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Gravelbikes im Test:Zwei Räder für alles

Das BMC „Urs One“ ist mit einem Dämpfungssystem ausgestattet, das an eine menschliche Bandscheibe erinnert.

(Foto: Philipp Forstner/Schönauer)

Gravelbikes haben sich vom Nischenprodukt zum Trend entwickelt. Die Modelle von Cannondale und BMC zeigen, wie vielfältig diese Räder sind. Doch es gibt auch Unterschiede.

Es kann befreiend wirken, sich nicht festzulegen. Im Leben gilt das sowieso, aber auf dem Fahrrad trifft das auch zu, es existieren ja so viele köstliche Möglichkeiten: Soll die Tour über Straßen verlaufen oder auf Wegen durch den Wald? Wollen wir richtig Tempo machen oder lieber auf schmalen Pfaden an der Fahrtechnik feilen? Nehmen wir das Rennrad oder das Mountainbike? Die schönste Antwortet darauf lautet: Einmal alles, bitte! Das geht natürlich nicht, schon klar.

Aber das Gravelbike ist ein Kompromiss auf zwei Rädern, der die Universalerfüllung dieser Wünsche wenigstens greifbar macht. Seit etwa fünf Jahren bieten Hersteller diese Räder mit Rennlenker und breiten Reifen nun an, und wahrscheinlich darf man mittlerweile von einem erfolgreichen Trend sprechen. In den meisten Läden stehen Modelle herum, auf Radwegen kommen sie einem immer häufiger entgegen, und die Zahl der Jedermann-Rennen, Marathons und sonstigen organisierten Touren auf dem Gravelbike ist zuletzt auch regelrecht explodiert.

Das gilt auch für die Vielfalt der Modelle, die unter der Bezeichnung angeboten werden. Es drängt sich der Eindruck auf, dass sich die Ingenieure und Entwickler auch nicht festlegen wollen. Das müssen sie auch gar nicht, denn das Gravelbike unterliegt, anders als zum Beispiel Rennräder oder die klassischen Wettkampf-Crossräder, keinem technischen Reglement des Welt-Radsport-Verbandes UCI. Ingenieure dürfen sich in dieser Kategorie also austoben und fröhlich experimentieren - Reifenbreiten, Radgrößen, Lenkerformen, Dämpfungssysteme, Aufnahmen für Transporttaschen und so weiter. Gelegentlich fragt man sich dann, ob da ein Mountainbike in ein Rennrad eingekreuzt wurde oder ein Rennrad ein paar Spuren Mountainbike-Erbgut abbekommen hat.

Am Anfang ein leicht überraschendes Fahrgefühl

An zwei aktuellen Modellen lässt sich die gegenwärtige technische Ausdifferenzierung von Gravelbikes beobachten. Beide Räder fallen mit neuen Dämpfungssystemen auf: das "Urs" des Schweizer Herstellers BMC und das "Topstone" der US-amerikanischen Marke Cannondale. Beide Konzepte, das in aller Kürze vorab, verleihen den Rädern ein verblüffend weiches und trotzdem kontrolliertes Fahrgefühl.

Das Dämpfungssystem am Cannondale nennt sich Kingpin und nutzt im Wesentlichen die Flexibilität des Materials Karbon. Das Sitzrohr, das vom Sattel zum Tretlager verläuft, funktioniert dabei wie eine große Blattfeder. Das ist möglich, weil die Sitzstreben über zwei Kugellagern mit dem Sitzrohr verbunden sind und wie ein Gelenk wirken. Auf Höhe des Sattels ermöglicht dies einen Federweg von etwa 30 Millimetern. Theoretisch lasse das Material einen noch längeren Federweg zu, sagt der entwickelnde Ingenieur Darius Shekari von Cannondale. Aber vermittele dann einen Fahreindruck, der für viele Kunden noch zu ungewohnt sei.

