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Camping:Neu gegen alt

Seit 30 Jahren gibt es den VW California, den Urtyp des Campingbusses. Eine Reise in Gegenwart und Vergangenheit - mit einem nagelneuen T6 und einem T3 aus den Achtzigerjahren.

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T3 und T6 direkter Vergleich

Quelle: Matthias Kohlmaier

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Ob die Eagles und ihr Klassiker "Hotel California" etwas mit dem Namen zu tun hatten, lässt sich nicht abschließend klären. Gewiss dürfte sein, dass das kalifornische Lebensgefühl - Sonne, Meer und vor allen Dingen ganz viel Freiheit - exakt beschreibt, was Fans des beliebten Campingbusses von Volkswagen suchen. In diesem Jahr feiert der California 30. Geburtstag. Seine frühe Fangemeinde hat er sich aber noch unter anderem Namen erarbeitet.

Denn schon seit den Fünfzigerjahren konnten Reisende im VW Bulli die Welt erkunden, ohne ein Hotelzimmer buchen zu müssen. Populärer wurde er ab den späten Siebzigern, als Aufbauhersteller Westfalia den ausgebauten T3 unter dem Namen Joker auf den Markt brachte. Eine noch steilere Karriere machte der Bulli dann ab 1988 mit dem Sonder- und bald darauf Serienmodell "California". Der mit damals 39 900 Mark rund 10 000 Mark günstigere Bus wurde zum Bestseller. Der California verzichtete auf ein paar Details, wie etwa die beim Joker übliche Isolier-Doppelverglasung, und kommt von Beginn an entweder mit Hoch- oder Aufstelldach.

T3 und T6 Camping

Quelle: Matthias Kohlmaier

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Das faltbare Zelt auf dem Dach hat für viele Käufer den Vorteil, dass der Bus mit einer Höhe von knapp über zwei Metern in fast alle normalen Garagen und Parkhäuser passt. In Kombination mit dem im Vergleich zum Westfalia niedrigeren Preis wird er in vielen Familien zum Mehrzweckfahrzeug: in den Ferien zum Campingplatz an den Gardasee, ansonsten als braver Transporter zu Supermarkt, Schule und Arbeitsplatz.

VW bewirbt ihn aber natürlich vorwiegend als Urlaubsmobil, etwa zur Markteinführung des T4-Reisebusses im Jahr 1990: "Hotel California. Ruhige Lage, komfortable Ausstattung, Panorama garantiert." Fast 160 000 Californias hat VW bis heute verkauft, und die Nachfrage wird nicht weniger. Das gilt nicht nur für die Generation, die mit den Eagles großgeworden ist, oder für diejenigen, die mit Urlauben im VW-Bus aufgewachsen sind. Die Textzeile "You can check out any time you like / But you can never leave!", wird jeder unterschreiben, der einmal mit einem Bulli unterwegs war. Was im Eagles-Song dramatisch gemeint ist, bedeutet für viele Camper: einmal VW-Bus, immer VW-Bus! Schon vor Jahren hat sich so auch der Autor dieses Textes von seiner Frau anstecken lassen, die als Kind sämtliche Ferien im Bulli der Familie verbracht hat. Der damals vierjährige Gebrauchte kostete 1989 die Schwiegereltern 24 000 Mark; dank Kultstatus und Campingboom dürfte der Wert des Oldtimers heute deutlich darüber liegen. Zum 30-jährigen California-Jubiläum und weil der Familien-T3 immer noch rollt, eine Doppel-Testfahrt gen Italien: mit einem topausgestatteten und gut 80 000 Euro teuren T6 California in der Variante Ocean und einem seiner Urahnen, dem Westfalia Sport Joker, Baujahr 1985.

