Überfischung der Meere Was noch auf den Teller darf

Interaktive Grafik von Greenpeace Welchen Fisch dürfen wir noch essen?

Greenpeace hat seinen Einkaufsratgeber für Fische und Meeresfrüchte aktualisiert und streicht manch beliebtes Tier von der Speisekarte. Unabhängige Wissenschaftler können den Empfehlungen meist, aber nicht immer folgen.

Von Kathrin Burger

Fisch ist gesund, bekömmlich und voller Nährstoffe. Er gehört zu den wenigen Lebensmitteln, die nicht umstritten sind, wenn es um die Gesundheit geht. Ein- bis zweimal die Woche sollte eine Fischmahlzeit auf der Speisekarte stehen, empfiehlt sogar die Deutsche Gesellschaft für Ernährung.

Doch die Meere sind über große Gebiete leer gefegt, viele Bestände sind bereits zusammengebrochen. Die Welternährungsorganisation FAO schätzt, dass weltweit 57 Prozent der Speisefischbestände bis an die Grenzen genutzt und 30 Prozent überfischt oder erschöpft sind. Ist es da überhaupt noch vertretbar, Fisch zu essen?

Laut dem jetzt erschienenen Fischratgeber 2013, erstellt von der Umweltorganisation Greenpeace, sollten Verbraucher aus ökologischen Gründen weniger Fisch essen - und wenn, dann zumindest die richtige Wahl treffen. Und diese Wahl will Greenpeace mit seinem Ratgeber erleichtern, der seit 2008 etwa alle zwölf Monate erscheint. Er bewertet mehr als 100 Arten hinsichtlich ihrer ökologischen Nachhaltigkeit. Das Faltblatt steht im Internet unter www.greenpeace.de zum Herunterladen bereit.

So sollten die Verbraucher nach Ansicht von Greenpeace dieses Jahr etwa auf die Makrele verzichten. Auch Aal, Dornhai (Schillerlocke) und Rotbarsch stehen auf der Roten Liste der Umweltorganisation. Andere Arten wie Lachs, Schellfisch und Dorade seien nur empfehlenswert, wenn sie aus nachhaltiger Wildfischerei oder Aquakultur stammen. Den Lieblingsfisch der Deutschen, den Seelachs, sollte man nach wie vor lieber im Laden lassen, Karpfen und Afrikanischen Wels hingegen dürfe man ohne Bedenken einpacken.

In der Fisch-Fibel sind die Arten jeweils mit roter (nicht empfehlenswert) oder grüner (noch empfehlenswert) Farbe versehen. Zudem zeigen Icons an, aus welchem Fanggebiet und mit welcher Fangmethode die Fische eingeholt wurden. So werden etwa Fallen und Leinen in der Fisch-Fibel als umweltfreundliche Methoden gehandelt, vereinzelt auch sogenannte Ringwaden oder Stellnetze, so etwa beim Pazifischen Lachs. Ein Kabeljau hingegen bekommt nur dann grünes Licht, wenn er im Golf von Alaska oder im Nordostpazifik, in der Subregion FAO 67, ins Netz ging.

Wissenschaftler sind sich allerdings nicht einig, inwieweit der Greenpeace-Ratgeber auf harten Fakten beruht. Die Bewertungsmethode haben hauseigene Experten vor fünf Jahren entwickelt, dann wurde sie von unabhängigen Meeresbiologen in einem Review-Verfahren schrittweise verbessert. "Jeder Fisch und jeder Bestand werden hier in einem ausführlichen Fragenkatalog analysiert. Jedes Detail ist mit wissenschaftlichen Referenzen belegt", lobt etwa Rainer Froese vom Geomar-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Sein Kollege Christopher Zimmermann vom Thünen-Institut für Ostseefischerei ist dagegen etwas kritischer: "Beispielsweise wird die Scholle in der Nordsee im Greenpeace-Ratgeber weiterhin als überfischt bezeichnet, nur weil es hohe Beifänge gäbe. Das eine hat aber mit dem anderen nichts zu tun."

Iris Menn, Fischerei-Expertin von Greenpeace, wehrt sich gegen solche Kritik: "Die Bestände der Scholle in der Nordsee haben sich zwar erholt, sind aber lange noch nicht gut." Zudem würden sie mit einer Art Grundschleppnetz gefangen, bei dem tatsächlich viel Beifang produziert und der Meeresboden komplett umgepflügt werde. "Das ist keine nachhaltige Fischerei." Trotzdem führe die Grundschleppnetzfischerei nicht pauschal zu einer roten Bewertung, wie das häufig fälschlicherweise unterstellt werde. "Wenn es Studien gibt, die für eine bestimmte Fischerei deren Umweltverträglichkeit belegen, dann würden wir das auch mit Grün bewerten." Solche Studien gebe es jedoch bislang nicht.

Auch der World Wide Fund for Nature (WWF) gibt regelmäßig einen Einkaufsratgeber heraus. Bei den Empfehlungen kommt dieser jedoch teilweise zu anderen Schlussfolgerungen. Beim WWF-Leitfaden wird etwa der Seelachs aus dem Nordostatlantik zumindest mit der Signalfarbe Gelb, "zweite Wahl", anstatt wie bei Greenpeace mit Rot bewertet. Auch die Scholle aus der Nordsee ist laut WWF zumindest dann empfehlenswert, wenn diese aus Wildfang stammt. "In der Nordsee gibt es kaum Schollen-Fischereien, die ohne Grundschleppnetze auskommen. Und zu den wenigen anderen gibt es keine guten Daten", erklärt Greenpeace-Expertin Menn. Christopher Zimmermann überzeugt das nicht: "Der WWF-Ratgeber ist dichter an der Wissenschaft."