bedeckt München 23°
vgwortpixel

Familien-Elektroauto im Test:Für den Alltag reicht es

Der Preis für den Nissan e-NV200 Evalia beginnt bei 36.500 Euro - in der Einstiegsversion. Denn schon die Klappsitze für die dritte Reihe kosten 670 Euro extra.

(Foto: Nissan)

Der Nissan e-NV200 Evalia ist mit sieben Sitzen auch für Großfamilien geeignet. Im Eco-Modus fühlt es sich aber an, als hätte jemand Klebstoff in den nicht vorhandenen Tank gekippt.

Den Weg von der Arbeit nach Hause wissen wir natürlich auswendig, trotzdem geben wir ins Navi nach der Übernahme des Testwagens als erstes die eigene Adresse ein. Nur zum Spaß. Und was sagt das Navi des Nissan e-NV200 Evalia? "Adresse unbekannt." Echt jetzt? Unser Haus steht seit mehr als zehn Jahren an Ort und Stelle.

Das geht ja gut los. Wie soll man sich bei der Suche nach einer Ladesäule auf das Navi verlassen können, wenn es schon das eigene Zuhause nicht findet? Der Test lehrt: gar nicht, denn auch in Sachen Ladestationen hinkt die Software der Realität hinterher und zeigt zudem nur Säulen des Ladeverbundes "Plugsurfing" an. Der Test lehrt aber auch: Das ist nicht so schlimm, zumindest nicht für Autofahrer wie uns auf unseren alltäglichen Fahrten.

Eine Großfamilie fährt elektrisch - kann das funktionieren? Das wollten wir herausfinden in zwei ganz normalen Vor-Corona-Wochen, mit Großeinkauf und Sonntagsausflug, Fußballturnier und dem Überraschungsanruf von der Schule: Ihr Sohn hat Fieber, bitte abholen! Kein Problem, das Auto ist aufgeladen.

Wir sind eine Patchworkfamilie mit vier Kindern zwischen drei und 13 Jahren, und wegen der damit einhergehenden Logistik leisten wir uns zwei Autos: einen Kleinwagen für Elterntaxidienste und einen Siebensitzer für Urlaube, Ausflüge und den Einkauf beim Getränkemarkt. 80 Prozent unserer Strecken legen wir im 50-Kilometer-Bereich zurück, ein Fahrverhalten, wie gemacht für die Anschaffung eines Steckdosenautos. Oder?

Kaum Auswahl für Großfamilien

Der Markt für Großfamilienkutschen mit reinem Elektroantrieb ist winzig. Es gibt nur zwei Modelle mit der Option auf sieben Sitze: den Tesla Model X, der mit einem Mindestpreis von fast 93 000 Euro und 3700 Euro Aufpreis für die Siebensitzer-Variante viele Familienbudgets sprengen dürfte, und "unseren" Nissan E-NV 200 Evalia. Der Kastenwagen ist mit 36 500 Euro Basispreis deutlich günstiger, die seitlich wegklappbaren Sitze in der dritten Reihe kosten zusätzlich 670 Euro. Dort können selbst Teenager bequem sitzen, ohne mit den Knien an die Nase zu stoßen.

Auch sonst erfüllt der Testwagen, von der Dreijährigen liebevoll "Der Blaue" getauft, die Anforderungen an ein Familienauto. Auf die mittlere Bank passen ein Kindersitz und zwei Sitzerhöhungen. Praktisch sind die Schiebetüren auf beiden Seiten, Manko: Es gibt keine Kindersicherung, man muss sie stets aufs Neue per Schalter verriegeln. Der Kofferraum ist mit 870 Litern Volumen auf dem Papier groß, der Kinderwagen aber passt nur bei umgeklapptem Sitz rein. Sechs Paar Ski haben wir wider Erwarten untergebracht: einfach unter der Rückbank durchschieben. Die Innenausstattung des E-Evalia ist übrigens nicht allzu hochwertig, was manchem missfallen mag, bei Eltern angesichts der Schmutzgefahr durch Unterwegs-Butterbrezen oder ungeputzte Stollenschuhe aber den Puls schön niedrig hält.

Auf dem Fahrersitz thront es sich wie in einem VW-Bus, super Übersicht. Der Motor surrt so leise, dass man das Klarinetten-Intro in Tschaikowskys fünfter Sinfonie endlich auch beim Autofahren hören kann und leider auch jede klangliche Facette von "Stups, der kleine Osterhase". Für eine Immer-in-Eile-Mama ist die Motorleistung (109 PS) gewöhnungsbedürftig, im Eco-Modus fühlt es sich an, als hätte jemand Klebstoff in den nicht vorhandenen Tank gekippt. Im Normal-Modus zieht das Auto besser, braucht von Null auf 100 aber immer noch 14 Sekunden. Und es sinkt sogleich die Reichweite, die offiziell 200 und in der Stadt bis zu 300 Kilometer beträgt. Und bei Tempo 123 ist Schluss. Seufz! Aber vielleicht eine gute Erziehung für Eltern mit Hang zum Bleifuß.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite