20 Jahre ESP:Reaktionsschnell und immer wachsam

Mercedes 600 SEC, Baureihe C 140

Der Mercedes 600 SEC der Baureihe C 140 war 1995 das erste Auto, das mit ESP ausgerüstet wurde.

(Foto: Daimler AG)

Die ESP-Software basiert auf einem mathematischen Modell mit Idealwerten für alle erdenklichen Fahrsituationen, die der Rechner ständig mit den Sensordaten über Lenkwinkel, Raddrehzahlen, Bremsdruck und Drehbewegung vergleicht. Weichen die Ist-Werte zu stark von den programmierten Soll-Daten ab, werden blitzschnell Bremsimpulse aktiviert, die das Auto auf Kurs halten.

Die größte Stärke des Stabilitätsprogramms ist seine Schnelligkeit: Die Erfassung des Eigenlenkverhaltens und der Bremseneingriff erfolgen binnen Sekundenbruchteilen. Und anders als ABS kann ESP den Fahrer in allen Situationen unterstützen - beim Beschleunigen ebenso wie bei der Vollbremsung, im Rollen ebenso wie beim schnellen Ausweichen vor einem Hindernis.

Drei Jahre hat die Programmierung der Software des ersten ESP-Prototypen gedauert, den Bosch 1989 erstmals einem Hersteller vorführen konnte. Aus den USA war eine Delegation von Ford angereist, alles funktionierte bestens. Trotzdem lehnten die Amerikaner ab. Die neue Technik war dem US-Autobauer zu teuer.

Anschubhilfe durch den Elchtest

Dann zeigte Daimler-Benz Interesse an der "Fahrdynamik-Regelung". Die Stuttgarter erkannten den großen Sicherheitseffekt dieser Technik, denn sie hatten bereits ein eigenes System in der Entwicklung, das später jedoch ad acta gelegt wurde. "Wir machen das", sagten die Daimler-Leute schließlich im Jahre 1992. Sie verlangten aber, dass die Technik schon Anfang 1995 serienreif sein sollte.

Monate später ging ESP im S-Klasse Coupé von Mercedes erstmals in Serie und wäre wahrscheinlich für lange Zeit ein teures Extra geblieben, wäre 1997 nicht die A-Klasse beim berühmten Elchtest gekippt. Nach langem Zögern und vielen Krisensitzungen entschied der Daimler-Vorstand damals, den Kompaktwagen serienmäßig mit ESP auszustatten und so die Kippgefahr zu bannen.

Damit wurde ESP quasi über Nacht zum Großserienbauteil. Denn der A-Klasse folgten andere Modelle und andere Hersteller, deren Kunden ebenfalls nach dem Sicherheitssystem verlangten. Heute sind weltweit rund zwei Drittel aller Personenwagen mit ESP ausgerüstet. Seit das System per Gesetz zur Serienausstattung aller neu zugelassenen Autos gehört, stieg die Ausrüstungsquote in der EU auf immerhin rund 84 Prozent.

Schlüsseltechnologie für viele andere Assistenzsysteme

Der "Vater" des Stabilitätsprogramms ist seit 2003 im Ruhestand, hält aber noch immer Vorlesungen und berät Autofirmen. Anton van Zanten hätte zweifellos mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung verdient, denn längst steht fest, dass seine Erfindung neben dem Gurt die wichtigste Sicherheitstechnik im Auto ist - wirksamer als ABS und Airbag zusammen.

Das beweisen zahlreiche Studien und Analysen unabhängiger Institute. So stellte die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) fest, dass die Zahl der schweren Landstraßenunfälle von Autos mit ESP um 48 Prozent geringer ist. Wären alle Personenwagen mit dem System ausgestattet, könnte es laut einer Studie der Uni Köln in Europa jährlich rund 4000 Auto-Insassen vor dem Unfalltod bewahren. In den USA gehen staatliche Unfallforscher sogar davon aus, dass ESP jährlich rund 10 000 Menschenleben retten kann - fast viermal mehr als der Airbag.

Und die Bedeutung des Stabilitätsprogramms steigt weiter. Denn van Zantens Erfindung ist zu einer Schlüsseltechnologie geworden, auf der viele der modernen Fahrer-Assistenzsysteme basieren - von der automatischen Notbremsung vor einem drohenden Auffahrunfall über den Spurhalte-Assistenten bis zur Seitenwindstabilisierung.

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