75 Millionen Fahrräder

stehen in den Radkellern und Garagen in Deutschland - vom Stadtrad übers Mountain- sowie Gravelbike bis zum Rennrad und dem mit Elektromotor ausgestatteten Pedelec. Und die Zahl der Zweiräder wird stetig größer: Allein in den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres wurden nach Angaben des Branchenverbands ZIV etwa 2,9 Millionen Fahrräder und Pedelecs verkauft - das war ein Zuwachs von 3,2 Prozent. Die Zahlen für das Gesamtjahr wird der ZIV voraussichtlich im März präsentieren.

Tatsächlich führt das weiche und für ein solches Rad deswegen noch leicht überraschende Fahrgefühl am Anfang zu einer kleinen Plattenparanoia: Auf dem Silvesterdreck und dem scharfen Rollsplitt in der Stadt war auf einer Testfahrt gleich zweimal der hintere Reifen platt. In der Folge tauchte dann mehrere Male kurz der Eindruck auf, der hintere Reifen verliere schon wieder Luft. Aber dann Entwarnung, stimmt ja gar nicht, das Gravelbike ist nur gut gefedert. Im Gelände verleiht dies dem Topstone neben Komfort spürbar mehr Kontrolle auf ruppigen Untergrund. Auf Asphalt fährt sich das Rad angenehm ruhig, wenn auch gelegentlich ein leichtes Wippen am Heck zu spüren ist.

Gravel-Rad mit Bandscheibe

Die Schweizer von BMC haben in ihrer Gravel-Interpretation "Urs" eine Art Bandscheibe konstruiert, die für Dämpfung und Traktion am Hinterrad sorgen soll. Das Systems namens Micro Travel Technology (MTT) besteht aus einem schwarzen Elastomer-Element, das kurz vor dem Ansatz am Sitzrohr in den Sitzstreben eingebaut ist. Der elastische Kunststoff funktioniert eben ähnlich einer menschlichen Bandscheibe in der Wirbelsäule und er verformt sich bei Stößen.

Laut BMC resultieren daraus etwa zehn Millimeter Federweg. Urs fährt sich noch ein wenig weicher als das Topstone von Cannondale. Gewiss liegt das auch an den breiteren Reifen, die BMC auf den DT Swiss Laufradsatz montiert hat: Die WTB Resolute messen 42 Millimeter in der Breite. Auf dem Topstone sitzen 37 Millimeter breite WTB Riddler. Beide Varianten lassen sich mit geringem Luftdruck fahren, was wohl einen noch stärkeren Dämpfungseffekt ausübt als die beiden eigenes dafür konstruierten Systeme am Rahmen.

Gravelbike Cannondale Topstone

Auch das Gravelbike „Top-stone“ von Cannondale setzt auf Komfort und bessere Kontrolle durch eine Federung: Die Sitzstreben sind mit einem Gelenk am Sitzrohr verbunden.

(Foto: Cannondale)

Allerdings, auch das sei gesagt, kann dies im Fall einer Reifenpanne recht lästig werden: Um niedrige Luftdrücke fahren zu können, muss ein Reifen fest in den Felgen sitzen. In der Praxis sieht das so aus, dass man ziemlich stramm aufpumpt, bis der Mantel überall in Position geflutscht ist und dann wieder Luft ablässt. Bei einer Panne unterwegs ist es aber fast unmöglich mit einer Mini-Pumpe oder einer kleinen Druckluftkartusche dazu ausreichend Druck in den Reifen zu bekommen. So hoppelt man dann auf unrundem Rad bis zur nächsten Standpumpe - und wenn die weit weg ist, dann ist das ziemlich nervig. So gesehen steckt sehr viel Mountainbike in manchen Gravelbikes, denn mit diesem Problem wurde man bisher eher auf dem Bergfahrrad konfrontiert, wo es seit längerem angesagt ist, mit verhältnismäßig geringem Luftdruck zu fahren.

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