischen Hauptstadt, ist der Fahrradweg mal auf der rechten, mal auf der linken Straßenseite, manchmal endet er mitten auf einem Bürgersteig oder führt zurück auf die dreispurige Autostraße. Will der Fahrradfahrer weiter ins Zentrum, muss er sich auf der Puławska inmitten des Autoinfernos über teils riesige Kreuzungen von amerikanischem Format schlängeln.

Gibt es Radwege - oder notgedrungen als solche genutzte Bürgersteige - sind sie oft zugeparkt. Erstaunt stellte eine Zürcher Beamtin kürzlich fest, in Warschau würden Autofahrer immer noch "wie die Könige behandelt" und dürften parken, wo sie wollen. In Zürich kassiere ein auf Radweg oder Bürgersteig parkender Autofahrer alle paar Stunden einen neuen Strafzettel und könne innerhalb nur eines Tages Strafen von 500 Schweizer Franken einsammeln. In Warschau kostet Falschparken, wenn sich überhaupt einmal ein Polizist dafür interessiert, nur 50 Złoty, umgerechnet etwa zwölf Euro.

Wer sich als Radfahrer auf die Straße wagt, braucht Mut

Auch die Verkehrsregeln waren früher wenig fahrradfreundlich: Autos hatten beim Abbiegen prinzipiell Vorfahrt und mussten entgegen internationalen Gepflogenheiten auch nicht auf Fahrradfahrer achten. Die genossen zudem nicht einmal einen anderswo üblichen Vorteil des Zweirades: Alkoholgenuss am Fahrradlenker wurde mitunter als Straftat und damit genauso hart bestraft wie am Autosteuer. 2011 und 2013 wurden die entsprechenden Gesetze geändert, doch viele Warschauer Autofahrer fahren weiter nach dem Prinzip quasi gottgegebener Vorfahrt.

Wer sich als Fahrradfahrer auf die Straße wagt, braucht auch deshalb Mut, weil etliche Warschauer Autofahrer die Geschwindigkeitsbeschränkung "50" höchstens bei der Führerscheinprüfung beachten und ansonsten dem Ideal "städtischer Rennsport" folgen. Das bleibt für sie meist folgenlos, weil es in Warschau kaum Überwachungskameras oder Polizeistreifen gibt, die Raser abgreifen und empfindlich abstrafen. Tödliche Unfälle sind nicht selten: Zuletzt starb am 23. Juli der Jazzschlagzeuger Grzegorz Grzyb, als er auf der stark befahrenen Modlińska-Straße im Osten Warschaus die Spur wechseln wollte und von einem jungen BMW-Fahrer angefahren wurde.

Trotz aller Mängel hat sich Warschau bereits geändert. Einen großen Anteil daran haben die Leihfahrräder von Veturilo, einer Tochter der deutschen Firma Nextbike. Die Veturilo-Fahrräder sorgen inzwischen angeblich für jede achte Fahrradfahrt in Warschau. Das Unternehmen arbeitet mit der Warschauer Stadtverwaltung zusammen und bietet an 368 über Warschau verteilten Stationen gut 5300 Fahrräder an, zu umgerechnet ab 2,50 Euro pro Nutzung. "Ich bin kein großer Anhänger öffentlicher Fahrräder, aber ich gebe zu, dass Veturilo Warschau sehr verändert hat", sagte Marcin Hyla von der Bürgergruppe "Die Stadt den Fahrrädern" der Gazeta Wyborcza. "Es hat Veturilo gebraucht, damit die Hauptstadt, die Geld, Kompetenz und Ambitionen hat, vom Fleck kam: Das städtische Fahrrad wurde zum ernsthaften Argument für den Bau der entsprechenden Infrastruktur."

Die lässt allerdings trotz des Ausbaus von Radwegen stark zu wünschen übrig - auch wegen der fehlenden Kombinationsmöglichkeit aus Fahrradfahren und öffentlichem Nahverkehr. Der wurde in Warschau, erst recht aber in seiner Umgebung, jahrzehntelang vernachlässigt. Selbst in Warschau gibt es erst seit einigen Jahren eine U-Bahn. Die aber besteht bisher aus nur zwei Linien, das Mitnehmen eines Fahrrades ist auch wegen der nicht dafür ausgelegten Infrastruktur ein Hindernisrennen, das kaum ein Radler eingeht.

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