T3 und T6 Camping

Quelle: Matthias Kohlmaier

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In den Fond des T3 zu steigen, fühlt sich ein wenig an wie ein Besuch bei der Großmutter: Es sieht alles aus, wie es immer ausgesehen hat. Und es riecht so, wie es immer gerochen hat. Ja, man fühlt sich sogleich daheim. Übrigens wäre der Joker seinerzeit auch schon mit Küchenzeile zu haben gewesen. Für die Schwiegereltern war das aber keine Option - für zwei Erwachsene und drei Kinder brauchte es fünf Sitzplätze. Also begnügte man sich mit einem Kühlschrank direkt am Einstieg. Insgesamt hat sich in puncto Einrichtung derweil - never change a camping system - wenig verändert. Der Küchenblock mit Spüle, Herd sowie Kühlschrank und später Kühlbox liegt seit jeher aufgereiht hinter dem Fahrersitz. Eine Aufteilung, mit der VW stilbildend gewesen ist und die von der Konkurrenz weitgehend übernommen wurde.

Restlos begeistert war die Frau des Autors im neuen California übrigens vom Kleiderschrank mit automatischer Innenbeleuchtung und Kleiderstange (im Bild rechts hinter der Sitzbank). Eigentlich gar nicht sehr camperhaft, aber natürlich trotzdem ein Plus. Die hübschen Jalousien und Griffe an Schubladen und Schränken im T6 liefen allerdings schon nach ein paar Tagen etwas hakelig. Mit der Unverwüstlichkeit von Omas T3-Rückbank, unter deren Klappmechanismus sich eine Menge Stauraum versteckt, kann der neue Bus eher nicht mithalten. Oma würde wohl lapidar sagen: neumodisches Plastik-Glump!

T3 und T6 Camping

Quelle: Matthias Kohlmaier

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Eines lernen Campingbusnovizen zügig: Wer unten schläft, verpasst viel. Nicht nur ist die Luft oben im Aufstelldach besser, der Blick nach draußen macht auch direkt beim Aufwachen gute Laune. Das Faltdach besteht beim California aus wasserabweisendem Material, nach vorne und zu den Seiten gibt es große, mit Mückennetzen bespannte Fenster, die sich per Reißverschluss verschließen lassen. Das Dach lässt sich elektrisch per Knopfdruck aufstellen. Das Handling des Joker-Daches braucht hingegen Muskelkraft und für die gute Aussicht musste einst nachgerüstet werden.

Bleibt die Frage: Warum hat sich in den vergangenen Jahrzehnten beim Einstieg ins obere Schlafzimmer nichts getan? Denn dorthin muss man noch immer umständlich und ohne Hilfe über den Fahrersitz und dessen Armlehne klettern. So überlegt man es sich wirklich sehr genau, ob man nachts den Weg zur Toilette auf sich nehmen möchte oder lieber bis zum Morgengrauen wartet. Auch ist der integrierte Lattenrost im neuen Bus nur in der Theorie von Vorteil - denn der überträgt jede schlaftrunkene Bewegung.

T3 und T6 Camping

Quelle: Matthias Kohlmaier

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Wer die Hände auf das riesige Lenkrad des alten T3 legt, sieht sich sofort in Flanellhemd und Baseballkappe durch den Mittleren Westen der USA cruisen. Oder wenigstens durch Südtirol. Solches Truckerfeeling kommt im neuen California natürlich nicht auf, aber das will der Bus ja auch gar nicht vermitteln. Er will sich fahren wie ein wendiger Pkw, was ihm meist problemlos gelingt. Dank Automatik mit Sieben-Gang-Doppelkupplungsgetriebe gleitet man wie in einer Sänfte über die Straße - also einer Sänfte, die von vier sich sehr synchron bewegenden Trägern geschultert wird, die auch wirklich jede Bodenwelle abfedern. Die Servolenkung tut ihr Übriges. Dazu sind sämtliche Aggregate übersichtlich angeordnet, das zentrale Entertainment- und Assistenzsystem ist einfach zu bedienen.

Übersichtlich ist im alten Westfalia freilich auch alles, und der fünfstellige Tachometer auf den Reisen der Schwiegerfamilie durch ganz Europa bereits zweimal komplett durchgelaufen. Autofahren ist hier noch ein Stück weit Arbeit, aber eine stressfreie. Allzu zügig geht es mit den 52 PS schließlich nicht voran, und an längeren Anstiegen auf der Autobahn kann es schon vorkommen, dass man ein paar Lkw passieren lassen muss. Aber geschenkt, so vom einen king of the road zum anderen. Denn das Schöne am alten Bulli ist ja: In seiner Elderstatesmanhaftigkeit gibt er dem Fahrer gar keine Chance, in irgendeine Form von Hektik zu verfallen. Kommen wir nicht in einer Stunde an, dann eben in zweien.

