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Volvo und Geely:Steig ein

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Ohne Gurt, aber mit Sektglas: Geely-Chef Li Shufu und Volvo-Chef Håkan Samuelsson posieren 2015 auf der Automesse in Shanghai.

(Foto: Karin Olander/dpa)

Die Traditionsmarke Volvo gehört bereits dem chinesischen Konzern Geely. Nun sollen die Autohersteller sich noch enger aneinanderbinden - und in den Fabriken und an den Börsen kooperieren.

Er hatte sich nichts anmerken lassen: Ruhig wie stets diskutierte Volvo-Chef Håkan Samuelsson in der vergangenen Woche die Zahlen des vergangenen Jahres (ganz ordentlich) und die Aussichten für die Zukunft. Man müsse sich bei den Technologien konzentrieren, weil die Ressourcen knapp seien, erklärte er. Und führte dabei so ungefähr jeden technischen Bereich auf, der für den Automobilbau relevant ist: Dieselmotoren, zu teuer. Eigene Auto-Software, zu teuer. Etwa 700 000 Wagen - damit ist Volvo eben nur ein kleiner unter den Premiumherstellern.

Doch soll sich das nun ändern, wie am Montag offenbar wurde. Samuelsson und die chinesische Muttergesellschaft Geely planen, den Fahrzeugbau zusammenzulegen. Es ist ein interessantes Projekt, in vielerlei Hinsicht. "Eine Verbindung der beiden Firmen würde eine starke weltweit präsente Gruppe ergeben", erklärte Li Shufu, Gründer und Chef der Geely Holding Group. Er freue sich, gemeinsam mit dem Volvo-Chef, weitere Synergien auszuloten. Wie ein Volvo-Sprecher auf Nachfrage erklärte, soll dieser Prozess rasch ablaufen; bis Ende des Jahres will man die Unterlagen an der Börse in Hongkong eingereicht haben. Vor allem darum geht es: Mit diesem Schritt könnte ein zumindest mittelgewichtiges Konstrukt an den offenen Kapitalmarkt gehen - und Geld einsammeln.

Die Ankündigung ist ein Symbol dafür, wie die zwei Kulturen sich angenähert haben

An sich sind die Verhältnisse bereits festgezurrt: Volvo ist, so schwedisch der Autobauer daherkommen mag, bereits seit einem Jahrzehnt im Besitz des vergleichsweise unbekannten chinesischen Konzerns Geely, der eine spannende Aufstiegsgeschichte hinlegt. Geely - auf Chinesisch bedeutet das: "Glück verheißend" - stieg 1989 in die Autoproduktion ein, Gründer Li kaufte ein altes Motorenwerk. Weil damals nur Staatskonzerne in China Autos fertigen durften, behalf sich Li mit einem Trick: Er baute Wagen mit Zweizylindermotor, weil die offizielle Definition mindestens drei Kolben vorsah. 2001 erhielt Geely die Lizenz zum Bauen richtiger Autos. Die ersten Modelle waren dennoch recht merkwürdige Gefährte: zum Beispiel ein Rolls-Royce-Klon mit eingebautem Thron. Oder der erste Sportwagen Chinas. Spitzengeschwindigkeit: 145 Kilometer pro Stunde.

2007 besuchte Li die Automesse im US-amerikanischen Detroit. Mit einem Dolmetscher machte er sich auf den Weg zum Stand von Ford. "Ich heiße Li Shufu und komme von Geely, einer Autofirma aus China", stellte er sich vor, "ich hätte Interesse daran, Volvo zu kaufen". Damals gehörte der schwedische Konzern noch zu Ford. Höflich teilten die Amerikaner ihm mit, Volvo stehe nicht zum Verkauf. Es heißt, dass sie einigermaßen verwundert waren von der Offerte des ihnen unbekannten Mannes. Drei Jahre später änderten sie ihre Meinung. 1,8 Milliarden Dollar zahlte Geely an Ford. Aus dem einstigen Sanierungsfall ist eine Erfolgsgeschichte geworden. In Chinas großen Städten sieht man inzwischen überall Volvos.

Börsengelistet sind bislang jedoch weder Volvo, noch die interessanten und vielversprechenden neuen Automarken von Geely namens Lynk&Co und Polestar, und auch nicht die Geely Holding, sondern nur die kleine Sektion Geely Automotive, die unter diesem Namen in China Autos verkauft. Wenn plötzlich vier Marken unter einer Kennnummer gelistet sind, wird die Aktie interessanter, es gibt neuen Spielraum für Investitionen. Und Samuelsson müsste nicht mehr ganz so oft darauf verweisen, dass Volvo zu klein sei, um viel stemmen zu können.

"Diese Ankündigung zeigt, dass man sich gefunden hat", sagt Stefan Bratzel, Auto-Fachmann der Hochschule Bergisch-Gladbach. Es sei ein Symbol dafür, dass sich die chinesische und die schwedische Kultur angenähert haben - was vor allem Li gefällt. Er kommt damit dem Westen als Markt noch näher, der westlichen Technologie und diesem so europäischen Image der Marke Volvo. Eine organisatorische Zusammenführung könnte technische Entwicklungen beschleunigen und Geld sparen. Und es sei ein Zeichen dafür, dass Geely auch mehr Zusammenarbeit mit der fünften Marke haben möchte: An Daimler ist man zu zehn Prozent beteiligt.

Schon jetzt arbeiten Geely und die Tochterfirma Volvo technisch zusammen. So wird die kleine Fahrzeugplattform mit dem internen Namen "CMA" beim Volvo XC 40 eingesetzt, aber auch bei Autos der jungen Geely-Marke Lynk&Co. Und auch Verbrennermotoren sollen alle Marken künftig in einer gemeinsamen Geely-Firma entwickeln und nicht jeder für sich. Hier aber zeigt sich, dass das alles nicht ganz so einfach ist: Vergangene Woche sagte Samuelsson, dass dieses Verbrenner-Projekt endlich zum Laufen gebracht werden sollte. Er klang ein wenig genervt.

Über die Frage, was die Zusammenführung für das Volvo-Image bedeutet, darüber scheinen sich zumindest die Herren in China Gedanken zu machen. Man wolle den Wettbewerbsvorteil und die Integrität der individuellen Marken "pflegen", ließ sich Li zitieren. Und in Schweden heißt es auf Nachfrage, dass Volvo auf jeden Fall seine Zentrale in Göteborg behalte. Und dass auch der mögliche neue Autokonzern hier seine Zentrale haben könnte, oder in Hongkong. Möglich sei aber natürlich ebenso China. Dort, wo der Eigentümer sitzt.

© SZ vom 11.02.2020
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