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Schnellladen von E-Autos:Von wegen Druckbetankung

Schnäppchen-Stromer: E-Auto aus zweiter Hand oder neu kaufen?

Der Traum vom E-Auto kann schnell zum Albtraum werden, wenn man (anders als hier) nicht gleich einen Platz zum Laden findet.

(Foto: dpa-tmn)

Neue Elektroautos überbieten sich mit maximalen Ladeleistungen. Doch in der Praxis fließt der Strom viel langsamer als versprochen. So werden Langstrecken zur Tortur.

Kommentar von Joachim Becker

Sommer, Sonne, Urlaubszeit. Das (Elektro-)Auto gehört immer häufiger dazu. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres war mehr als jeder fünfte Neuwagen ein Batteriemobil - ein Plus von fast 200 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Zusammen mit Plug-in-Hybriden kommen die alternativen Antriebe sogar auf 38 Prozent. Prima Klima also, möchte man meinen. Doch die Ferienzeit ist auch der erste Stresstest für frischgebackene E-Mobilisten: lange Strecken, Affenhitze (die Klimaanlage frisst Reichweite) und dann das nervtötende Warten an den Ladesäulen.

Und welche Unorte man auf Befehl des Navis ansteuern muss! Im Nirgendwo der Betriebshöfe, neben der Lkw-Waschanlage oder auf abgelegenen Ecken der Autobahnparkplätze. Die Aufenthaltsqualität auf solchen Industriebrachen ist: null. Von einer annehmbaren Gastronomie oder wenigstens einem Buletten-Brater keine Spur. Die Elektro-Pioniere waren mit Proviant, sonnigem Gemüt und einem guten Buch im Gepäck auf Unbill vorbereitet. Doch lesen kann man in der Bahn besser - und ist meistens auch noch schneller unterwegs.

Bei einem aktuellen Selbstversuch mit dem BMW iX3 wurde die 900 Kilometer lange Strecke aus dem Münchner Umland nach Frankfurt und zurück zum zwölfstündigen Horrortrip (zuzüglich Aufenthalt in Frankfurt). Nettoladezeit: zwei Stunden, die anfänglich volle Batterie nicht eingerechnet. Selbst an einem Ultraschnelllader von Fastned gönnte sich der BMW höchstens 100 der angeblich verfügbaren 350 kW Ladeleistung. Doch die Freude währte nicht lange: Nach zehn Minuten purzelt die Ladeleistung in den Keller - trotz bester Bedingungen mit halbvoller Batterie. Ab 80 Prozent SOC (state of charge) wird der Energiefluss ohnehin auf ein Tröpfeln gedrosselt. Also grübelt man ständig über die beste Ladestrategie: lieber öfter und kürzer? So viel Kaffeepausen braucht kein Mensch.

Der Testwagen von BMW ist beileibe kein Einzelfall. Fast alle Elektroautos zicken bei der Druckbetankung - zum Schutz der rasch alternden Batteriezellen. Was für Ottonormalverbraucher nur in Urlaubszeiten ein Problem ist, trifft Berufsfahrer umso härter: Wer im Firmenwagen mehr als 25 000 Kilometer im Jahr abspult, bekommt mit dem schwer kalkulierbaren Stromnachschub schnell Terminprobleme.

Dienstwagen und gewerblich zugelassene Fahrzeuge sind für rund drei Viertel der CO2-Emissionen von Neuwagen in Deutschland verantwortlich - das zeigt eine aktuelle Studie von Transport & Environment (T&E). Der Zusammenschluss von Umweltverbänden kritisiert, dass deutsche Firmenwagen im Schnitt 157 Gramm CO2 auf 100 Kilometer ausstoßen. Sie würden damit die klimaschädlichste Flotte in Europa bilden. Und überhaupt: Wenn alle neuen gewerblich zugelassenen Fahrzeuge bis 2030 elektrifiziert würden, dann hätte Deutschland kein Problem damit, die derzeit diskutierten höheren Klimaziele im Verkehrssektor zu erreichen.

Fast die Hälfte der Plug-in-Hybride, die in ersten fünf Monaten dieses Jahres zugelassen wurden, sind Dienstwagen. Warum 87 Prozent der Firmenfahrzeuge noch immer einen Verbrennungsmotor haben? Weil nicht jeden Tag Urlaub ist - und kein Vertreter oder Manager mit Kundenkontakt ständig um zwei Uhr nachts nach Hause kommen möchte. Ladezeit ist schließlich auch Lebenszeit.

© SZ
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