Umwelt Fischer beanspruchen mehr als die Hälfte der weltweiten Ozeanfläche

Auf mehr als der Hälfte der weltweiten Ozeanfläche sind Fischkutter unterwegs.

(Foto: Global Fishing Watch)
  • Forscher haben Daten von über 70 000 Fischereischiffen ausgewertet. Es ist die bisher umfangreichste Auswertung globaler Fischererdaten.
  • Sie zeigen, dass der industrielle Fischfang weltweit etwa 55 Prozent der gesamten Ozeanfläche beansprucht.
  • 85 Prozent aller Schiffe, die auf Hoher See fischen, stammen aus fünf Ländern.
Von Jan Schwenkenbecher

Etwa 90 Millionen Tonnen Fisch zogen Fischer im Jahr 2015 aus den Weltmeeren. Doch welche Schiffe sich wie lange wo befanden - und ob sie sich nur dort aufhielten, wo sie das auch durften -, war lange Zeit nicht nachzuvollziehen. Zur Überprüfung konnte man lediglich auf die nationalen Monitoring-Systeme zurückgreifen, teils mussten sich Kontrolleure gar auf Logbücher und Berichte verlassen.

Im September 2016 startete Google mit den Nichtregierungsorganisationen Oceana und Skythruth das Projekt "Global Fishing Watch", das sich zur Aufgabe gesetzt hat, die weltweiten Fischereiaktivitäten transparent zu machen. Gemeinsam mit Forschern der Universitäten Stanford und Kalifornien sowie der Dalhousie Universität Halifax veröffentlichten sie nun eine Auswertung der weltweiten Fischereiaktivitäten im Fachmagazin Science. Wie die Forscher schreiben, ist ihre Arbeit die bisher umfangreichste Auswertung der globalen Fischerei.

Die Hotspots der globalen Fischerei

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Die Daten zeigen, dass sich die industrielle Fischerei auf etwa 55 Prozent der kompletten Ozeanfläche erstreckt. Die beanspruchte Fläche ist damit mehr als vier Mal größer als der Raum, der weltweit für Landwirtschaft genutzt wird. Vermutlich erstrecke sich die globale Fischerei sogar auf eine noch größere Fläche, schreiben die Forscher in ihrer Studie. Denn einerseits blieben die vielen kleinen Schiffe unberücksichtigt, andererseits sei in einigen Regionen die zur Auswertung benötigte Satellitenabdeckung unzureichend gewesen. Dabei macht Wildfang - also jene Fische, die in Meeren gefangen und nicht in Aquakulturen gezüchtet werden - nur etwa 1,2 Prozent der globalen Kalorienproduktion für menschliche Lebensmittel aus. Das sind etwa 34 Kalorien pro Tag.

Die Schiffe verbrauchten 19 Milliarden Kilowattstunden Energie

Die Forscher werteten 22 Milliarden automatische Identifikationsnachrichten aus den Jahren 2012 bis 2016 von über 70 000 Fischereischiffen aus. Jedes größere Schiff verfügt über ein sogenanntes Automatisches Identifikationssystem (AIS), das beständig Position, Fahrtrichtung, Geschwindigkeit und den Schiffsnamen meldet. Das System soll helfen, Kollisionen zu vermeiden und hilft, illegalen Fischfang aufzudecken. Die Forscher werteten damit nur einen kleinen Anteil aller Fischereischiffe aus. Andere Studien schätzen diesen auf weltweit etwa 2,9 Millionen motorisierte Schiffe. Dennoch erfassten sie mit ihrer Methode über 75 Prozent aller Schiffe mit einer Länge von mehr als 36 Metern und zwischen 50 und 75 Prozent aller mehr als 24 Meter langen Schiffe. Es gibt zahlreiche kleinere Fischerboote, die aufgrund ihrer Größe nicht zur AIS-Meldung verpflichtet sind.

Für das Jahr 2016 beobachteten die Forscher, dass die in die Auswertung einbezogenen Schiffe insgesamt 40 Millionen Stunden fischten. Würde sich ein einzelner Fischer so lange auf See begeben, er wäre über 4500 Jahre unterwegs. Die Schiffe verbrauchten 19 Milliarden Kilowattstunden Energie, genug um 3,8 Millionen Fünfpersonen-Haushalte ein Jahr lang mit Strom zu versorgen. Zudem fuhren sie insgesamt 460 Millionen Kilometer. Das macht umgerechnet stolze 11 500 Erdumrundungen.

Mit den Daten konnten die Forscher außerdem die weltweit beliebtesten Fischfanggebiete aufzeigen: die europäische Atlantikküste und das Mittelmeer, die chinesische Pazifikküste und die Gewässer um Japan sowie der Atlantik vor Argentinien und Afrika. Wenige bis gar keine Fischkutter fahren im südlichen Ozean. Die meisten Fischer bewegen sich in der 200-Meilen-Zone des Landes, aus dem sie stammen. Hingegen verteilen sich 85 Prozent der kompletten Hochseefischerei auf Boote aus den fünf Staaten China, Spanien, Taiwan, Japan und Südkorea. Mehr als die Hälfte dieser Schiffe kam dabei aus China.

Um die Weihnachtszeit nahmen Aktivitäten europäischer Fischer ab

Interessanterweise zeigte die Auswertung auch, dass sich kurzfristige ökonomische Effekte - etwa ein steigender Ölpreis und höhere Treibstoffkosten oder Umwelteinflüsse wie Stürme - nur wenig auf die Fischerei auswirkten. Während der durch das Wetterphänomen El Niño ausgelösten Wassererwärmung im Sommer 2015 fuhren die Schiffe einfach 70 bis 90 Kilometer weiter südlich. Beeinflusst wurden die Fischereiaktivitäten jedoch stark durch Ferien und Feiertage. Um die Weihnachtszeit nahmen Aktivitäten europäischer und nordamerikanischer Fischer ab, chinesische Schiffe waren während des dortigen Neujahrsfests seltener unterwegs. Die Chinesen lassen sich hingegen von Wochenenden nicht beeinflussen, Europäer und Nordamerikaner schon.

Ihre Auswertung haben die Forscher auf einer interaktiven Internetseite dargestellt. Sie hoffen, so schreiben sie in der Publikation, dass die von ihnen aufbereiteten Daten helfen werden, die globale Ozeanpolitik zu verbessern.

Die Menge der aus den Meeren gezogenen Fische ist in den letzten dreißig Jahren zwar relativ konstant geblieben, der Wert schwankte stets um 90 Millionen Tonnen. Der Fischkonsum steigt, wird aber von Aquakulturen ausgeglichen. Dennoch sind der UN Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO zufolge immer mehr Gebiete vollständig überfischt - was zeigt, das 90 Millionen einfach zu viel sind.

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