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Lynk & Co 01 im Test:Bitte nicht kaufen: das Abo-Auto

Elektromodell Lynk&Co 01 aus China

Ein bisschen Porsche im Blick: Der Lynk & Co 01 liegt als sportlich gestyltes Mittelklasse-SUV voll im Trend.

(Foto: Lynk & Co)

Lynk & Co bietet seinen Kompakt-SUV im Monatsabo für 500 Euro an. Selbst das Untervermieten ist erlaubt. Für wen lohnt sich das?

Von Georg Kacher

Lynk & Co gehört wie Volvo, Lotus und eine Minderheitsbeteiligung an Daimler zur chinesischen Geely-Gruppe. Die 1986 von Li Shufu gegründete Firma hat mit Zeekr gerade eine neue Elektro-Nobelmarke gegründet, 2017 Terrafugia (baut Flugzeuge mit Strassenzulassung) gekauft, entwickelt mit dem Suchmaschinen-Riesen Baidu günstige E-Autos und will gemeinsam mit dem iPhone-Produzenten Foxconn zum Auftragsfertiger für andere Hersteller werden.

Im Geely-Verbund sieht sich Lynk & Co als Lifestyle-Marke für hippe Quereinsteiger und alternative Digitalos, die mit Konventionen wenig am Hut haben und deren Verhältnis zu materiellen Dingen durch die Maxime Nutzen statt Besitzen treffend beschrieben ist. Man kann den Lynk 01 zwar kaufen - die Plug-in-Variante ist mit 42 000 Euro rund 5000 Euro günstiger als der weitgehend baugleiche Volvo XC40 T5 Recharge. Doch neun von zehn Kunden zahlen lieber 500 Euro im Monat für ein Nutzungsrecht mit Rundum-Sorglospaket.

Das Auto ist ordentlich produziert und komplett ausgestattet, doch erst die ungewöhnlich facettenreichen Nutzungsmöglichkeiten unterscheiden Lynk von Wettbewerbern. Dass man den Wagen ohne finanzielle Einbußen zum Beispiel schon nach drei Monaten zurückgeben und nur einen Monat später einen neuen bestellen kann, ist ebenso von Vorteil wie die selbsterklärende App, die Mitgliedschaft in der Community und der freie Zugang zu Clubs in Amsterdam und Göteburg, demnächst auch in Hamburg und Berlin.

Der Lynk 01 ist weitgehend baugleich mit dem Volvo XC40

Klar, dass das Handy nicht nur als Kontaktbörse, sondern auch als Autoschlüssel funktioniert. So kann der Nutzer sein Auto bei Nichtgebrauch innerhalb der Gemeinschaft stundenweise teilen oder längerfristig vermieten. Das Problem: Mit maximal 1250 Freikilometern pro Monat kommen Vielfahrer und Vielvermieter nicht weit. Außerdem müssen die Mitglieder den Preis untereinander aushandeln, ein Hol- und Bringservice ist nur für Wartungsarbeiten vorgesehen, und zur Haftungsfrage gibt es kaum Informationen.

Fraglich ist auch, wie die junge Marke das gewaltige Restwertrisiko der Mietflotte tragen will - egal, wie oft der Wagen geteilt oder verliehen wird? Die Nutzer kämpfen derweil mit anderen Startproblemen: Weil sich das Netz noch im Aufbau befindet, stand beim ersten Praxistest in Berlin-Mitte der nächste verfügbare Wagen gefühlt irgendwo in Südschweden. Doch wer es geschickt anstellt und im Schnitt eine Tagesmiete von 50 Euro erzielt, wirtschaftet ab dem zehnten Tag in die eigene Tasche, denn Steuer, Versicherung, Wartung, Reparaturen und Reifen sind inklusive.

Elektromodell Lynk&Co 01 aus China

Viel Raum unterm Kuppeldach: Der Lynk & Co 01 hat zehn Zentimeter mehr Radstand als der eng verwandte Volvo XC 40.

(Foto: Lynk & Co)

Instagram-Features für Influencer

Der Lynk 01 will nicht nur Menschen und Güter, sondern auch ein ganz bestimmtes Lebensgefühl transportieren. Man sitzt auf dem schmalen Gestühl zwar nicht sonderlich bequem, dafür beruhigt der Bezug aus recycelten Fischernetzen namens Econyl das Gewissen. Das unten abgeflachte Lenkrad vermittelt gar einen Hauch von Sportlichkeit. Doch die beim Kickdown kurzzeitig durchdrehenden Vorderräder haben viele (Elektro-)Autos. Die beiden einzigen lieferbaren Farben sind schwarz und dunkelblau, das serienmäßige Panoramadach lässt sich erfreulich weit öffnen, und der im Vergleich zum XC 40 um zehn Zentimeter längere Radstand bietet im Fond Erste-Klasse-Beinfreiheit.

