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Berlin startet "Jelbi":Wie eine App beim Abschied vom eigenen Auto helfen soll

BVG stellt neue App vor

Das bunte Angebot aus Leihfahrrädern, Carsharing, E-Rollern, Nahverkehr und Taxis soll den Berliner künftig das Leben erleichtern.

(Foto: Paul Zinken/dpa)

Busticket kaufen, Mietwagen buchen oder Taxi bestellen - das alles über eine App. Berlin versucht mit dem Mobilitätsangebot "Jelbi", den Titel als deutsche Stauhauptstadt loszuwerden.

Es ist keine zwei Wochen her, seit Berlin zur Stauhauptstadt 2018 gekürt wurde. Mit 154 Stunden zusätzlicher Fahrzeit müssten sich Autofahrer dort herumärgern, hat Inrix errechnet. Laut dem Anbieter von Verkehrsinformationen sei dies nur fünf Prozent weniger als 2017. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) hätten sich also keinen besseren Zeitpunkt aussuchen können, um das "Bündnis für die Mobilität von morgen" vorzustellen.

Ob zeitlich abgepasst oder nicht, die mediale Aufmerksamkeit für das Berliner Verkehrsprojekt "Jelbi" ist groß. Die am Montag angekündigte App soll ab diesem Sommer insgesamt 25 Mobilitätsangebote zusammenführen: Leihfahrräder, Car- und Ridesharing, E-Roller, Nahverkehr, Taxis. Verfügbarkeit und Routenplanung, aber auch die jeweilige Buchung der Angebote wird mit wenigen Klicks innerhalb eines einzigen Benutzerkontos möglich sein.

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Christof Schminke zufolge ist es kein Zufall, dass Berlin als erste europäische Metropole diesen großen Schritt geht: "In Berlin kommen verschiedene Voraussetzung zusammen: zahlreiche Anbieter, viele Einwohner und die Herausforderung des starken Verkehrs", erklärt der Deutschland-Chef des Start Ups Trafi, das die App technologisch umsetzt: "Was hier passiert, ist, dass eine Stadt all das sieht und den Schritt nach vorne wagt, um sich zu verbessern." Schminke sieht weltweit einen hohen Bedarf für solche Systeme: "Ich spreche fast täglich mit Städten, die diese Überlegungen anstellen."

Die BVG will in Zukunft nicht nur "Mobilität aus einer Hand anbieten", sondern ihr Gründungsversprechen für die Zukunft erweitern. Ziel sei es, die sich verändernden Bedürfnisse der Berliner zu erfüllen: digital, bedarfsgerecht und mobil. "Der ÖPNV als Rückgrat des städtischen Verkehrs ist aus unserer Sicht immer der prädestinierte Initiator und Betreiber einer lokalen Mobilitätsplattform", so die Verkehrsbetriebe.

Deswegen initiierte die BVG die Zusammenarbeit mit dem litauischen Unternehmen Trafi, im Oktober 2018 unterschreiben beide den Vertrag. Die Mobilitätspartner des Bündnisses akquirierte die BVG erst im Anschluss. Dass Berlin den Markt mit den meisten Anbietern in Deutschland hat, kommt einem vielseitigen Mobilitätsangebot natürlich entgegen.

Doch nicht nur das breit aufgestellte Bündnis macht Jelbi zu einem vielversprechenden Projekt: Dass von einem einzigen Konto aus alle Anbieter gesteuert werden, sieht Schminke als einen der Vorteile der Trafi-Technologie. Mit hinterlegter Kreditkarte oder Paypal-Konto können alle Bezahlungen zentral gesteuert werden. Die einmalige Verifikation des Führerscheins ermöglicht die Nutzung aller Carsharing-Angebote. Hinzukommen die sogenannten Mobilitätshubs, die durch die Zusammenarbeit mit dem Wohnungsunternehmen Gewobag entstehen sollen: An verschiedenen Verkehrsknotenpunkten werden Sammelstellen für die Sharing- Fahrzeuge eingerichtet, die Jelbi-Nutzer mit der App buchen können.

In Helsinki ist man mit "Whim" schon einen Schritt weiter

Der Markt für solche Anwendungen ist noch übersichtlich, oftmals konzentrieren sich die Konzepte nur auf eine gewisse Nische: So sind Plattformen wie Door2Door oder die Volkswagen-Tochter Moia vereinzelten Städten auf Ridesharing-Angebote spezialisiert. Einige der konkurrierenden Anbieter sind zudem mit größeren Konzernen verflochten, wie etwa das Pilotprojekt Ioki mit der Deutschen Bahn oder die Moovel-App als Produkt eines Daimler-Start-ups. Hier ist die Auswahl an Fortbewegungsmöglichkeiten kleiner und Nutzer müssen sich für die Buchung innerhalb der App noch einmal beim jeweiligen Konto anmelden.

Dass vernetzte Mobilitätsangebote auch für die Stadtplanung nützlich werden können, verrät ein Blick nach Helsinki. Dort zeigt MaaS Global, was möglich ist: Die App Whim verbindet nicht nur Routen und Buchungen, sie sammelt zudem Daten über das Verkehrsaufkommen und Belastungen der Infrastruktur - mit denen die Stadt an ihren Bau- und Fahrplänen arbeiten kann. Auch bei der Bezahlung sind die Finnen weiter: Dank eines Abos können Nutzer für 49 Euro pro Monat Nahverkehr und Leihfahrräder kostenlos nutzen, Taxis und Mietwagen gibt es vergünstigt.

Mit Jelbi ist beides noch nicht möglich. "Die Software dafür haben wir. Momentan befinden wir uns aber in Deutschland noch im ersten Schritt: Wie kombinieren wir die Angebote? Wenn wir daraus gelernt und die Nutzung erfolgreich vernetzt haben, können wir Städte dabei unterstützen, die Optimierung des Verkehrs anzugehen und über eine Flatrate nachzudenken", kündigt Trafi an. Davon könnte auch die Berliner Senatsverwaltung für Verkehr profitieren: "Wir sind gespannt auf die Erfahrungen aus diesem Pilotprojekt und werden schauen, wie wir das Konzept des Mobilitäts-hub langfristig für Berlin nutzen können."

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