T3 und T6 Camping

Quelle: Matthias Kohlmaier

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Findest du meinen Hintern in Weiß-Blau zu dick? Nun, zu dick vielleicht nicht, aber zugelegt hat der Camper über die Generationen auf jeden Fall. Der T6 ist nicht nur gut 30 Zentimeter länger und etwa sechs Zentimeter breiter als sein beige-farbener Vorfahre; er ist auch um etwa 900 Kilogramm schwerer. Aber das schiebt der Neue lässig auf Motorisierung und Technik - Fortschritt darf ein bisschen was wiegen. Außerdem bringen breitere Hüften natürlich auch zusätzlichen Stauraum. Unter anderem, weil er über den massig verfügt, hat der T6 kürzlich im ADAC-Vergleichstest die Konkurrenz hinter sich gelassen. Währenddessen kokettiert der Alte mit dem magischen "H" am Ende seines Kennzeichens. Das trägt er als Joker schon seit einigen Jahren, die Californias der ersten Generation bekommen es erst in diesem Jahr.

Fahrräder passen derweil zwar auch im neuen California nicht in die Heckklappe, ansonsten ist er aber ein Raumwunder und zeigt in vielerlei Hinsicht, wie sich Campingbusse von einst nach jetzt entwickelt haben. Zwei Stühle sind in der Heckklappe versteckt und müssen nicht wie beim Joker auf dem Dach über der Fahrerkabine transportiert werden. So lässt sich nach der Ankunft und vor der Abreise auf Turneinlagen samt Expanderverknotungen verzichten. Auch der Tisch verschwindet im T6 per Klickmechanismus in der Schiebetür. Das war zwar auch schon beim T5 so - man weiß solch elegante Lösungen aber immer wieder zu schätzen.

T3 und T6 Camping

Quelle: Matthias Kohlmaier

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Zuerst einmal zeigen dieses und das folgende Bild: Camping als Ehepaar mit und ohne kleine Kinder sieht sehr unterschiedlich aus. Sie zeigen aber auch: Nicht nur beim Verstauen von Stühlen und Tischen hat der VW-Bus über die Jahre an Praktikabilität gewonnen. Die Markise am T6 ist ihr Gewicht in Gold wert. Per unter der Rückbank versteckter Kurbel ist sie binnen Minuten ausgefahren und auf ihre beiden Füße gestellt. Stühle und Tisch aufklappen - und den Schwager im T3 mit klugen Ratschlägen beim Aufbauen des Vorzelts unterstützen. Sehr angenehm ist es auch, dass die Markise bei Platzregen oder spontanem Tagestrip zügig wieder eingeholt werden kann. Von Auf- und Abbau sowie ein paar Extravaganzen abgesehen, unterscheidet sich das Campingerlebnis zwischen den beiden Bussen aber kaum. Daran gab es werksseitig ja auch nicht viel zu optimieren, wenigstens solange das Wetter mitspielt.

T3 und T6 Camping

Quelle: Matthias Kohlmaier

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Angesprochen wird man am Campingplatz, wie sich herausgestellt hat, übrigens mit beiden Busgenerationen. Während sich um den Sport Joker gern Kenner und Oldtimer-Liebhaber scharen, die sich vor allem dafür interessieren, ob man eine Werkstatt empfehlen kann, zieht auch der neue California Ocean den ein oder anderen Nachbarn an. In diesen Unterhaltungen geht es zwar eher um Sonderausstattungen und Neuerungen gegenüber den Vorgängern (Tipp für alle T6-Käufer: Vor dem Verreisen unbedingt Historie und aktuelles Handbuch auswendig lernen), aber allein ist man mit einem Bulli nur selten.

© SZ.de/mkoh

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