Influencer dürften sich eher für die Instagram-tauglichen Features des 01 begeistern. Dazu gehören die Dashcam für Reisevideos, die auf Sehenswürdigkeiten geeichte Frontkamera und der Innenraumknipser für Selfies.

Den 01 gibt es als Mild-Hybrid und als Plug-in-Hybrid, aber noch nicht als reinen Stromer. Bis es soweit ist, tritt das Werksteam Cyan Racing als Marketing-Pausenfüller mit einer 528 PS starken Lynk 03 Limousine in der Tourenwagen-WM an. In Arbeit sind zudem der 02 Crossover, das 05 CUV und der Lynk 04 im Golf-Format. Als erstes Elektroauto erwarten Insider zum Jahreswechsel den 08 mit zwei Motoren pro Achse, 100 kWh-Akku und 700 km Reichweite. Der fast fünf Meter lange 08 ist dem Vernehmen nach das erste Modell auf Basis der modular gestalteten "nachhaltigen Erlebnis-Architektur" SEA, die Geely nach dem Muster von VW und Ford auch Drittanbietern zur Verfügung stellen will - zusätzlich zur einfacheren Foxconn-Matrix.

Dem Volvo in zwei Details überlegen

Beim 01 hat sich Lynk dagegen im Volvo-Teileregal der kompakten CMP-Plattform bedient. Das Resultat ist dem schwedischen Original sogar in zwei Details überlegen. Zum einen verspricht der 14,1 statt 9,7 kWh starke Akku eine deutlich größere E-Reichweite von 69 km, zum anderen läuft der China-Express mit 210 km/h exakt 30 km/h schneller als der abgeregelte Skandinavier. Der Normverbrauch von 1,2 beziehungsweise 2,0 Liter ist in beiden Fällen ein theoretischer Wert.

Elektromodell Lynk&Co 01 aus China

Viel Raum unter dem Kuppeldach: Weil der Lynk 01 zehn Zentimeter mehr Radstand als der XC 40 hat, ist das Platzangebot mit dezidierten Stromern wie dem VW ID.4 oder Audi Q4 e-tron vergleichbar.

(Foto: Frederik Etoall/Lynk & Co)

Die nachmittägliche Fahrt quer durch Berlin absolvierte der Fünfsitzer fast ausschließlich im tadellos leisen Pure-Modus. Power wirkt im direkten Vergleich ungehobelt und laut, Hybrid verteilt die Rollen zwischen dem knurrigen 1,5 Liter-Dreizylinder mit 180 PS und der 60 kW E-Maschine (Systemleistung 262 PS) in Abhängigkeit von Gaspedalstellung und Geschwindigkeit. Das vom Siebengang-DKG portionierte Drehmoment von maximal 425 Nm treibt das Steilheck auf Wusch in acht Sekunden von 0 auf 100 km/h.

22 Assistenzsysteme und Over-the-air-Updates

Doch irgendwie verblassen im Lynk die Eckdaten der alten Auto-Welt gegenüber dem Feuerwerk der Bits und Bytes. Mit 22 Assistenzsystemen übertrifft der 01 beispielsweise die übliche Schutzengel-Grundausrüstung um ein Vielfaches. Apple CarPlay und Android Auto verstehen sich fast von selbst, der mobile WiFi-Hotspot und das Menü für Over-the-air-Updates sind immer mit dabei. Selbst im tiefsten Brandenburg erlaubt das unerwartet stabile Internet störungsfreies Streaming, Nutzer- und Fahrzeugdaten lagern gut verschlüsselt in der Cloud. Nur auf die Freischaltung des Carsharing-Icons müssen wir noch ein paar Wochen warten.

Am Ende des Tages wundert es kaum, dass Lynk & Co das Monatsabo ohne Kündigungsfrist ins Zentrum seiner Kampagne stellt. Denn wer erwirbt schon ein Auto einer Marke, die es eigentlich noch gar nicht gibt, die mit Pop-up-Stores und Clubs Werbung macht und alle Kundenbeziehungen über das Internet abwickelt? Auch wenn Abo-Autos von der Branche bereits als der nächste Trend gehypt werden: Ob sich das rechnet, muss sich erst noch herausstellen. Auch beim Car Sharing ohne feste Stationsbindung haben die großen Hersteller bisher draufgezahlt.

Für die Nutzer steht und fällt der Reiz mit der landesweiten (besser noch globalen) Verfügbarkeit, der perfekten Logistik und einer Modellpalette, die mehr Varianten offeriert als einen solitären Neo-SUV ohne besondere Eigenschaften, dem schon ein sortenreiner Batterieantrieb zu deutlich mehr Coolness und Zeitgeist verhelfen würde - von einem mutigeren Design ganz zu schweigen.

© SZ/mai
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